Publikumsforschung im Konzert

Der Trend geht zum Hören mit den Augen

Von Rasmus Peters
16.05.2022
, 17:00
Was könnte Musik noch sein, wenn sie nicht ausschließlich für sich steht? Anna Netrebko bei der Last Night of the Proms in London, 2007.
Reicht es, wenn da vorne irgendwo ein Orchester spielt? Und wie kann man Nähe zwischen Musik und Publikum herstellen? Ein Experiment will die physiologischen Reaktionen der Hörer beim Konzert messen.
ANZEIGE

Als Wontae Kim an diesem Morgen aufwacht, weiß er nicht, was ihn am Abend erwartet. Er ist Musiker, Solo-Bratschist im Brandenburgischen Konzertorchester Eberswalde. Auf Instagram entdeckt er einen Post von Amihai Grosz. Gemeinsam mit Alban Gerhardt, Baiba Skride, Gergana Gergova und Michail Afkham spielt Grosz an elf aufeinanderfolgenden Tagen ein Quintett-Programm. Das gängige „Sandwichprogramm“: Klassik, Neue Musik, Romantik. In diesem Fall: Beethoven, Dean, Brahms. Das Konzert findet in einem ehemaligen Pumpwerk statt, dem Berliner Radialsystem. Kim war noch nie dort. Am Ort tummeln sich um den Empfangstresen und im Flur zahlreiche Menschen. Es wimmelt vor Fragen und Neugierde. Hier erfährt Kim, er könne sich das Konzert nicht nur als Besucher, sondern auch als Teilnehmer der Experimental Concert Research (ECR) anhören. Dafür müsse er sich verkabeln lassen. Kim erklärt sich bereit. Er wird Proband Nummer 54.

Mit Dutzenden anderen Versuchsteilnehmern wird er in einen Raum mit riesigen Bogenfenstern geführt. Das Licht der Abendsonne fällt auf die hundert Plätze im Raum. Darin liegen auf Sperrholztischen Tablets mit Fragebögen aus und Einverständniserklärungen, dass während des Konzerts Atmung, Herzfrequenz, Hautleitwert, Mimik und Bewegung aufgezeichnet werden. Kim unterschreibt und beginnt mit dem Fragebogen. Bei seinen musikalischen Vorkenntnissen gibt er an, selbst Musiker zu sein. Nach einigen weiteren Antworten blickt er auf und sagt: „Es geht anscheinend um meine Zukunft.“

ANZEIGE

Immersion und Synchronizität

Auf Antworten wird er noch zwei bis fünf Jahre warten müssen. Bis dahin werden Musikwissenschaftler, Psychologen, Soziologen und Musikschaffende im Datensatz der ECR gelesen haben. Forschungsleiter ist der Kultursoziologe Martin Tröndle. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam geht er der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen sich Menschen mit Musik synchronisieren. Die Arbeitshypothese ist: „Die Immersion in der Musik führt zu erhöhter Synchronizität.“ In der Astronomie bezeichnet Immersion den Moment, in dem ein Himmelskörper in den Schatten eines anderen tritt. So kann auch unser Körper in den Einfluss ästhetischer Reize wie Musik treten.

Ort für Experimente: Das Radialsystem in Berlin
Ort für Experimente: Das Radialsystem in Berlin Bild: picture-alliance/ dpa

Entscheidend ist das für die Frage, wer in Zukunft Konzerte besucht und wie diese aussehen könnten. Ausgangspunkt sind Missstände, wie sie bereits während der Corona-Pandemie sichtbar wurden. Staatliche Kulturförderung etwa könnte sich mangels Reichweite deutlich verringern oder ganz ausbleiben. Laut einer Erhebung der Bundeszentrale für politische Bildung erreichen Kultureinrichtungen mit ihrem gegenwärtigen Angebot nur 4,5 Prozent ihrer potentiellen Nutzer. Das klingt alarmierend, belegen lässt sich das aber nicht, schreibt Tröndle in seinem Buch über „Nicht-Besucher“. Seine Untersuchungen zeigen, dass Nähe der entscheidende Faktor für den Besuch einer Kultureinrichtung ist, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn: sei es die Nähe zur eigenen Lebensrealität, die Nähe zur Bühne mit der Unmittelbarkeit des Live-Erlebens oder die Nähe zu vertrauten Personen. Kaum jemand möchte allein ins Konzert oder ins Museum. Das Ergebnis: „Kultureinrichtungen können derzeit zu 75 Prozent der Probanden keine Nähe aufbauen.“ Nun fragt Tröndle: Wer würde ins Konzert gehen, wenn ... ?

ANZEIGE

Neue Musik mit alten Mitteln

Die heute gängige Form des klassischen Konzerts entstand aus dem aufstrebenden Bürgertum des neunzehnten Jahrhunderts mit der Funktion der Selbstvergewisserung bestimmter Kreise. Das Konzert ist ein Produkt gesellschaftlicher Entwicklung und es ist weiterhin diesem Wandel ausgesetzt. „Zuhörer kommen mit unterschiedlichen Erwartungen und Vorerfahrungen, die unterschiedliche Formate verlangen. Die standardisierte Form des Konzerts kann das nicht abdecken“, gibt Folkert Uhde zu bedenken. Es benötigt „ein ausdifferenzierteres Konzertangebot“. Uhde gestaltet als Künstlerischer Leiter die unterschiedlichen Konzertszenarien für die Studie. Seine Lösung kleidet er in Form einer Frage: „Was könnte Musik noch sein, wenn sie nicht ausschließlich für sich steht?“

Ein Ton wird zur Musik, wenn er im Verhältnis zu anderen Tönen steht. Die Musik wird zum Konzert, indem sie im Verhältnis zum Publikum steht. Was also, wenn die Erscheinungsweisen dieser Verhältnisse verändert werden? Zur Erforschung dessen wird der Konzertverlauf von Tag zu Tag leicht variiert. Dabei kann erhoben werden, wie das Publikum auf welche Formate reagiert, unter welchen Bedingungen es sich besonders mit der Musik verbindet. Angefangen mit einem herkömmlichen Konzertablauf über partizipative Elemente bis hin zu akustischen Hologrammen, die in jeder Reihe den Eindruck vermitteln, nah an der Musik zu sitzen.

Die heute gängige Form des klassischen Konzerts entstand aus dem aufstrebenden Bürgertum des neunzehnten Jahrhunderts mit der Funktion der Selbstvergewisserung bestimmter Kreise: Enoch zu Guttenberg dirigiert im Prinzregententheater in München das Orchester der Klangverwaltung.
Die heute gängige Form des klassischen Konzerts entstand aus dem aufstrebenden Bürgertum des neunzehnten Jahrhunderts mit der Funktion der Selbstvergewisserung bestimmter Kreise: Enoch zu Guttenberg dirigiert im Prinzregententheater in München das Orchester der Klangverwaltung. Bild: picture-alliance

An einem Abend wird Brett Deans Streichquintett von 2010, die „Epitaphs“, mit den Sätzen des Brahms-Quintetts verschränkt, Neue Musik und Romantik verschmelzen. Zweimal Dean, zweimal Brahms, im Wechsel, abgeschlossen von Dean. Das Ergebnis ist ein neunsätziges Musikstück mit riesiger musikalischer Ausdrucksstärke, einzig getrennt von unterschiedlichen Lichtstimmungen: Kalt und weiß bei Dean, warm und gelb bei Brahms.

ANZEIGE

Musik wird hier als organisiertes Klanggeschehen inszeniert statt als Summe abgeschlossener Werke. Dieser Blickwinkel schließt einen vergrößerten Interpretationsspielraum auf. Wassily Kandinsky erneuerte die Malerei, indem er nicht die abgebildeten Gegenstände, sondern die Farben selbst ins Zentrum seiner Bilder stellte. Das tat er, indem er Form und Gegenstand voneinander löste und Farben in abstrakten Formen malte. Farben und Formen entwickelten ein Eigenleben und bestätigten nicht mehr nur, was die Natur zeigte. Das „Abmalen“ war vorüber. Nicht was sie darstellten, sondern die Farben selbst zählten. In ähnlicher Weise wirkt jetzt im Konzert die Verschränkung der zeitgenössischen und der romantischen Tonsprache. Nicht mehr die einzelnen Werke, sondern die Musik selbst bildet das Konzert.

Auflösung des Werkbegriffs

Alban Gerhardt, der Cellist des Quintetts, sieht in Konzerten mit zusätzlicher Lichtregie Zukunftspotential und erzählt von einem Konzertbesuch in Helsinki, wo auf das Licht nicht mal mehr zusätzlich hingewiesen wurde. Grundsätzlich ist diese Kombination von Licht und Musik nicht neu: Georg Philipp Telemann etwa berichtet vom Versuch des Jesuitenpaters Louis-Bertrand Castel Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, ein Farbklavier zu entwickeln. Zwei Jahrhunderte später führte Alexander László seine „Farblichtmusik“ auf, und Alexander Skrjabins Symphonische Dichtung „Prométhée. Le Poème du feu“ enthält eine auskomponierte Lichtstimme, die je nach Klangzentrum in unterschiedlichen Farben strahlt.

Um Musik nahbar zu machen, reicht es nicht, sie nur auf der Bühne auszustellen: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt am Odeonsplatz vor architektonischer Kulisse in Abendstimmung.
Um Musik nahbar zu machen, reicht es nicht, sie nur auf der Bühne auszustellen: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt am Odeonsplatz vor architektonischer Kulisse in Abendstimmung. Bild: dpa

Ebenfalls einen Zugang eröffnet das Licht in einer weiteren Konstellation der ECR. Dabei erzeugten zwei schräg auf das Ensemble gerichtete Scheinwerfer ein Schattenspiel der Musizierenden während des dritten „Epitaphs“. Es ist ein Miniaturrequiem für Jan Diesselhorst. Der Cellist der Berliner Philharmoniker war 2009 verstorben. Jeder aus dem Ensemble kannte ihn. Nun spielen die Schatten der noch lebenden Musiker an der Wand. Ein unwirkliches, mystisches Verhältnis von Leben und Tod beschwört eine zusätzliche Tiefendimension der Musik. „Das Auge hört mit“, so Alban Gerhardt.

ANZEIGE

Für Uhde sind das zusätzliche „Resonanzangebote“ an den Zuschauer, die die Nähe zum Geschehen und damit die Immersion unterstützen. Um Musik nahbar zu machen, reicht es nicht, sie nur auf der Bühne auszustellen. Uhde ergänzt: „Würde man sich heute ein Konzert der Mozartzeit ansehen, würde man sagen, das ist eine bunte Fernsehshow. Da kommt ein langsamer Satz, dann eine Arie, dann eine Symphonie.“

„Das Werk“, wie es die Konzerttradition des neunzehnten Jahrhunderts zeigt, hat unter solchen Bedingungen keinen Platz. Vielleicht steht im Konzert der Zukunft die Musik als Phänomen an sich anstelle einzelner Werke im Zentrum, ganz so wie Kandinsky die Farben ins Zentrum seiner Kunst stellte. Vielleicht setzt sich auch eine zusätzliche Dramaturgie der Lichtstimmung oder szenischer Bilder durch, ähnlich Simon Rattles und Peter Sellars Aufführung der Matthäus-Passion. Es könnten Konzertangebote angestoßen werden, in denen „das Werk“ nicht wie im Rahmen abgeschlossen ausgestellt wird, sondern in das der Hörer vielmehr hineingelockt wird, zu neuen Erfahrungen mit sich und dem Werk – wie auch immer das aussehen mag. Das Konzerterlebnis, die Kontemplation, die Auseinandersetzung wird es auch weiterhin im Konzertsaal geben, aber vielleicht insofern verändert, als Diversität in der Musik und im Publikum Veränderung verlangt.

Nach dem Konzert nimmt Wontae Kim die Elektroden, die Fingerklammer und den Brustgurt ab, die seine Reaktionen aufgezeichnet haben. Er geht zur Nachbefragung zurück in den Saal mit den Bogenfenstern. Auch hier hat sich das Licht verändert. Die Sonne ist verschwunden. Der Himmel ist dunkelblau geworden. Davor liegt wie ein Scherenschnitt die Silhouette von Häusern und Sträuchern. Ein bisschen wie das Schattenspiel während des „Epitaphs“. Angeregt von den Eindrücken kehrt er zurück in seinen Alltag als Musiker.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE