Der Fall Jörg Bernig

Wie ernst meint es der Dissident?

Von Patrick Bahners
15.06.2020
, 11:28
Bert Wendsche, Oberbürgermeister von Radebeul, überreicht Jörg Bernig nicht die Ernennungsurkunde zum Kulturamtsleiter, sondern den Radebeuler Kunstpreis. Das war 2013.
Der Schriftsteller Jörg Bernig wollte Leiter des Kulturamts in Radebeul werden. Für sein systemkritisches Milieu in Ostdeutschland schlug die Stunde der Wahrheit.

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer gaben Walter Schmitz und Jörg Bernig mit Fördergeld der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einen 750 Seiten dicken Aufsatzband über „Schriftsteller aus der DDR in der Bundesrepublik“ heraus. Titel: „Deutsch-deutsches Literaturexil“. Der Germanist Walter Schmitz, von der Mosel gebürtig, hatte vor seiner Münchner Promotion in Tübingen für Hans Mayer gearbeitet, den früheren Leipziger Professor, der 1963 von einem Besuch in der Bundesrepublik nicht mehr in die DDR zurückkehrte. 1992 wurde Schmitz an die Technische Universität Dresden berufen.

Jörg Bernig wurde 1964 in Wurzen geboren, der Geburtsstadt von Joachim Ringelnatz. Er studierte in Leipzig und wurde 1996 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über die Schlacht von Stalingrad in deutschsprachigen Romanen promoviert. Sie wurde 1997 im Peter Lang Verlag unter dem Titel „Eingekesselt“ gedruckt. Seit 1998 veröffentlicht Bernig Lyrik und Romane. Seine ersten beiden Romane erschienen in der Deutschen Verlags-Anstalt, spätere Bücher beim Mitteldeutschen Verlag in Halle, der die Rechte an diesen Titeln inzwischen an den Autor zurückgegeben hat. Obwohl seine jüngeren Bücher kaum noch überregionale Resonanz fanden, wurde er 2013 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste gewählt. Am Lehrstuhl von Schmitz war Bernig als Projektmitarbeiter beschäftigt.

Gemeinsam gaben sie 2006 auch einen Band mit „Gesprächen zur literarischen Kultur in Sachsen und Ostdeutschland“ heraus. Die dort transkribierten Gespräche mit Schriftstellern waren zehn Jahre nach dem Fall der Mauer geführt worden; die Fragen verklammerten den Rückblick auf politische Erwartungen in der Wendezeit mit einer kritischen Bilanz der Entwicklung des Literaturbetriebs. Zum Kompendium über die DDR-Schriftsteller in der Bundesrepublik hat Bernig zwei Aufsätze beigesteuert: über Siegmar Faust und Ulrich Schacht, die beide 1976, im Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns, nach der Entlassung aus mehrjähriger politischer Haft nach Westdeutschland übersiedelten. Bernig zeigt sich hier als untadeliger Germanist: Er interpretiert sensibel, belegt gründlich und schreibt eine Prosa ohne Jargon.

Poetik der Entfremdung

An seinem Lyrikerkollegen Ulrich Schacht zeigt Bernig, wie auch die Naturdichtung Schachts dessen Lebensthema des Leidens an der deutschen Teilung verarbeitet. Insofern Schacht die politische Erfahrung des Heimatverlusts unter Rückgriff auf die deutsche Romantik im Sinne einer Poetik der kosmologischen Entfremdung verallgemeinerte, bietet er das beste Bespiel für den vom Titel des Sammelbands postulierten Nutzen des Exilparadigmas für die deutsch-deutsche Literaturgeschichte. Aber Bernig zitiert auch einen Satz, mit dem Schacht selbst 1982 bei einer Lesung in Marburg die Anwendung dieses Deutungsmusters auf seinen Fall zurückwies: „Ich kann in Deutschland kein Emigrant sein.“

Jörg Bernig, dessen literarische Produktion ebenfalls um den Komplex von Heimat, Flucht und Vertreibung kreist, würde seine eigene Einstellung zu seinem Vaterland inzwischen wohl nicht mehr mit dem Satz Schachts bestimmen. Dieser hielt an seiner 1982 formulierten Haltung fest und wanderte, weil sich die Dinge im wiedervereinigten Deutschland nicht nach seinem Geschmack entwickelten, nach Schweden aus – in Deutschland konnte er immer noch kein Emigrant sein. Bernig lebt hingegen in Radebeul bei Dresden und hat sein jüngstes Buch in einer Taschenbuchreihe der Dresdner Buchhandlung von Susanne Dagen veröffentlicht, die den Titel „Exil“ trägt. Die anderen beiden Autoren der Reihe sind Monika Maron und Uwe Tellkamp.

Vor drei Jahren sammelte Susanne Dagen Unterschriften für einen Offenen Brief, der dem Börsenverein des deutschen Buchhandels vorwarf, durch einen Aufruf zur intellektuellen Auseinandersetzung mit Verlagen der rechtsintellektuellen Szene einer „Meinungsdiktatur“ Vorschub zu leisten. Der Titel des Aufrufs lautete „Charta 2017“. Dass die Unterzeichner sich damit in die Kontinuität der „Charta 77“ stellten, der Petition der intellektuellen Opposition der Tschechoslowakei, die am 1. Januar 1977 in mehreren Zeitungen Westeuropas, darunter auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, publiziert worden war, wurde weithin als Anmaßung verurteilt. Genauso meinen es aber die Intellektuellen, die sich im Zuge der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 zu einem mehr oder weniger losen Aktionsbündnis zusammenfanden, mit dem Buchhaus Loschwitz als Basisstation und dem örtlichen Großschriftsteller Uwe Tellkamp als Sprecher: Der systemkritischen Redensart, dass die Regierenden in Berlin auf die Errichtung einer neuen Diktatur aus seien, wollen sie durch Rückgriff auf die Erfahrung der Dissidenten des Ostblocks Substanz verleihen.

Der Ernstfall

Wie ernst diese Behauptungen von Wiederkehr oder Kontinuität zu nehmen sind, das wurde jetzt eine politische Frage, als Jörg Bernig sich um das Amt des Kulturamtsleiters der Stadt Radebeul bewarb. Nachdem der Stadtrat ihn am 20. Mai gewählt hatte, gab es Proteste aus der Stadt wie aus der sächsischen Kulturszene. Der parteilose Oberbürgermeister Bert Wendsche legte Widerspruch gegen die Wahl ein, um einen nochmaligen Wahlgang zu ermöglichen, der für den 15. Juni angesetzt wurde. Am 11. Juni zog Bernig mit einer von Susanne Dagen verbreiteten Erklärung seine Kandidatur zurück.

In einem Offenen Brief – dem Zentralorgan des intellektuellen Protests längst nicht mehr nur linker Couleur – hatten Tellkamp und Dagen Ende Mai die Proteste gegen Bernigs Wahl als Anschlag auf die Demokratie bewertet: „Kritische, von Gesetz und Meinungsfreiheit gedeckte Positionen zu unserer Einwanderungspolitik“ dürften kein Grund zum Ausschluss von öffentlichen Ämtern sein. Einer der Unterzeichner war Sebastian Kleinschmidt, der ehemalige Chefredakteur der Berliner Akademiezeitschrift „Sinn und Form“. Der Publizist Friedrich Dieckmann schrieb einen eigenen Brief an den Oberbürgermeister, in dem er den im Stadtrat unterlegenen Fraktionen Agitation vorwarf. Er schilderte seine Irritationen auch im Mitteldeutschen Rundfunk und in einem langen Artikel in der „Berliner Zeitung“. Mit Dieckmann und Kleinschmidt solidarisierten sich zwei Repräsentanten bürgerlicher Erbepflege unter den ostdeutschen Intellektuellen mit Bernig. Über Kleinschmidt sagte Siegmar Faust 1999 im Interview mit Bernig, er habe „sich wirklich gewandelt“ und „den ganzen marxistischen Ballast abgeworfen“. Der Dirigent Christian Thielemann zog seine Unterschrift unter Tellkamps Brief zurück.

Die Positionen zur Flüchtlingspolitik, die Bernig in mehreren Texten ausgebreitet hat, 2015 in der „Sächsischen Zeitung“, 2016 im Magazin „Cicero“ und im gleichen Jahr in einer „Kamenzer Rede“ zum Gedenken an den in Kamenz geborenen Lessing, gaben Grund zur Nachfrage, weil Bernig sie im Duktus des Dissidenten vortrug, der im Sinne von Václav Havel in der Wahrheit leben will und dann aber im Zweifel auch erklären muss, welche Konsequenzen er für sich aus seiner Wahrheit zieht. Wenn jemand den eigenen Zustand als moralische Ausbürgerung beschreibt, wie will und kann er dann seine bürgerlichen Rechte und Pflichten ausüben? Mit der Radebeuler Affäre schlug die Stunde der Wahrheit für die Dissidenten-Imitatio des Tellkamp-Zirkels.

Vorrevolutionäre Situation seit 2015

Bernig hat festgestellt, dass der deutsche Staat „seine Souveränität“ schon lange vor 2015 „aufgegeben“ habe. Unter Anspielung auf Brechts Gedicht nach dem 17. Juni 1953 beschrieb er eine „Lage, in der die Regierung und auch weite Teile der Medienwelt gegen das Volk regieren“, eine vorrevolutionäre Situation. Gewaltverbrechen gegen Flüchtlinge führte er auf die von der Bundesregierung geschaffene „verzweifelte Lage“ zurück. Nur der Volkszorn, gab er zu verstehen, könne Abhilfe schaffen. Als er sich nun um eine Stelle als städtischer Beamter bewarb, handelte er da als Organ dieses Zorns, oder hat der Zorn sich inzwischen erübrigt?

In den Essays des von Susanne Dagen verlegten Bandes „An der Allerweltsecke“ beschwört er das Reifen der Früchte des Zorns: „Lauter und lauter verschaffen sich diejenigen Gehör, die gegen den Verlust ihrer Angelegenheiten protestieren, dagegen, dass man sie ihnen aus der Hand nimmt, leise und mit Stimmzetteln die altgewohnte politische Dichotomie ignorierend oder auflösend, verschaffen sie sich Zugang zu den Parlamenten und Regierungen – und das, obwohl sie seitens eines Ancien Régime durch Medien, Parteien und diverse gesellschaftliche Gruppen heftig bekämpft werden.“

Der Oberbürgermeister von Radebeul gab zwischenzeitlich die versöhnliche Parole aus, dass es bei der Zuständigkeit für die Kultur auf die politischen Meinungen des Amtsleiters nicht ankomme. Aber Bernig hat seinen Angriff auf die herrschende Politik ausdrücklich damit begründet, dass sie keinen Begriff von Kultur habe, unter „Unkenntnis der Komplexität von Kultur“ leide. „Für nicht wenige der in Deutschland Regierenden scheint Kultur nichts weiter als ein Konzertabonnement zu sein. Kultur regelt aber grundlegend das Zusammenleben.“ Die meisten deutschen Kulturpolitiker sehen ihre Aufgabe allerdings gerade nicht nur in der Ermöglichung des Konzertbetriebs. Oder sie schreiben dieser Kulturförderung eine politische Funktion zu: So behauptet Kulturstaatsministerin Monika Grütters allen Ernstes, die Erhaltung der Grundversorgung mit Kinos diene der Bekämpfung der AfD. Dieses politisierte Verständnis von Kultur begegnet in der Programmatik des Radebeuler Beinahe-Amtsleiters Bernig seinem fratzenhaften Spiegelbild. Das bedeutet aber auch, dass Bernigs Rollenverständnis gar nicht so dissidentisch ist, wie er es sich einbildet.

Exemplarische Radikalisierung

Die Karriere von Jörg Bernig eignet sich für eine Fallstudie einer Entwicklung im ostdeutschen intellektuellen Milieu, für die sich das einfache, aber nicht falsche Stichwort der Radikalisierung eingebürgert hat. Neben der Verschiebung von Ansichten müsste man dabei auch den Ton studieren, in dem sie vorgebracht werden.

Die Doktorarbeit war noch eine Verteidigung der Aufarbeitung der Vergangenheit im Sinne Adornos und Mitscherlichs. Den damaligen politischen Horizont Bernigs markiert die Kritik an der nach Helmut Kohls Wünschen vorgenommenen Gestaltung der Neuen Wache in Berlin: Der Andachtsraum mit der vergrößerten Mutter-und-Sohn-Skulptur von Käthe Kollwitz stehe für die „unkritische und unsensible Vermischung von Tätern und Opfern“. Gerade diese Vermischung ist ein geschichtspolitisches Hauptanliegen der alt-neurechten Publizisten um Götz Kubitschek, in dessen Zeitschrift „Sezession“ Bernig 2019 eine Betrachtung über die revolutionäre Sendung der Sachsen veröffentlichte. „Die Erfahrung der Sachsen, sich gegen ein oppressives System erfolgreich zur Wehr gesetzt zu haben, unterscheidet sie einerseits von Westdeutschen wie Westeuropäern und verbindet sie andererseits mit den anderen Mitteleuropäern – und versetzt sie offensichtlich wieder in die Lage, sich zu wehren.“ Sie sollen nämlich erkannt haben, dass Nationalsozialismus und Multikulturalismus verwandte Ziele verfolgen, „dass die Gebote der ,Reinheit’ wie die der ,Buntheit’ demselben Hirnareal entwachsen sind“.

Wie Heinz G. Konsalik und andere Autoren laut Bernig die Soldaten der 6. Armee als Opfer darstellten und davon abstrahierten, dass das Deutsche Reich den Krieg begonnen hatte und als Vernichtungskrieg führte, so stilisieren sich Kubitschek, Tellkamp und ihre Genossen zu Opfern einer tyrannischen Mehrheitsmeinung. Auch in der DDR gab es Stalingrad-Literatur aus der Perspektive der geopferten Soldaten. Gemeinsam war den auf Entlastung drängenden Autoren auf beiden Seiten der Zonengrenze „eine mehr oder weniger versteckte antidemokratische Grundhaltung“. So negativ charakterisierte Bernig 1996 das gemeinsame nationale Erbe.

Als apologetischen Kernpunkt der Trivialliteratur zu Stalingrad machte er die Schuldabwälzung auf Hitler, Göring und einen kleinen Kreis von Spitzennazis aus. Eine analoge Operation maßloser Übertreibung der Handlungsmacht der Regierung vollzog er in seiner Kamenzer Rede: „Mit der bundesrepublikanischen Hybris scheinen Züge ins politische Milieu zurückgekehrt zu sein, die mit einer nachgerade notorischen Unzufriedenheit der in Deutschland Regierenden mit den von ihnen Regierten einhergehen. Und diese Unzufriedenheit gebar noch je den Griff nach dem Ganzen, dem Totalen.“

In der Dissertation analysierte Bernig, wie die NS-Propaganda den Russlandfeldzug als „Umkehr der Völkerwanderung“ darstellte, als Abwehrkampf gegen die Hunnen, und diese historische Reminiszenz „mit sozialdarwinistischer Ideologisierung“ verknüpfte. Heute benutzt Bernig selbst die Topik der Völkerwanderung. Ebenso sein Verteidiger Dieckmann, der in der „Berliner Zeitung“ von einer „unkontrollierten Masseneinwanderung aus dem muslimischen Orient“ schrieb. Wer in der Qualifikationsschrift nach einem Vorschein des heutigen Polemikers Bernig sucht, geht nicht komplett leer aus. In Alexander Kluges „Schlachtbeschreibung“ fand Bernig soziologische Argumente für die Unfähigkeit der Wehrmacht zum Widerstand. „Das von Kluge gezeigte Problem ist in den 90er Jahren nach wie vor aktuell.“

Die Wiederkehr des Verdrängten

Im Schacht-Aufsatz von 2009 wird die politische Übereinstimmung nicht verborgen. Als Initiator eines 1995 als Zeitungsanzeige gedruckten Offenen Briefes gegen die Rede vom 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung und Mitherausgeber des um den Essay „Anschwellender Bocksgesang“ von Botho Strauß komponierten Bandes „Die selbstbewusste Nation“ machte Schacht in Bernigs Deutung das Verdrängte des wiedervereinigten Deutschland öffentlich: Auch die Bundesrepublik sei 1990 untergegangen.

Gegen Schacht und seine Ko-Autoren wurde noch einmal „die in der alten Bundesrepublik über Jahrzehnte eingeübte Engführung von ,rechts‘, ,national‘, ,nationalistisch‘ und ,nationalsozialistisch‘ in Stellung“ gebracht. Die Folge war, so Bernig 2019 in der „Sezession“, „dass linkes bis linksextremes Gedankengut auch von der sogenannten Mitte der Gesellschaft verinnerlicht und gleichsam verbürgerlicht worden war“. Schacht hatte „die normativen Meinungen in der alten Bundesrepublik“ herausgefordert, und zwar, so Bernig mit einer geistreichen Anspielung auf Günter Gaus, „aus einer Nische der westlichen Gesellschaft heraus“. Bernig merkte an, dass sich „ostdeutsche Intellektuelle kaum je“ an diesen Debatten beteiligten. Das hat sich ein Vierteljahrhundert später komplett geändert. Heute gibt es in Bernigs Worten „ein Identitätsangebot aus dem Osten“.

Bernigs Resümee der Debatte um „Die selbstbewusste Nation“ führt vor Augen, dass die Fronten des geistigen Bürgerkriegs, den die AfD und ihre Sympathisanten in der Kulturwelt ausgerufen haben, schon in den Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung gezogen wurden. Auf dem „Staatsgelände der dritten deutschen Republik“ tobte sich laut Schacht seit 1990 „das Blockwartsystem der westdeutschen PC-Gesellschaft und ihrer PC-Kommissare“ aus. Nicht einmal die Zeitungen der „Welt“-Gruppe, für die Schacht bis 1998 als leitender Redakteur tätig war, konnten sich in seiner Wahrnehmung dem regierungsamtlichen Gesinnungsterror entziehen. „Entscheidend aber war der Einfluss des Kanzleramts auf die Springer-Konzernspitze: Wir sind kaltgestellt worden und durften kaum noch schreiben.“ Kurz vor seinem Tod unterschrieb Ulrich Schacht noch wie Bernig die „Gemeinsame Erklärung 2018“, das neonationalistische Manifest der Merkel-Feinde.

Der Stachel der Zurücksetzung

In einem Zitat aus der Besprechung eines Schacht-Gedichtbandes, die 1981 in dieser Zeitung erschien, setzte Bernig hinter die Wendung „bei uns“ zur Bezeichnung der Welt, von welcher der Rezensent Schacht abhob, ein Ausrufezeichen in Klammern. Schacht lebte damals schon fünf Jahre lang bei uns. Hier markierte Bernig beiläufig einen Stachel, der ein mächtiges Motiv im Syndrom der heutigen Pseudo-Dissidenz bildet: das Gefühl der Zurücksetzung im ostdeutschen Bildungsmilieu, wie es in der Literatur zur Pegida-Zeit auch schon seine Darstellung gefunden hat, so gerade erst in Ingo Schulzes Roman „Die rechtschaffenen Mörder“. Die durch die Krise von 2015 angeblich aufgeworfene Schicksalsfrage hat Bernig auf die Formel gebracht: Bundesrepublik oder Deutschland?

Siegmar Faust erklärte 1999 im Gespräch mit Bernig, warum er das Amt des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen nach vier Jahren aufgegeben hatte, indem er auf die von ihm bewunderten amerikanischen Klassiker der Beat-Literatur verwies. „Diese Kühnheit des Denkens, auch in Zeiten, wo es einem vielleicht gut geht, wo man sich etabliert hat, wieder ein Risiko einzugehen, sich in Frage zu stellen, auszusteigen, zur Besinnung zu kommen: Das ist ja keine Resignation, sondern ein Wiederauferstehen.“ Ekel flößten ihm nach seinem Bekenntnis die „diplomatischen oder plumpen Lügen“ des politischen Betriebs und der öffentlichen Auseinandersetzung ein. „Und die größten Lügner, Utopisten, Fanatiker, Schaumschläger und Wirrköpfe, die machen hier Politik, und die Blöden in der Masse glauben gar an den Müll, der in den Zeitungen steht oder gar als authentisch über den Bildschirm flimmert; das ist der größte Betrug. Da könnte man sich ja ständig nur aufregen.“

Auch der liberale Staat kann vormundschaftliche Züge ausbilden, und zur Kritik herrschender Meinungen gehört seit jeher die Warnung vor der verdeckten Diktatur. Ein Ferment dissidenter Intelligenz könnte der Öffentlichkeit gut tun, und Überempfindlichkeit ist allemal besser als Unempfindlichkeit. Beim Blick in Bernigs jüngere Schriften ist das Eklatante die Vergröberung im Stil wie in der Sache. Wo er als Grundgedanken von Schachts Erneuerung der Heimatliteratur die Unmöglichkeit der Rückkehr herausgearbeitet hatte, wettert er heute gegen die „stets mit Hochgeschwindigkeit verbundene Idealisierung und Dekretierung jener Globalisierung, die letztlich auf Auslöschung von Region und Nation angelegt sind, ,Heimat’ bestenfalls einem Hashtag zuerkennen und im Digitalisierten verorten wollen“. Eine mit der Schablone produzierte politische Essayistik kann im literarischen Sinne nicht als dissident gelten.

Leiden an der Sauberkeit

Das Ressentiment der Kulturkritik, das zweifellos auch heute noch intellektuell produktiv sein könnte, gebiert, wenn Bernig sich als Besucher osteuropäischer Buchmessen von Deutschland abwenden kann, ein verkrampftes Lob des Unhygienischen: „Das Sterile deutscher S-Bahnen, Busse und Straßenbahnen wird in Belgrad oder Breslau oder Prag deutlich als das, was es auch ist: als Weltablehnung.“ Gleichheit tötet Keime: „Die Welt soll noch bei den Transportmitteln den Büroräumen oder den Wartearealen von Behörden angeglichen werden, der Mensch erscheint und empfindet sich in all dem als Störenfried.“

Bernigs Rückzugserklärung trägt den pathetisch lakonischen Titel „Was zu sagen ist“. Die Anspielung auf das israelfeindliche Gedicht von Günter Grass „Was gesagt werden muss“ ist sicher unbeabsichtigt. In der „lokalen Auseinandersetzung um das Kulturamt“ möchte deren Protagonist verständlicherweise etwas Größeres sehen: „ein Menetekel der Beschneidung von Freiheit, der Verhinderung von Vielfalt“. Verächtlich wird das Ideal der Diversity gegen die PC-Gesellschaft ausgespielt. Bernig behauptet: „Unliebsames Denken und unbequeme Personen sollen verdrängt werden. Die dabei verwendeten Werkzeuge reichen von Unterstellung, Verheimlichung, Verdrehung bis zu Stigmatisierung. Es handelt sich um Handlungsweisen aus dem Repertoire des Totalitären.“ Gehandelt haben aber Schriftstellerkollegen Bernigs und andere zivilgesellschaftliche Akteure, mit den Mitteln des öffentlichen Meinungskampfes. Offene Briefe, wenn sie nicht von der eigenen Seite kommen, mit den Instrumenten der Geheimpolizeidiktatur gleichzusetzen, die Siegmar Faust und Ulrich Schacht einkerkerte: Das dokumentiert einen vollständigen Verlust der Unterscheidungskraft.

Den Horizont eines neuen mitteleuropäischen Konservatismus umreißt Bernig in einem der Reiseberichte des „Exil“-Bändchens so: „Gustav Mahler sprach irgendwo vom ,Hüten der Glut, nicht vom Aufbewahren der Asche‘.“ Mahler spricht davon, wie der Wiener Germanist Gerald Krieghofer nachgewiesen hat, nur im Internet. Die wahre Quelle dieser heute in der rechten Pamphletistik überall zitierten Definition von Tradition ist eine Rede des französischen Sozialisten Jean Jaurès. Allerdings wird der Sinnspruch auch bei Falschzuschreibung gewöhnlich in schlüssigerer Form tradiert. Der Gegensatz zum Aufbewahren der Asche ist nicht das bloße Hüten der Glut, sondern deren Weitergabe.

Bundesrepublik oder Deutschland? Jörg Bernigs Deutschland ist eine ziemlich ortlose Sache mit schimärischen Grenzen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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