20 Jahre nach an 9/11

Der stillgestellte Augenblick

Von Verena Lueken
11.09.2021
, 11:55
Die von Jersey City aus aufgenommene Insel Manhatten in der Morgendämmerung des 15. September 2001
Erinnerungen, Träume und Phantome: Seit zwanzig Jahren ringt die amerikanische Literatur um angemessene Bilder für die Katastrophe.
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Der Alltag nahm eine andere Form an. Unmerklich. Nichts werde sein wie zuvor, als die dreitausend Menschen noch lebten, die jetzt tot waren, und die Türme des World Trade Center noch standen, mitten in New York. So hieß es. War es so?

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Vor allem war es still, trotz der Sirenen. Totenstill, das war keine Metapher. Alle spürten die Gegenwart der Toten, die nicht begraben werden konnten, weil nichts von ihnen geblieben war. Auf sämtlichen Bildschirmen liefen in einer endlosen Schleife immer wieder dieselben Bilder. Vom blauen Himmel, von den Kondensstreifen der Flugzeuge, den Einschlägen, dem Rauch, dem Niedersinken der Türme, den aschebedeckten Menschen auf dem Weg in Si­cherheit. Dazu die immer gleichen Kommentare, die sich zu einer Art White Noise verbanden, der in sich keinerlei Bedeutung trug. Es gab keinen Weg heraus aus diesem Augenblick, in dem die Zeit gefangen war. Der Augenblick der Katastrophe, von der tatsächlich viele damals sagten und schrieben, sie sei „out of the blue“, aus heiterem Himmel und also plötzlich und unerwartet, über die Stadt und Amerika gekommen. Letztlich läuft diese Bilderschleife bis heute. Manche Künstler kämpfen im­mer noch mit Blick auf dieses Ereignis, um aus ihr herauszufinden.

Auch in den Tagen und Wochen nach dem 11. September wurde mit der Tradition, im Ernstfall Schriftsteller zu befragen, nicht gebrochen. Nun hieß es, mit Abwesenheiten, mit Geistern und Nachbildern zu leben, von Menschen wie Gebäuden. Umso mehr wurden Geschichten ge­braucht, so dringend wie Analysen und trockene Bestandsaufnahmen. Es gab das Be­dürfnis nach einer Erzählung, die diese Ka­tastrophe begreifbar machen würde, handhabbar auch, die Trost spenden und in eine Zukunft weisen könnte. Aber obwohl so viel geschrieben wurde, war eine einigende, gültige Erzählung, die das leistete, nicht zu haben. Einige New Yorker Schriftsteller ringen damit bis heute. Paul Auster etwa, dessen Werk sich deutlich spaltet in die Zeit vor und nach dem 11. September und dessen Sätze damals, disruptiv zum Teil oder ihrerseits in Wiederholungen gefangen, davon zeugen, dass eigentlich die Wörter fehlten, und die Monstrosität des Ereignisses tradierte Formen des Denkens und Sprechens außer Kraft gesetzt hatte. Don DeLillo schrieb mit „Falling Man“ sechs Jahre später einen Roman, der sich um den Zusammenbruch der Türme dreht. Er meinte, der 11. September sei „weder ein Ende noch ein Anfang“, sondern eben jener „statische, ewig stillgestellte Augenblick“, in dem die Zeit ausgesetzt sei. In­zwischen gibt es einen ganzen Berg von 9/11-Literatur, die sich nicht immer auf der Höhe der Ereignisse bewegt.

Der kollektiv erlebte Schrecken

Wie konnte in diesem Zustand der ausgesetzten Zeit gesprochen, geschrieben werden? Welche Geschichten formten sich aus dieser Umklammerung endloser Wiederholung und Stille heraus? Dass die Motive typischer amerikanischer Erzählungen ­ – Mobilität und Selbstbestimmung, Freiheit und Selbstverwirklichung ­ –­ nicht hilfreich waren in dieser Zeit, das war allen klar. Dies beweisen auch die „110 Stories“, die Ulrich Baer in einem Sammelband bereits ein Jahr danach he­rausbrachte (New York University Press 2002), kurze Stücke, Gedichte, Prosa in unterschiedlicher Form, erste Ansätze, wie die verschiedensten Erinnerungen an dieses Ereignis eine Gestalt finden könnten, um sich aus dem stillgestellten Augenblick zu befreien.

Der Blick der Schriftsteller unmittelbar nach den Anschlägen richtete sich nach innen in dem Versuch, persönliche Erfahrung mit dem kollektiv erlebten Schrecken kurzzuschließen. Jonathan Franzen erzählte einen wiederkehrenden Traum, in dem ein Flugzeug eine Rolle spielte. John Up­dike berichtete von seinem Tag und dem Eindruck am nächsten Morgen, New York sehe beim Blick von Brooklyn nach Manhattan immer noch fantastisch aus. Paul Auster dachte beim Blick auf die Rauchwolke, die an seinem Fenster vorbeizog, während der Fernseher lief, an seinen Freund, den Hochseilartisten Philippe Petit, der kurz vor Ende der Bauarbeiten ein Drahtseil zwischen den Türmen spannte und darüber lief, „ein Anblick unvergesslicher Schönheit“. Das war 1974, ein Nachbild auch dies. „The always-thereness of here was gone“, schrieb Richard Powers, und dieses Gefühl einer umfassenden Orientierungslosigkeit war nah an der Frage dran, die eigentlich zählte, aber kaum jemand zu stellen wagte: Wer sind wir?

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Offenbar wurde Amerika in Teilen der Welt gehasst. Als sich dieser Hass in dem spektakulären Massenmord auf ihrem ei­genen Boden entlud, fiel den meisten po­litischen Kommentatoren nichts anderes ein, als ihn „feige“ zu nennen. Im Augenblick der Katastrophe blieben der Rest der Welt, aber auch die Zerwürfnisse im eigenen Land ins Abseits der Wahrnehmung ge­drängt. Für die meisten und in der Erinnerung an damals ist das weitflächig bis heute so geblieben.

Susan Sontag gehörte zu den wenigen, die unmittelbar nach den Anschlägen die Rede von der „Feigheit der Angriffe“ ebenso zurückwies wie die dümmlichen Beschwichtigungen der Politiker, die sich mit Unterstützung der Medien entschlossen hätten, den Amerikanern „nicht zu viel Wirklichkeit“ zuzumuten. Alles andere als aus heiterem Himmel seien diese Angriffe gekommen. Nun würde versichert, Amerika sei stark. Fraglos. „Aber wer sind wir sonst noch?“, fragte sie. Sie selbst gab keine Antwort, und heute, so scheint es, fragt niemand mehr, weil jeder weiß, sie wäre sehr schwer zu finden. Denn mit dem 11. September verschwand auch das Gefühl, die Vereinigten Staaten schritten immer weiter voran auf ihrem Weg zur vollendeten Nation.

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Die Reaktion, die über Susan Sontag hereinbrach, entspräche heute einem Shitstorm immensen Ausmaßes. Stärke war die einzige Antwort im Angebot. Eine zweite Frau, Toni Morrison, rief in einer Trauerrede in Princeton ein anderes Amerika auf als jenes, das Präsident Bush beschwor, als er die Amerikaner aufforderte, nach Disneyland zu fahren: „Ich möchte, wenn ich den Mut aufbringe, di­rekt zu den Toten sprechen“, sagte sie. „Zu den Kindern von Ahnen, die aus allen Kontinenten des Planeten stammen, aus Asien, Europa, Afrika, den beiden Amerikas; Kindern von Vorfahren, die Kilts, Ki­monos oder Saris trugen, Turbane, Strohhüte oder Kippas, Ziegenleder oder Holzschuhe, Federn oder Kopftücher auf ihren Häuptern. Aber ich möchte kein Wort sa­gen, ehe ich nicht alles vergessen habe, was ich über Nationen, Kriege, Re­gie­rende und Regierte und die Unregierbaren weiß oder zu wissen glaube; und was ich argwöhne über Panzer und Ge­därm.“ Es war ein Gebet, behutsam, umfassend, verzweifelt auch, weil es nichts gab, was den Toten noch zu geben wäre außer diesem Gedenken. Und dem Land eine Mahnung, die nicht gehört wurde.

Geradewegs in den Kitsch

Die Ausgabe des Magazins New Yorker, in der Susan Sontag fragte, ob Amerika noch etwas anderes sein könne als stark, hat ein tiefschwarzes Titelbild. Erst bei ge­nauem Hinschauen sind die beiden Türme, die nicht mehr standen, zu sehen, ein Schatten der Abwesenheit, fast unmerklich glänzender als der Rest der schwarzen Fläche. Dass dieses Titelbild von Art Spiegelman wie auch die Graphic Novel, die später daraus wurde ­ – „In the Shadow of No Towers“, ein Titel, der das Lebensgefühl je­ner Tage und Wochen genau trifft –, bis heute eines der wenigen gültigen Bilder bleibt, das der Dimension des Ereignisses gewachsen ist, zeigt sich auch im Vergleich mit einem anderen. Zum ersten Jahrestag des 11. September bat das Time Magazine Robert Rauschenberg um den Entwurf ei­nes Titels. Er lieferte eine Collage aus übereinanderliegenden Fotos von Blumen und Flaggen und Vermisstenbildern, ein insgesamt „elegantes Ensemble“, das den Au­genblick, so erschien es dem Chefredakteur Jim Kelly, „aufs Schönste“ festhielt und das Gedenken geradewegs in den Kitsch führte. Zu diesem Zeitpunkt waren auch der Lärm und das Geschnatter längst zurückgekehrt.

New York ist nicht mehr dieselbe, aber das war die Stadt nie. Colson Whitehead hat das am schönsten beschrieben: Man werde zum New Yorker, wenn zum ersten Mal etwas aus dem eigenen Alltag verschwinde, die Reinigung an der Ecke, die Bar neben der Wohnung von Freunden. Dieses Verschwinden sei die typische New Yorker Erfahrung. Im eigenen inneren Bild der Stadt jedoch bleibe alles so, wie es war, als man ankam. Für ihn gehörten die Türme immer dazu, und so würde es bleiben.

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Ist der 11. September 2001 zwanzig Jahre später nur noch für die, die dabei waren oder nahe Menschen verloren haben, eine Erinnerung, die sie nicht loswerden? Eine Erinnerung, die sich vollkommen abgespalten hat von den globalen politischen Konsequenzen der Terroranschläge? Si­cher ist, dass dieser Tag heute wie da­mals schon in New York etwas anderes bedeutete als im Rest der Vereinigten Staaten und erst recht in der Welt. Ayad Akhtar hat das in „Homeland Elegien“ scharfsinnig und scharfzüngig beschrieben.

Als kürzlich am Kabuler Flughafen Menschen von den Tragflächen aufsteigender Flugzeuge fielen, die sie vor dem Start in der Hoffnung auf Rettung erklommen hatten, waren die Bilder von damals wieder da. Klar und scharf. Damals sprangen die Menschen. Jetzt fielen sie. Was das eine politisch mit dem anderen zu tun hat, liegt auf der Hand. Wie in den Erzählungen der Trauernden hier und dort das eine Trauma mit dem anderen in Beziehung zu setzen wäre, die eine Zerstörung mit der anderen Verheerung – das zu formulieren, darum kämpft bis heute die Literatur.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena
Verena Lueken
Freie Autorin im Feuilleton.
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