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Britische Kulturpolitik

Eine Oper weniger

EIN KOMMENTAR Von Gina Thomas
10.11.2022
, 06:23
Nadine Dorries (links) und Rachel Johnson fotografieren sich am 6. September 2022 vor dem Londoner Amtssitz des Premierministers. Bild: dpa
In Großbritannien finden große Umschichtungen der Kultursubventionen statt. Für die Englisch National Opera in London bedeutet dies das Ende.

„Posh“ („piekfein“) ist ein Lieblingswort der ehemaligen britischen Kulturministerin Nadine Dorries, deren Treue Boris Johnson in der scheidenden Premierministerin gewährten Liste zu ehrender Personen mit der Erhebung ins Oberhaus belohnen will. Die kämpferische Dorries stammt aus dem Arbeitermilieu in Liverpool. Sie schreibt Romane, in denen sie aus ihren Erfahrungen als anglo-irisches Arbeiterkind schöpft. Die Schmöker sind Bestseller, obwohl die Kritik das Vorurteil der Politikerin gegen die vermeintlich hochnäsige, linksliberale Kulturelite mit Naserümpfen bekräftigt. Wenn sie „posh“ sagt, ist das keineswegs ein Kompliment. Viele hielten es für einen bösen Witz Johnsons, ihr das Kulturressort anzuvertrauen.

Anfang dieses Jahres kündigte Dorries die größte Umstrukturierung in der Kulturfinanzierung seit einer Generation an, um im Sinne der Johnson-Agenda des „levelling up“ das historische Gefälle zwischen dem reichen Süden und den armen Regionen des Landes auszugleichen. Dorries rang dem Finanzministerium zusätzliche 43,5 Millionen Pfund für ihre Mission ab und befahl dem Arts Council, dessen Aufgabe es ist, den Kulturetat zu verteilen, mehr Gelder aus London in die Regionen umzuleiten. Dabei scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Fördereinrichtung unter dem Eindruck der totalitären Diktaturen nach dem expliziten Prinzip der Kulturfinanzierung „auf Armeslänge“ gegründet wurde, um den kreativen Sektor vor politischer Einmischung zu bewahren. Ende vergangener Woche hat der beklommene Kulturbetrieb erfahren, wie der Arts Council die Weisung der damaligen Ministerin umsetzen will. Wie bei jeder Umverteilung gibt es Verlierer und Gewinner, zumal das Portfolio von 828 auf 990 Förderungsempfänger gesteigert worden ist, die in den nächsten drei Jahren aus dem 1,34-Milliarden-Topf subventioniert werden sollen.

Es sind 276 Organisationen dazugekommen, von denen viele den zeitgeistlichen Schlagwörtern Inklusion und Vielfalt entsprechen. Dabei bleiben Dutzende auf der Strecke, allen voran die English National Opera, deren gesamter Etat gestrichen worden ist. Das Opernhaus soll seinen vor 22 Jahren teuer erworbenen Sitz im Londoner Coliseum im April räumen und sich außerhalb der Stadt eine neue Zukunft bauen. Der ENO wurde Manchester als Standort empfohlen, das bereits von der Opera North bedient wird, ohne dass Gespräche mit der Stadt oder betroffenen Einrichtungen stattgefunden hätten. Sofern etwaige Pläne die Zustimmung des Arts Council finden, hat dieser der ENO eine Übergangsfinanzierung in Höhe von 17,5 Millionen Pfund für die nächsten drei Jahre in Aussicht gestellt, etwa die Hälfte seiner jetzigen Zuwendung.

Gewiss hat sich die ENO durch jahrelange Misswirtschaft in Ungnade gebracht. In jüngster Zeit hat das Haus jedoch löbliche Anstrengungen unternommen, mit Freikarten für Jugendliche, Drive-in-Aufführungen und Gemeinschaftsprojekten wie der Vermittlung von Atemtechniken an Long-Covid-Patienten, die oft als zu „posh“ gescholtene Oper einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Kann es wirklich sein, dass eine Weltstadt mit neun Millionen Bewohnern sich mit der ebenfalls beschnittenen Covent-Garden-Oper nur noch ein Opernhaus leistet, noch dazu eines, das im Unterschied zur English National Opera die Werke in der Originalsprache aufführt? Ebenso wenig nachzuvollziehen sind die radikalen Kürzungen der Etats für Glyndebourne (um mehr als fünf Prozent) und die Welsh National Opera, beides Unternehmen, die wirkungsvolle Tourneen im Lande unternehmen. Zu den zahlreichen anderen Opfern gehören das von Sam Mendes gegründete Donmar Theatre sowie das Londoner Gate Theatre, beides Bühnen, die durch ihre Breitenwirkung auch regionale Häuser begünstigt haben.

Die großen Gewinner sind Organisationen, die Vielfalt fördern. Der konservative „Telegraph“ hat sich den Spaß gemacht, die der Kulturkriegerin Dorries bei aller Abneigung gegen „posh“ bestimmt nicht behagenden Zielsetzungen einiger davon aufzuführen, darunter die den Dialog „zwischen intergenerationellen Frauen und Queer-Künstlern“ unterstützende Galerie Mimosa House.

Bei der Ankündigung seines Angleichungsprogramms hat Boris Johnson versprochen, ein Loch nicht mit einem anderen zu stopfen. „Levelling up“ sei kein Null-, sondern ein Positivsummenspiel. Es waren leere Worte.

Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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