Literaturfestival Berlin

Das tosende Glucksen im Wasserglas

Von Paul Ingendaay
19.09.2021
, 17:23
Die Autorin Ottessa Moshfegh, zugeschaltet auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin
Erst auf der Live-Bühne werden aus erwartbaren Debatten aufregende Events: Beobachtungen vom Internationalen Literaturfestival Berlin.

Inzwischen sind wir im täglichen Leben so sehr an Bildschirmkommunikation und miese Tonqualität gewöhnt, dass man aufatmet, endlich wieder richtige Gespräche auf der Bühne zu erleben. Selbst was im Programmheft des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) nach einer von einverstandenem Nicken begleiteten Feier von „Wokeness“ und postkolonialem Denken aussah, erwies sich in den Livediskussionen als vielstimmig und differenziert. Es kann eben doch vieles gesagt werden, ohne dass die Wände einstürzen, und nicht alle denken dasselbe. Der umstrittene Fall der Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht „The Hills We Climb“ ins Niederländische, als sich die weiße Autorin Marieke Lucas Rijneveld auf öffentlichen Druck vom Übersetzungsauftrag zurückzog, weil sie keine „person of color“ ist, gilt inzwischen als falsches Zurückweichen. Die Erkenntnis: Argumente relativieren persönliche Empfindungen. Und es wäre fatal, literarische Kriterien zu opfern, nur um dem Shitstorm auszuweichen.

Ein Abend in der Reihe über Misogynie und weibliches Empowerment mit dem Titel „Words of Love and Hate“ wird in Erinnerung bleiben. Drei Autorinnen, klug moderiert von der Journalistin Eliza Apperly, dachten darüber nach, was es mit Macht, Frauenhass und weiblichen Selbstbildern auf sich hat. Das Wort „Schuld“ – etwa der Männer – fiel dabei nicht. Selbstverständlich habe sie in ihrer Jugend den Kaffee serviert, nicht ihre Brüder, erzählte Jagoda Marinić aus ihrer kroatischen Jugend. Priya Basil, Britin mit indischen Wurzeln und Autorin des Buches „Im Wir und Jetzt: Feministin werden“, wusste ebenfalls von typischen Kindheitserniedrigungen zu berichten, und plötzlich spielte der Kontinent keine Rolle mehr. Die Amerikanerin Maaza Mengiste wiederum, deren Romane von der Welt ihrer äthiopischen Vorfahren handeln, ergänzte: „Mir wurde schon früh gesagt, meine Stimme sei zu laut, Mädchen sollten in der Öffentlichkeit zurückhaltender sprechen.“

Universalität der Herabsetzung

Es war ein Erfahrungsaustausch auf der Bühne, keine Therapiesitzung. Danach folgten Überlegungen, wo man den Hebel ansetzen könne. Aber so ganz genau weiß das niemand. Die Universalität der Herabsetzung, unabhängig von der geographischen Herkunft, und die Wiederkehr patriarchaler Muster haben etwas besonders Bedrückendes, wenn man außerhalb von Schlagworten über sie als das Erwartbare nachdenkt. Vielleicht ist das einzige Mittel tatsächlich, das gemeinsame Sprechen darüber zu strukturieren und zum normalen Gegenwartsgeräusch zu machen.

Für diesen gesellschaftlichen Austausch ist das Internationale Literaturfestival Berlin mit Autoren aus 47 Ländern zehn Septembertage lang eine einzigartige Gelegenheit. Selbst der Standortwechsel vom gutbürgerlichen Charlottenburg in ein Kulturquartier im struppigen Wedding hat seinen Sinn: Das Publikum ist im Schnitt zehn bis fünfzehn Jahre jünger geworden und damit offen für die lange Liste von Namen, die noch nicht so bekannt sind. Auch eine der Erfolgsautorinnen, Ottessa Moshfegh, erzählte als zugeschalteter Gast ganz so, als hätte sie gerade erst angefangen: Sie leide, wenn sie nicht schreibe, werde unausstehlich. Kreativität heißt Ausweglosigkeit.

Entkleidet man das Festival der Buchbetriebskostümierung, bleibt als interessantes Ergebnis das Sprechen der Autoren über ihr Handwerk übrig. Und manchmal hat der pandemische Aufschub auch sein Gutes. Als Daniel Kehlmann mit einem Jahr Verspätung Michael Maars Buch „Die Schlange im Wolfspelz“ vorstellte, war das Werk über guten Stil schon zum Bestseller geworden, der nicht beworben werden musste, sondern entspannt durchblättert werden konnte. Michael Maar wirkt ja immer wie gerade aus der Schreibstube gekommen, was eher für ihn spricht. Da hatte es besonderen Witz, dass er als programmatischer Anti-Dieter-Thomas-Heck vor großem Publikum ein literarisches Quiz mit klassischen Texten veranstaltete und damit ziemliche Gaudi auslöste. Nur Preise gab es nicht.

Die Umkehrung des Blicks

Eine der Retrospektiven galt der amerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison, die im August 2019 starb. In vier von Verena Lueken kuratierten Veranstaltungen wurde eine der wichtigsten Künstlerinnen der letzten Jahrzehnte gewürdigt. Erst beim abermaligen Hören von Auszügen aus ihren Essays, gelesen von der Schauspielerin Gina Haller, wurde einem klar, wie sehr Morrison die heutigen Debatten um Identität und Repräsentativität vorweggenommen – und wie deutlich sie ihnen eine Richtung gegeben hat. Beispielhaft berichtete die Amerikanistin Sabine Broeck beim Thema Sklaverei von einer Änderung der Blickrichtung, die durch Morrisons Essays ausgelöst worden sei: vom (wohlfeil mitleidigen) Blick auf die schwarzen Diener hin zum (selbstkritischen) Blick auf die Bedienten, nämlich uns selbst. Auch der Architekt und Filmemacher Ford Morrison, der Sohn der Autorin, war für ein paar Tage nach Berlin gekommen. Er erzählte vom Haus, in dem ein Großteil des literarischen Werks entstand, von seinem Film und von der Idee neuer Werkausgaben. Man muss um das Nachleben von Morrisons Romanen und Essays nicht fürchten.

Hilft der Inszenierungscharakter von Literatur auf Festivals der Literatur selbst weiter? Manche meinen, nein, erst recht nicht, wenn die Autoren schwache Vorleser ihrer eigenen Werke sind. Eine der ungewöhnlichsten Inszenierungen des Festivals jedoch lebte gerade von der puritanischen Kargheit des Beiwerks und der Konzentration aufs Literarische. Ein bärtiger Herr in mittleren Jahren betrat die Bühne des Kammermusiksaals der gut besetzten Philharmonie. Er trug einen hellen Trenchcoat, in der Hand eine Stofftasche mit Festival-Logo. Es war Christian Kracht.

Der weit gereiste Autor schien auch diesmal direkt vom Wind hereingeweht worden zu sein. Er stellte die Tasche ab und legte ein Buch auf den Tisch. Dort standen ein Glas und vier kleine Flaschen Mineralwasser. Kurze Einführung durch Festivaldirektor Ulrich Schreiber, ein paar Titel, ein paar Daten, dann las Christian Kracht neunzig Minuten lang aus seinem neuen Roman „Eurotrash“, der gleich auf der ersten Seite an den inzwischen zu Kultstatus gelangten Debütroman „Faserland“ anknüpft. Höfliche Begrüßung des Publikums durch den Autor zu Beginn; höfliche Verneigungen zum Publikum am Schluss. Wenn er sich verlas, ließ er ein „Pardon“ hören. Einmal, beim Trinken, gluckste das Wasser beim Zurückschwappen ins Glas so laut, dass wir alle es hörten und lachten, und der Autor lachte auch. Das könnte er als Bühnentrick einsetzen, wenn er wollte, aber wenn er jemals auf die Idee käme: Es wäre sein Maximum.

Er ging, wie er gekommen war, nach einer sehr konzentrierten Lesung aus einem sehr guten Buch. Natürlich nahm er auch die Stofftasche mit dem Logo wieder mit. Den Trenchcoat hatte er nicht abgelegt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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