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Kolumne „Bild der Woche“

Ein Volk, das nicht mehr da ist

Von Katja Petrowskaja
 - 17:23

Ich sehe, was vielleicht alle hier sehen werden, und das ist die Liebe. Ich sehe zwei alte Menschen, ihr zurückhaltendes Lächeln. Die Wärme, die auf uns übergeht, hat das Ehepaar erst für sich gehabt, aufeinander gerichtet. Sie haben keine Kinder. Diese Wärme teilt sich auch zwei anderen Menschen mit, dem Fotografen und der Journalistin. „Kindlein“, sagt die alte Frau. Dann sehe ich eins nach dem anderen: das Alter, die Armut, den Schrank, den Stuhl, zerstreute Medikamente, adrette Kleidung, einen unabgewaschenen Topf. Typische Begleiter der osteuropäischen Rentner.

Ich habe dieses Bild im „National Geographic“ vom September 1986 gesehen. Zwischen den Artikeln „The Intimate Sense of Smell“ und „Invaders from Space – Meteorites“ stand eine große Reportage „Remnants: The Last Jews of Poland“. Ich weiß nicht, was mich mehr mitgenommen hat, der schlichte archäologische Titel des Artikels oder seine naturwissenschaftliche Umgebung, die für die Katastrophe ganz „angemessen“ einen chemisch-kosmischen Rahmen bildete.

Ein polnisches Paar, eine Generation jünger als die Menschen auf dem Bild, die Journalistin Małgoszata Niezabitowska und der Fotograf Tomasz Tomaszewski, geht 1980 für fünf Jahre auf die Suche. In dem Land, in dem sie aufgewachsen sind, gab es früher eine andere Zivilisation. Von den wenigen Überlebenden des Kriegs haben die meisten ihre Heimat nach der antisemitischen Welle von 1968 verlassen. Nach 1970 gab es keinen einzigen Rabbiner mehr in Polen. Das Paar sucht Juden. Es war unmodisch und wirkte für alle verdächtig. Kaum jemand verstand, was sie bewegte. Das Ergebnis dieser Recherche wurde erst im „National Geographic“ veröffentlicht und später als Buch, das auch auf Deutsch erschien: „Die letzten Juden in Polen“.

Die erstaunlichste Geschichte in diesem Buch ist „Minjan von Lublin“. In dieser alten polnischen Stadt, einst einem wichtigen Zentrum des jüdischen Lebens, das in den Büchern von Isaac Bashevis Singer besungen wird und wo die älteste Talmud-Schule gegründet wurde, findet Niezabitowska eine der letzten jüdischen Gemeinden in Polen, die noch Gottesdienste feiern kann. Dazu braucht man ein „Minjan“ – ein Quorum von zehn Männern. Niezabitowska findet sie, diese letzten zehn: alte, meistens einsame Männer, manche wohnen hundert Kilometer von Lublin, unter ihnen zwei Kommunisten und ein Getaufter. Aber sie kommen, um den Gläubigen den Gottesdienst zu ermöglichen. Sie brauchen einander – ein guter Grund zum Leben. Manche sind tatsächlich die letzten Juden in ihrer Stadt. Wie diese zwei auf dem Bild aus Włodowa.

Wir sehen hier „den Frommsten“ des Minjan, Rafael Adar, mit seiner Frau Sara. In Włodowa, neunzig Kilometer von Lublin, haben sie ein eigenes Haus, in dem alles vermenschlicht erscheint. So wie sich Sara an ihren Mann lehnt, lehnt sich die Pyramide aus Fernsehkarton, den in Plastikfolie verpackten Habseligkeiten und einer Decke an den Schrank an. Die Welt ihrer Gegenstände ahmt sie nach, zart und unsicher, sie ist wie sie, alt und einzig. Dieses kleine Mysterium hat etwas Clowneskes: die bunten Habseligkeiten? Der Hut von Rafael?

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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Es gibt viele Bilder in diesem Band, die schöner oder dramatischer sind. Die letzte koschere Metzgerei in Warschau, in der die Menschen wie Witzfiguren wirken. Der letzte jüdische Schneider in Lublin, der seine Tochter verflucht hat, weil sie einen Goi geheiratet hatte: Es gibt aber keine Juden mehr, trotzdem. Zygmunt Warschawer steht in der Mitte der polnischen Hochzeit: Dutzende Bauern haben ihn während des Kriegs versteckt, nun nennen ihn hundert Kinder „Onkel“. Der Vorsitzende der Lubliner Gemeinde sitzt, vom „Vermeer-Licht“ aus dem Fenster beleuchtet, allein am Ende des langen, leeren Tisches und liest aus dem heiligen Buch in der heruntergekommenen Synagoge.

Sein Volk ist nicht mehr da. Er ist Vorsitzender wider Willen, sein Wissen reicht nicht dafür, aber wenn nicht er, dann wer? Einer von den zehn des Minjan möchte erst nicht fotografiert werden: Sie seien keine Affen, die vorgeführt werden können. Er möchte niemanden darstellen. Und das ist es eigentlich, was hier deutlich wird: Es gibt keine Normalität für sie, die nun die Letzten sind und die ganze verschwundene Welt vertreten müssen.

Dieses Bild bewegt mich, auch weil es hier keine Attribute des Judentums oder Zeichen des Verlusts gibt, weil es nichts „repräsentiert“. Nur Sara und Rafael sind da, mit ihren Familiengeschichten, die kein Wort und kein Bild darstellen kann. Wir werden von ihnen mit Wärme aufgenommen. So stehen sie: Irgendwo oben sind Meteoriten, und hier – der intime Sinn der Liebe.

Quelle: F.A.S.
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