Die russische Sängerin Manizha

Auch Männer fühlen sich als „Russische Frau“

Von Kerstin Holm
12.07.2021
, 19:25
Kämpferische Arbeiterin im roten Overall: Manizha beim Songwettbewerb der Eurovision.
Keine Angst vor großen Träumern, aber auch nicht vor Fehlschlägen und harter Arbeit: Die russisch-tadschikischen Popsängerin Manizha spricht über aggressiven Feminismus, Rassismus und Kühnheit.

Die tadschikischstämmige Popsängerin Manizha, die beim Eurovisionswettbewerb Russland mit dem Lied „Russian Woman“ vertrat, zog dafür Anfeindungen auf sich, wurde aber auch zum Symbol eines neuen Selbstbewusstseins nichtslawischer Russländer und solcher mit Migrationshintergrund. Die dreißig Jahre alte Manizha, die Folklore mit Soul und Hiphop mixt und auf Russisch, Englisch und Tadschikisch singt, engagiert sich als UN-Botschafterin des Guten Willens für Flüchtlinge und Migranten aus islamisch geprägten Ländern. Wir erreichen sie per Videotelefonat auf einem Folklore-Festival in der Hauptstadt von Baschkortostan, Ufa, wo sie multiethnische Musik darbietet und natürlich „Russian Woman“. Manizha spricht mit Wärme, lacht oft.

Für Ihr Lied „Russian Woman“ bekamen Sie in Russland viel Beifall, es gab aber auch eine Hasskampagne im Netz. Sind die Angriffe inzwischen abgeflaut?

Immerhin bekomme ich keine Drohungen mehr. Die Unterstützung nimmt zu. Nach dem Wettbewerb fuhr ich in die Polarregion Taimyr, dort begegnete mir auf der Straße eine Frau mit einem Rentier aus dem kleinen Volk der Nganasanen. Sie fragte, ob ich Manizha sei, die bei der Eurovision gesungen habe. Als ich bejahte, steckte sie sich feierlich eine Pfeife an und dankte mir, dass ich von den russischen Frauen gesungen hätte wie noch niemand zuvor. Russland ist multiethnisch, was oft ausgeblendet wird, es ist ein Nachfahre der brüderlichen Sowjetgesellschaft.

Sie traten dann auch in einem Moskauer Kinderheim mit dem Lied auf.

Zum 1. Juni, dem Tag des Kinderschutzes, organisiert der Erste Kanal des Staatsfernsehens Geschenke für Kinderheime. Die Kinder dieses Heims wollten, dass Manizha kommt und mit ihnen „Russian Woman“ singt. Darin heißt es, dass Kinder ohne Papa aufwachsen, dass zerbrochene Familien einen nicht zerbrechen. Von den Erwachsenen hören die Waisen aber, normal seien zwei Elternteile, das verunsichert sie. Dabei gibt es so viele zerbrochene Familien, bei mir fehlte der Vater. Unter meinen Mitarbeitern hat keiner eine vollständige Familie. Das ist normal.

Sie reden viel mit Teenagern wie jetzt in Ufa. Was bewegt die Jugendlichen?

Sie fragen, wie man eine starke Frau wird, wie man Selbstvertrauen gewinnt, wie man sich selbst liebt. Ob man zum Psychologen gehen soll. Sie werden in den sozialen Netzwerken ständig beurteilt, durch Likes und Kommentare. Sie kämpfen gegen eine Depression und gegen die Meinung der traditionellen patriarchalischen Gesellschaft, die sie nicht so akzeptiert, wie sie sind.

Was raten Sie den jungen Menschen?

Dass sie keine Angst haben sollen. Dass sie viele Fehler machen werden, und dass sie das akzeptieren müssen. Dass sie nicht aufhören sollen, an die verrücktesten Ideen zu glauben. Denn das können nur Kinder und Jugendliche, selbst Kreative bewahren sich diese Fähigkeit im Erwachsenenalter selten.

Sie engagieren sich für die LGBT-Gemeinde und für Frauenrechte, haben aber gesagt, Sie seien keine Feministin.

Es gibt einen alten Witz: Was ist in einer orientalischen Gesellschaft für eine Frau schlimmer, Prostituierte zu sein oder Feministin? Die Antwort lautet: Feministin ist schlimmer. Ich stamme aus einer traditionellen Familie und habe mir viele traditionelle Werte bewahrt. Frauen im Kaukasus und in Zentralasien trauen dem Feminismus nicht, er ist ihnen zu radikal. Sie vom Wert eines freien Lebens zu überzeugen ist schwierig, weil sie Angst haben vor dem aggressiven Feminismus und sich dann einfach verschließen.

Sie und Ihre Mutter gründen eine Nichtregierungsorganisation, um Frauen mit traditioneller Mentalität, aus dem Kaukasus, aus Zentralasien oder Flüchtlingen in Russland zu helfen. Warum ist das notwendig?

Der Nordkaukasus gehört zu Russland, die zentralasiatischen GUS-Staaten sind russisch geprägt. Dennoch sind unsere Mentalitäten sehr unterschiedlich. Wenn sich eine Frau im Kaukasus scheiden lässt, werden ihr normalerweise die Kinder weggenommen, zumeist kann sie auch nicht zu den Eltern zurückkehren, das wäre peinlich. Man verliert alles. Viele Frauen fürchten sich daher, einen solchen Schritt zu tun, weil der Staat und das geltende Recht sie nicht unterstützen. Wir haben ein gemeinsames Ziel, reden darüber aber in verschiedenen Sprachen. Es ist wichtig, dass der Feminismus – dass du Rechte, dass du die Wahl hast, dass das normal ist – in die Sprache von Menschen mit orientalischer Mentalität übersetzt wird. Man muss sich Zeit nehmen, die richtigen Worte finden, wozu westliche Frauen oft keine Lust haben. Sie verstehen nicht, warum es unmöglich sein soll, sich scheiden zu lassen. Sie befinden sich auf einer anderen Entwicklungsstufe. Es gibt aber Länder und Menschen, die noch einen weiten Weg vor sich haben.

Die russische Lebensmittelkette VkusVill, die unlängst mit Bildern eines lesbischen Paares warb, hat diese Werbung inzwischen gelöscht und sich dafür entschuldigt.

Mir tut es weh, wie schlecht bei uns Rechte geschützt werden. Die Leitung von VkusVill zeigte zuerst Mut und bekam dann Angst. Einerseits kann ich die Unternehmensleitung verstehen, sie hat etwas zu verlieren. Aber dass VkusVill sich öffentlich entschuldigt hat, war peinlich.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Rassismus in Russland?

Wenn ich ein Geschäft betrete, wie unlängst den Duty-Free-Laden im Moskauer Flughafen Scheremetjewo, folgt mir sofort ein Wachmann. Er denkt, ich habe eine dunkle Komplexion, also könnte ich etwas stehlen. Ich sage dann höflich Guten Tag und frage, was los ist. Manchmal schreibe ich auch ins Kundenbuch, dass so ein Verhalten nicht richtig ist.

Wie wurden Sie Botschafterin des Guten Willens für die UN-Flüchtlingshilfe?

Ich wurde gefragt, wegen meiner Erfahrung als Flüchtling aus Tadschikistan. Meine Familie hatte zuvor schon Migranten geholfen, ich hatte also praktische Erfahrung. Jetzt organisiere ich Hilfeleistungen für bedürftige Familien. Ich will ein Vorbild sein für Jungen und Mädchen, die in unser Land kommen, ich begleite sie auf ihrem Bildungsweg.

In Ihrer Musik mischen Sie Stile und Sprachen...

So hat mich das Leben erzogen, die Kulturen um mich herum, das multiethnische Russland. Ich bin ein Flüchtlingskind, das sich assimiliert hat. Die russischen Staatsbürger könnten froh sein, dass ich Russisch besser spreche als meine Muttersprache, dass ich die russische Folklore besser beherrsche als mancher russische Interpret. Aber einige sind erbost, weil ich angeblich kein Recht habe, mir die traditionelle russischen Kultur anzueignen.

Manizha schätzt viele traditionellen Werte des Orients.
Manizha schätzt viele traditionellen Werte des Orients. Bild: Manizha

In „Russian Woman“ treten Sie auf wie eine synkretistische Märchenfigur und werden dann zur Arbeiterin im roten Overall. Ist das auch ein Bild für den Glauben an „verrückte Ideen“ und die gleichzeitige Bereitschaft, zu kämpfen und Fehler zu machen, wozu Sie die Jugendlichen ermutigen?

Ja, die „Russische Frau“ ist ein Seelenzustand, den auch nichtrussische Frauen, sogar Männer empfinden können. Es ist eine Hommage an Helden aus der Arbeiterklasse, die alles für das Land tun, in dem sie leben. Eine „Amerikanische Frau“ kann eine Asiatin sein, eine Afrikanerin, eine Ureinwohnerin, sie gehört zur amerikanischen Gesellschaft. So gehöre ich zur russischen Gesellschaft, obwohl viele damit nicht einverstanden sind.

Was verstehen Sie unter der spezifisch russischen Kühnheit?

Das ist ein russisches Paradoxon, das Land ist einerseits unfrei, aber zugleich sehr frei. Man kann sich auf nichts verlassen, muss alles selbst machen, weiß nicht, was morgen ist. Diese ständige Achterbahnfahrt bringt mutige, ausdauernde Menschen hervor.

Welche Werte der traditionellen Kultur sind Ihnen wichtig?

Ich lege Wert auf den Respekt vor Älteren, der zur Kultur des Ostens gehört, daran mangelt es in unserer Gesellschaft. Ich finde es inakzeptabel, wenn Leute im Gespräch mit Gleichaltrigen laut werden, umso schlimmer ist es gegenüber Älteren.

Russlands Führung stärkt die traditionellen Werte, zumal die Rolle des Mannes als Autoritätsperson und Krieger.

Ich bin ein Kriegskind. Wegen des Bürgerkriegs in Tadschikistan habe ich alles verloren. Wenn man das erlebt hat, reagiert man auf solche Parolen ganz anders.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot