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Bessere Daten schützen besser

Von Joachim Müller-Jung
10.04.2021
, 12:54
Die Pandemie ist ein Menetekel, aber schaffen die radikale Digitalisierung und Datenspenden wirklich mehr Gesundheit? Ein Gespräch mit einem klinischen Forscher und einem Digitalmediziner.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte ist schwer gereizt. Nachdem unlängst die Vorschläge des Sachverständigenrats für die Entwicklung im Gesundheitswesen vorgelegt wurden, sieht er die informationelle Selbstbestimmung im Medizinbetrieb ultimativ bedroht. Wenn von jedem Kassenmitglied zwingend eine digitale Akte angelegt werde, sei ein wesentliches Grundrecht verletzt. Ist da etwas dran?

Christof von Kalle: Die aktuelle Pandemie hat sehr klar gezeigt, dass unsere Unfähigkeit, klinische Daten gemäß den Wünschen unserer Patienten auf sinnvolle Weise zu verarbeiten, vielen Menschen das Leben oder zumindest ihre Gesundheit kosten kann. Diese Unfähigkeit sollten wir uns nicht länger als beabsichtigten Datenschutz schönreden. Informationelle Selbstbestimmung heißt nicht nur das Recht auf Nichtverwendung. Datenschutz ist für krankheitsbedrohte Patienten in erster Linie sinnvolle Datenverwendung zum Schutz ihres Lebens und ihrer Gesundheit unter Wahrung ihrer Privatsphäre. Die bisherige deutsche Interpretation von Datenschutz gleich Unterlassung tritt diese informationelle Freiheit des Bürgers oft mit Füßen. Dabei ist Datenschutz immer auch eine Güterabwägung mit anderen Grundrechten, auch im Verantwortungsbereich des Datenschutzes. Das Tracking von Infektionen ist undenkbar – aber viele Tote und Ausgangssperren für das ganze Land sind kein Problem? Die höchste Flugsicherheit erreichen wir, wenn alle Flugzeuge am Boden bleiben. Gilt das auch für Rettungshubschrauber?

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Bittere Pillen vom Rat

Die Gesundheitsdaten der Menschen seien der „Goldstaub“ der Forschung. Mit solchen Begriffen war vor kurzem in Berlin die Übergabe des Sondergutachtens des Sachverständigenrats zur Entwicklung im Gesundheitswesen an den Bundesgesundheitsminister zelebriert worden. Von jedem und jeder gesetzlich Versicherten soll bald automatisch und verpflichtend eine elektronische Akte angelegt werden – sofern nicht vorher widersprochen wird. Die Datenspende, in der Corona-Pandemie noch Gegenstand von Appellen, soll zur Grundlage medizinischer Revolutionen werden. Mit Algorithmen, Big Data und Künstlicher Intelligenz nämlich, gespeist aus Körper-, Molekular- und Vitaldaten, ließe sich eine ganz neue Medizin kreieren. Der lange dominante Datenschutz muss dagegen bittere Pillen schlucken. Für die Bürger soll es sich lohnen, sagen unsere Gesprächspartner: Christof von Kalle ist Chair für klinische und translationale Wissenschaften am Berlin Institute of Health (BIH) und Gründungsdirektor des klinischen Studienzentrums von BIH und Charité sowie Mitglied des Sachverständigenrates des Bundesgesundheitsministers. Roland Eils ist Gründungsdirektor des BIH Zentrum Digitale Gesundheit an der Charité Universitätsmedizin Berlin. jom

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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