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Ein Brief an Europa

Du wirst nicht mehr entführt, sondern deportiert

Von Stefan Hertmans
 - 15:22

Werte Europa, liebes Europa,

neulich bin ich Dir wieder begegnet. Diesmal in Medellín, dieser pulsierenden, subtropischen, vom modernen Verkehr verschmutzten Stadt in Kolumbien. Du saßest aufrecht und sehr feierlich auf Deinem Stier, ja, vielleicht sogar ein wenig kokett, die eine Hand am Hinterkopf, als ob Du vor dem Frisiertisch säßest und Dich im Spiegel bewundertest. Die andere Hand ruhte auf dem runden Hintern des Tiers, als streicheltest Du ein unterwürfiges Haustier. So wie Du da saßest, in Bronze, direkt vor dem Museum, zwischen den laut rufenden Straßenhändlern und den spielenden Kindern, machtest Du auf mich durchweg den Eindruck einer bestimmenden Matrone.

Der Grund dafür ist natürlich, dass Deine Statue in Medellín von der Hand des berühmtesten kolumbianischen Künstlers stammt: Fernando Botero. Jeder weiß, dass Boteros Skulpturen, na ja, etwas feist und wohlgenährt aussehen. Eine bloße Hausmaus hätte bei ihm die Proportionen eines Elefanten.

Im Grunde aus dem Libanon

So kolossal und pompös kannte ich Dich vom griechischen Mythos, der Deine Geschichte erzählt, nicht. Dort bist Du ein schönes junges Mädchen, das vom griechischen Obergott Zeus in Gestalt eines Stiers entführt wird. Früher hat jedes europäische Kind diese Geschichte in der Schule gelernt, heute erhält man solche Informationen im Unterricht eher selten, was schade ist, denn von Urgeschichten aus der eigenen Kultur kann man eine Menge lernen.

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Demnach bist Du eine phönizische Prinzessin, und Phönizien lag früher da, wo heute der Nahe Osten beginnt. Das heißt, Du stammst im Grunde aus dem Libanon. Also hat ein Stier aus Griechenland Dich, die orientalische Prinzessin mit dem Namen Europa, ins westlich gelegene Kreta entführt und Dich dort vergewaltigt – wonach Deinem Schoß wohl die minoische Kultur entsprang. Dein Name verbreitete sich zuerst im Norden Griechenlands, bevor er im ganzen Kontinent bekannt wurde; damit gabst Du, die orientalische Prinzessin, jenem Kontinent den Namen, der sich selbst als der Westen versteht.

Nicht mehr Opfer eines übelwollenden griechischen Gottes

Diese Geschichte gibt einem zu denken, liebe Europa. Vor allem heute, da so viele Menschen aus dem Osten und aus dem Süden an unsere Grenzen kommen und um Obdach flehen, um Hilfe, um Zuflucht, und einige Länder Europas sich rundweg weigern, Dich, die Du heißt wie ihr Kontinent, aufzunehmen, und Dich stattdessen hinter Stacheldraht wegsperren oder in jenem Meer absaufen lassen, das wir alle gemeinsam haben. Dein vielgeplagtes, zerrissenes Heimatland Libanon beherbergt im Moment mehr Flüchtlinge als jedes Land Europas.

Heute ist es auch nicht ein weißer Stier, der die exotischen Mädchen in den Westen trägt, sondern es sind morsche Wracks von Booten oder leckgeschlagene, überladene Nussschalen. Auch werden sie nicht Opfer eines übelwollenden griechischen Gottes, sondern von übelwollenden Menschenschmugglern, die sich für Götter halten.

Gastfreundschaft – wohl schon immer Auslegungssache

Dabei ist die Geschichte von Fremden, die an eine Tür klopfen und um Obdach bitten, genau so alt wie die tragische Geschichte von Dir, Europa. Viele europäische Volkssagen erzählen von einer fremden Person, die unvermutet irgendwo auftaucht. Am Abend steht sie plötzlich unter den zwei Linden vor dem einsamen Haus und bittet, sichtlich erschöpft, darum, in der Scheune übernachten zu dürfen, oder um ein Stück Brot, einen Schluck Wasser. Keiner hat sie erwartet, alle sind überrascht; die Bauern auf dem Hof, die Bürger im Haus versammeln sich um den merkwürdigen Gast; zuerst etwas misstrauisch, doch als sie merken, dass von der fremden Person keine Gefahr ausgeht, bieten sie ihr Unterkunft, zu essen und zu trinken an. Gastfreundschaft ist eine uralte Menschenpflicht; und meist zeigt dann die Geschichte, die die fremde Person beim Wein erzählt, dass sie ein außergewöhnliches Leben führt oder ein tragisches Ereignis überlebt hat: Es ist fast immer eine Geschichte, über die die Einheimischen noch lange nachdenken.

Doch was ist, wenn auf einmal nicht eine einzelne wohlgesinnte fremde Person unter den Linden steht – Linden sind übrigens seit der germanischen Zeit Symbole der Gastlichkeit –, sondern eine ganze Meute von Fremden? Dann ändert sich die Situation drastisch. Die Einwohner haben nun Angst, dass die Fremden überhandnehmen, es kommt zum Wortwechsel, worauf sich die Fremden erst mal in die Scheune und aufs Feld zum Schlafen legen, obwohl es wie aus Kübeln schüttet, und am nächsten Tag steigert sich der Bauer in die Furcht, die Fremden könnten ihm nach dem Leben trachten. Diese Lage erinnert nun an eine ganz andere Geschichte aus der griechischen Mythologie: die der Eindringlinge in den Palast des Odysseus. Während Odysseus’ Abwesenheit von zu Hause missbrauchen Fremde die Gastfreundschaft und belästigen die Ehefrau Penelope. Ein Grund für den Heimgekehrten, einen Fremden nach dem anderen zu ermorden, bevor er seine Frau liebevoll in die Arme schließt. Wie weit Gastfreundschaft gehen soll, war wohl schon immer Auslegungssache.

Die große, bedrängte Errungenschaft der europäischen Aufklärung

Diese beiden Beispiele zeigen uns zwei Archetypen der Gastfreundschaft: auf der einen Seite der einzelne Fremde, den man gastfrei empfängt, auf der anderen Seite die Meute, die als Bedrohung empfunden wird. Ein paar schlechte Kerle dienen als Entschuldigung dafür, den ganzen notleidenden Rest in Kälte und Schlamm umkommen zu lassen. Der Grund dafür, dass die archaische Menschenpflicht zur Gastfreundschaft heute derart ignoriert wird, ist meist eine schmerzliche Ernüchterung. Ganz im Sinne der bekannten Worte von Carl Schmitt: „Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt.“

Die Globalisierung und die durch sie entstehenden riesigen Migrationsbewegungen, verursacht von der auf der Arabischen Halbinsel ausgeübten arroganten, zynischen Geopolitik Amerikas, haben die Beziehungen der Menschen untereinander und ihre Einstellung zur Gastfreundschaft in eine Krise geführt. Und das ausgerechnet in Europa, das sich nicht nur als Opfer eines krassen kulturell-politischen Fehlverhaltens sieht, sondern zudem erkennen muss, dass die allgemeinen Menschenrechte in Bedrängnis geraten sind – die große Errungenschaft der europäischen Aufklärung. Kein vernünftiger Mensch will Terrorismus beschönigen, doch darf nicht vergessen werden, dass dessen rachsüchtige Gewalttaten unübersehbar geopolitische Ursachen haben.

Mundtot gemacht oder zu Tode verwöhnt

Inzwischen hat sich gezeigt, dass Globalisierung nicht zwangsläufig eine Universalisierung zur Folge hat. Ganz im Gegenteil: Der Wegfall von immer mehr Grenzen schmälert die Bereitschaft zum Universalismus eher, weil sich die Beziehungen untereinander nicht so symmetrisch gestaltet haben, wie man es erwartet hatte. Auf dieses Paradox waren weder das alte Europa vorbereitet noch die sich in der Krise befindlichen, von postkolonialen Reflexen immer noch nicht gänzlich befreiten Politiker der Europäischen Union. Weil die geopolitischen Pokerspiele der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg Europa keine entscheidende, sondern nur eine dienende Rolle zugestanden haben, besitzt es jetzt für die Ereignisse in den stacheldrahtumfriedeten Gärten seines Territoriums keine Lösung. Die Bürger Europas haben sich in ein Entweder-oder-Spiel verheddert, bei dem sich unsere Grundprinzipien in schmerzhafter und irritierender Weise bekämpfen. Europa klopft an die Türen des Hauses, das ihren Namen trägt, und statt sie wie einen Gast zu empfangen, steckt man sie in ein Lager. Ihre Entführung verwandelt sich in eine Deportation.

Die Bürger sowohl der sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten West-Europas als auch die der kommunistischen Länder in Mittel- und Osteuropa sahen sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit Regierungen konfrontiert, deren Politik ihnen systematisch das Gefühl eingab, der Staat würde schon in allen wichtigen Angelegenheiten für sie entscheiden. Das kommunistische Europa erlebte dies in der paranoiden, diktatorialen Form, der Westen in Form eines scheinbar demokratischen marktwirtschaftlichen Denkens, das dem Individuum jedoch auch nicht mehr Respekt entgegenbrachte. Während die einen mundtot gemacht wurden, hat man die anderen zu Tode verwöhnt. In beiden Systemen aber war der Bürger vom Gefühl durchdrungen, dass der Staat alle strukturellen Problem lösen werde und dass er dem Staat darin entweder gezwungen oder freiwillig zu folgen habe.

Die Zerrissenheit des Kontinents ist die seiner Bewohner

Liebes Europa, für diese Verzerrung des selbständigen, kritischen Individuums müssen wir alle, jetzt, da der nach Dir benannte Kontinent sich in einer tiefen Krise befindet, einen hohen Preis bezahlen. Der alte Typus des mündigen, informierten Bürgers, wie ihn sich zum Beispiel Thomas Mann, Helmut Kohl und François Mitterrand vorstellten, scheint fast gänzlich von der europäischen politischen Bühne verschwunden zu sein – von einigen Ausnahmen wie Angela Merkel mal abgesehen. Der europäische Bürger ist heute ein verdrossener, nörgelnder Massenmensch. Er spürt den Druck des globalen Kapitalismus und regt sich darüber auf, dass die von ihm gewählten Politiker offensichtlich nicht mal mehr wissen, was sie mit den Werten, die sie selbst vertreten, anstellen sollen. Er wird passiv, und wer zur Passivität verurteilt ist, neigt zu Depressionen.

Manchmal denke ich, liebe Europa, dass die Zerrissenheit Deines Kontinents die Zerrissenheit seiner Bewohner ist: Da sind die einen, die mit dem Herzen und der Würde der europäischen Kultur danach trachten, Dir zu helfen, wenn Du am Strand angespült wirst, und da sind die anderen, die Dich jenen zurechnen wollen, die der griechische Zeus „Barbaroi“ genannt haben würde – das heißt, nur br-br-br-brabbelnde Menschen –, also jene, die die griechische Sprache des Zeus nicht beherrschen und somit nicht als vollwertige Menschen zu betrachten sind. Die Folge davon sind Ausgrenzung und Missachtung der Rechte des Mitmenschen.

Die alten Nationalstaaten sind wie verlebte alte Tanten

Trotzdem besteht Hoffnung, liebe Prinzessin aus dem Libanon. In vielen Ländern der Europäischen Union erhebt sich eine Generation, die vollmundig das Recht auf Initiative einfordert. In ökologischer, sozialer, politischer, aber auch in ökonomischer Hinsicht scheint sich bei den Bürgern der Wille zu entwickeln, nicht mehr einfach passiv abzuwarten, bis sie bei der nächsten Wahl der soundsovielten Generation unfähiger Politiker zu einem Amt verhelfen sollen.

Immer mehr Menschen krempeln die Ärmel hoch, Bürgerinitiativen schießen wie Pilze aus dem Boden – den Aufrufen vom Ende des vorigen Jahrhunderts folgend, die von Denkern wie Salman Rushdie, Jacques Derrida und Benjamin Barber stammen. In Städten und Gemeinden schaffen sie Anlaufstellen, wo der Not am wirkungsvollsten abgeholfen werden kann. Sie übernehmen Verantwortung und beweisen täglich, dass der Bürger durchaus etwas ändern kann. Diesen Bürgern ist klar, dass die alten Nationalstaaten wie verlebte alte Tanten sind, die sich müde, seufzend, zögernd und zänkisch einzig darum sorgen, wie sie ihr altes Mobiliar retten können. Geschichte hat ihr eigenes Gedächtnis. Zukünftige Generationen werden die jetzige, noch weitverbreitete moralische Haltung verurteilen, so wie wir es vom heutigen Standpunkt aus mit der Krise der dreißiger Jahre tun.

Eine Welt mit offenen Plätzen voller Tanz und Musik

Immer öfter stellen wir also fest, liebe Prinzessin Europa, dass die alten Nationalstaaten Krisen nicht mehr zu lösen vermögen und dass die Antworten der nationalistischen Politiker auf das, was momentan mit Europa geschieht, nicht sehr überzeugend sind. Wie verängstigte Bauern verbarrikadieren sie sich im Haus und schreien hinter den geschlossenen Fensterläden, den alten Karabiner im Anschlag, den Bettler vorm Zaun an. Der Verdacht regt sich, dass diese nationalistischen Politiker weder modern noch praktisch denken können. Sie widersetzen sich der Wirklichkeit, haben keine Lösungen und spucken auf das eigene gemeinschaftliche europäische Haus – nur nicht, wenn sie nach Brüssel fahren und Europa dort um Geld anbetteln, bevor sie, ohne rot zu werden, nach Hause zurückkehren und von dort wieder in die Hand beißen, die sie füttert. Sie schließen das Gatter hinter sich und brüsten sich, es dem europäischen Haus, das doch ihr eigenes ist, mal wieder so richtig gezeigt zu haben! Mit solcher Nestbeschmutzung beweisen sie nur, wie wenig sie von der Zukunft des europäischen Kontinents verstanden haben.

Liebe orientalische Prinzessin auf dem kolumbianischen Stier, uns bleibt nichts übrig, als alle Hoffnungen auf das Wiederaufleben des kulturellen Gedächtnisses zu setzen und auf die Selbstachtung des Kontinents, der Deinen Namen trägt. Aus tiefstem Herzen teile ich diese naive Hoffnung. Und ich bin nicht allein: Immer mehr Bürger spüren, wie fatal es für unsere Zukunft wäre, wenn wir Dein Haus verschlössen. Vielleicht verläuft hier die Demarkationslinie der modernen Zeit: Auf der einen Seite jene Menschen, die sich öffnen, auf der anderen Seite die, die Geist und Herz verschließen. Lautet aber eine alte Maxime dieses Kontinents nicht: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“? Sperren sich die, die Dir den Weg zu uns versperren, nicht selbst gegen die Welt von morgen? Gegen eine Welt, die sich stets weiter öffnen wird, ungeachtet dessen, was im Kopf dieser Leute vor sich geht? Der Westen hat der Welt einst die Technik der globalen Mobilität geschenkt, ohne sich zu überlegen, dass er damit nicht nur Einbahnstraßen schafft.

Du, die Entführte, triumphierend über einen Stier, der Deinem Charme verfiel – ich weiß, wohin Dein Herz sich neigt. Dort im tropischen, komplizierten Kolumbien sah ich, wie selbstbewusst Du das Tier zu zügeln vermochtest. Dort sah ich Menschen, die viel weniger besitzen als wir verwöhnte Europäer und die trotzdem lächelnd teilten. Dort sah ich auch die Spuren vergangener Greuel und Gewalt – sah eine zutiefst verwundete Gesellschaft, die nun auf Frieden und Versöhnung hofft. Egal an welchem Ort der Welt Du auf diesem alten Stier reiten wirst: Überall werden die Menschen über ihr eigenes Schicksal nachdenken müssen und auch darüber, welche Welt sie eigentlich wollen: eine ängstliche Welt, in der sie sich hinter Zäunen und Stacheldraht verbarrikadieren, die Waffe im Anschlag, dazu verdammt, die Katastrophen der Vergangenheit zu wiederholen, oder eine Welt, die stark ist und zukunftsorientiert, mit offenen Plätzen voller Tanz und Musik.

Ich weiß schon, in welcher Welt ich Dir wiederbegegnen will.

Stefan Hertmans, geboren 1951 in der belgischen Stadt Gent, ist Schriftsteller. Im Frühjahr erschien bei Hanser Berlin sein Roman „Die Fremde“. Sein „Brief an Europa“, geschrieben auf Initiative des slowenischen Poesiefestivals „Poetry & Wine“, erscheint in mehreren europäischen Ländern, unter anderem auch in der „London Review of Books“ und dem spanischen „W Magazin“. Aus dem Flämischen von Ira Wilhelm.

Quelle: F.A.Z.
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