Medien und Willkommenskultur

Wer folgt hier der Regierungslinie?

Von Hans Mathias Kepplinger und Marcus Maurer
14.09.2017
, 13:52
Wie haben „die“ Medien zur Zuwanderungskrise 2015 berichtet? Ein Vergleich der F.A.Z., der SZ sowie der Nachrichten von ARD und ZDF zeigt: Man muss differenzieren. Die Wirkung der Fernsehbilder ist ein eigenes Kapitel. Ein Gastbeitrag.

Alle reden von „den“ Medien, obwohl die meisten mit Ausnahme der Fernsehnachrichten ganz unterschiedliche Medien nutzen. Problematisch ist der Schluss von Fernsehnachrichten auf andere Medien bei kontroversen Themen wie der Migrantenkrise 2015. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Verbindungen zwischen „den“ Medien und der Regierungspolitik nahegelegt werden, weil das die Rolle der Journalisten als neutrale Beobachter und Kritiker in Frage stellt. Ob solche Verbindungen, wie eine Studie der Otto Brenner Stiftung nahelegt, bestanden, zeigt eine Analyse der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“ sowie der Hauptnachrichten von ARD und ZDF. Untersucht wurde am Institut für Publizistik der Universität Mainz deren Berichterstattung von Anfang Mai 2015 bis Ende Januar 2016. Erfasst wurden alle Ausgaben der Zeitungen sowie jede zweite Nachrichtensendung. Zur besseren Vergleichbarkeit werden die Fernsehdaten hier mit dem Faktor zwei gewichtet.

Maßnahmen an den Grenzen

Wasserscheiden des staatlichen Umgangs mit Migranten sind Maßnahmen an den Grenzen und Rückführungen von Zuwanderern ohne Aufenthaltserlaubnis. In der politischen Diskussion stehen sich bei beiden Themen zwei moralisch, rechtlich und pragmatisch argumentierende Lager gegenüber, die weit in die CDU und SPD hineinreichen. Bedeutsam für ihre publizistische Präsenz ist nicht nur die Richtung der Argumente, sondern auch ihre Gewichtung, die Zahl der Beiträge. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ waren die Maßnahmen an der Grenze mit 121 Beiträgen ein Schwerpunkt der Berichterstattung. Mehr als die Hälfte betraf die Verschärfung der Grenzkontrollen, mehr als ein Viertel den Ausbau der Grenzsicherung, der Rest Möglichkeiten einer Grenzschließung. Auch für die SZ waren die Grenzmaßnahmen ein wichtiges Thema, allerdings brachte sie nur 53 Beiträge. Eine Verschärfung der Grenzkontrollen und der Ausbau der Grenzsicherung waren nach Darstellung der F.A.Z. notwendig und praktisch möglich. Die SZ behandelte beide Maßnahmen seltener, beurteilte sie aber ähnlich. Beide Zeitungen lehnten eine Grenzschließung ab. In den Hauptnachrichten von ARD und ZDF spielte das politisch heikle Thema der Grenzmaßnahmen mit jeweils elf Beiträgen keine nennenswerte Rolle. Die seltenen Beiträge beziehungsweise ihre Anmoderationen vermittelten den Eindruck, die erwähnten Maßnahmen wären durchführbar.

Über die Rückführung von Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis berichteten beide Zeitungen noch häufiger als über Grenzmaßnahmen. Die F.A.Z. veröffentlichte dazu 140 Artikel, die SZ 72. Der Schwerpunkt lag auf der Beschleunigung von Asylverfahren. Beide Blätter befürworteten sie. Auf ihre Durchführbarkeit gingen sie weniger oft ein und bezeichneten sie überwiegend als möglich. Die Abschiebung krimineller Flüchtlinge behandelten F.A.Z. und SZ seltener und vermittelten unterschiedliche Sichtweisen. In beiden Zeitungen wurden sie gefordert, in der F.A.Z. als durchführbar dargestellt, in der SZ als problematisch. Die Hauptnachrichten von ARD und ZDF thematisierten die Rückführung von Migranten ebenfalls relativ häufig. Die „Tagesschau“ brachte 31, „heute“ 26 Beiträge. Auch in den Fernsehnachrichten bildete die Beschleunigung der Asylverfahren den Schwerpunkt. Wie die Zeitungen befürworteten sie das. Auf die politisch kontroverse Abschiebung krimineller Flüchtlinge gingen sie nur sehr selten ein und bezogen keine klare Position.

Einschätzung der Gefahren

Den unausgesprochenen Hintergrund der Beurteilung von Maßnahmen an den Grenzen und zur Rückführung von Migranten bildete die Einschätzung der Gefahren durch die massierte Migration sowie der Interessen von Einheimischen und Migranten. Die Zeitungen befassten sich sehr häufig mit den Chancen und Gefahren der Migration, die TV-Nachrichten gingen vergleichsweise selten darauf ein. Die F.A.Z. behandelte die Thematik in 588 Beiträgen, die SZ in 354, die Hauptnachrichten von ARD und ZDF dagegen nur in 59 beziehungsweise 58. Alle untersuchten Medien stellten die Migration eindeutig als Gefahr dar. Der Anteil der entsprechenden Beiträge betrug zwischen 63 (SZ) und 76 Prozent (ZDF). Aus Sicht der Zeitungsleser handelte es sich aufgrund der Vielzahl der Beiträge vermutlich um ein bedeutendes Problem, aus Sicht der Fernsehzuschauer kaum. Angesichts der allgemeinen Betonung der Gefahren der Migration erweist sich die wertende Darstellung von Interessenkonflikten zwischen Einheimischen und Migranten als Kern des Problems: Sie verdeutlicht, wie die Politik, die Behörden und die Bevölkerung damit umgehen sollten.

Die F.A.Z. griff die Problematik in 225 Beiträgen auf, die SZ in 183, die „Tagesschau“ in fünfzig, „heute“ in 46. Das geschah mit teilweise konträren Präferenzen. Die F.A.Z. betonte in 48 Prozent ihrer Beiträge den Vorrang der Interessen der Einheimischen, in 32 Prozent den Vorrang der Interessen der Migranten. Die übrigen Beiträge stellten die Interessen beider Personenkreise als gleichrangig dar. Im Gegensatz dazu räumte die SZ in 46 Prozent ihrer Beiträge den Interessen der Migranten den Vorrang ein. Die entgegengesetzte Sichtweise fand sich nur in 31 Prozent der Beiträge. Die Fernsehnachrichten betonten in mehr als der Hälfte („Tagesschau“), beziehungsweise knapp der Hälfte („heute“) ihrer Beiträge den Vorrang der Interessen der Migranten vor den Interessen der Einheimischen. Nur jeweils in einem Viertel stellten sie die Interessen der Einheimischen als entscheidend dar. Diese Güterabwägung stand im Widerspruch zu ihrer Betonung der Gefahren der Migration.

Als Zwischenergebnis kann man festhalten, dass F.A.Z. und SZ politisch kontroverse Sachverhalte erheblich häufiger thematisierten als die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF. Dabei vertrat die F.A.Z. bei allen, die SZ bei einigen der kontroversen Themen Sichtweisen, die in Widerspruch zur Politik der Großen Koalition standen. Die „Tagesschau“ und „heute“ gingen auf einige der kontroversen Themen selten ein und bezogen kaum Stellung. Das führt zu der Frage zurück, ob „die“ Medien der Regierungslinie gefolgt sind. Für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kann man das ausschließen, im Fall der SZ ist es unwahrscheinlich.

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Die generellen Unterschiede zwischen den Informationsleistungen der Zeitungen und Fernsehnachrichten werden ergänzt durch eine Analyse ihrer Bildberichterstattung. Ein publizistisch und politisch besonders relevantes Beispiel ist die Zahl der mitleiderregenden Fotos und Bildsequenzen von toten Migranten, Gewaltopfern und Geretteten. Die „Tagesschau“ zeigte 222, „heute“ zweihundert, die SZ 92 und die F.A.Z. 66 solcher Szenen. Die massierte Darstellung von Elend, Leid und Tod in den Fernsehnachrichten bildete einen Kontrast zu der vergleichsweise kleinen Zahl von Aussagen über Maßnahmen an den Grenzen, die Rückführung von Migranten und die Gefahren der Migration.

Emotionale Bilder

Emotional erregende Bilder lösen generell stärkere spontane Wirkungen aus als nüchterne sprachlichen Stellungnahmen. Allerdings dürfte schon die schiere Masse schrecklicher Szenen eine wichtige Ursache von emotional grundierten Folgerungen und Forderungen sowie der Entstehung der „Willkommenskultur“ gewesen sei. Hinweise auf die Rolle der Fernsehnachrichten für den Verlauf des Geschehens gibt die Entwicklung ihrer alles andere dominierende Bildberichterstattung.

Die beiden Nachrichtensendungen zusammen brachten im Mai 2015 68 Aufnahmen von Migranten in Notsituationen oder von ihrer Rettung. Zwei Drittel dieser Aufnahmen zeigte die „Tagesschau“. Im Juni ging die Zahl der erschreckenden Szenen auf sechzehn zurück, im Juli stieg sie auf 28 an und erreichte im August mit 88 Aufnahmen von hilflosen, verzweifelten und anklagenden Migranten ihren Höhepunkt. Am 4. September entschied Angela Merkel, die noch am 15. Juli bei einem Bürgerdialog in Rostock den Unterschied zwischen Kriegsflüchtlingen und Migranten hervorgehoben und erklärt hatte, nicht alle könnten kommen und bleiben, die Grenze zu öffnen. Wenn sich jemand angepasst hat, dann nicht „die“ Medien an die Politik, sondern die Politik an die von der Masse der Elendsbilder des Fernsehens ausgelösten Emotionen der Bevölkerung.

Hans Mathias Kepplinger war bis 2011 Professor für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz.

Marcus Maurer ist Professor für Politische Kommunikation an der Universität Mainz.

Quelle: F.A.Z.
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