Rassismus der Medien?

Wenn eine junge weiße Frau verschwindet

Von Frauke Steffens
15.10.2021
, 09:58
Traurige Gewissheit: Gabby Petito ist tot
Der Fall der ermordeten Gabby Petito beschäftigt die amerikanische Öffentlichkeit seit Wochen. Es geht dabei auch um die Frage, welchen Schicksalen die Medien Priorität verleihen.
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Für die Familie von Gabrielle „Gabby“ Petito bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen: Die Zweiundzwanzigjährige starb durch Strangulation, wie die amerikanischen Behörden in dieser Woche bekannt gaben. Von ihrem Verlobten Brian Laundrie fehlt nach wie vor jede Spur – er wird verdächtigt, seine Partnerin umgebracht zu haben. Die Suchaktion, erst nach der Vermissten und nun nach dem wohl Flüchtigen, beschäftigt die amerikanischen Medien seit dem Spätsommer.

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Petito wollte als Influencerin berühmt werden und schloss sich bei Instagram jenen an, die unter dem Hashtag #vanlife ihre Reiseerlebnisse posten. Ihre Leiche wurde Mitte September im Bridger-Teton-Nationalpark in Wyoming gefunden, wo sie und ihr Verlobter Laundrie unterwegs gewesen sind. Die Polizei veröffentlichte Videos, auf denen beide mit Beamten sprechen, nachdem sie sich auf der Reise gestritten hatten. Bald diskutierten Tausende von Menschen im Netz über den Fall, veröffentlichten Zeitungen und Fernsehsender immer neue Berichte über mögliche Hinweise auf Laundries Verbleib – und auch Prominente wie der Kopfgeldjäger und Reality-TV-Darsteller Duane Chapman alias „Dog the Bounty Hunter“ mischten bei der Suche mit. Ein Fall mit so vielen Hinweisen und einem Flüchtigen, dazu die relative Internetprominenz der jungen Frau – es scheint nicht weiter verwunderlich, dass die Medien die Geschichte seit Wochen verfolgen.

Doch parallel zu der Suche nach Laundrie hat sich noch eine weitere Diskussion entsponnen – und einige Medien fügten ihrer Berichterstattung über den Fall kritische Betrachtungen über das „Missing White Woman Syndrome“ hinzu. Der Begriff bezeichnet den Umstand, dass Journalisten überproportional häufig über junge weiße Frauen berichten, die Opfer von Verbrechen sind oder vermisst werden. Die Zeitung The Washington Post zählte innerhalb von sieben Tagen 398 Nennungen von Petitos Namen beim Sender Fox News und 346 bei CNN. Das Magazin Politico nannte die Berichterstattung eine „Sucht“ der Medien nach Informationen zu Petitos Fall.

Die unsichtbaren Vermissten

Diese Unterschiede in der öffentlichen Aufmerksamkeit sind lange bekannt. Die Bezeichnung „Missing White Woman Syndrome“ wird der 2016 verstorbenen Journalistin Gwen Ifill zugeschrieben, die Moderatorin und Ko-Chefredakteurin des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmagazins „PBS News Hour“ war. Sie charakterisierte die überproportionale Berichterstattung über weiße Opfer bei einer Konferenz im Jahr 2004 als Ausdruck strukturellen Rassismus. Dass das Stereotyp der „Damsel in Distress“, des „Fräulein in Not“, die Fantasie von Journalisten und Publikum am meisten anspreche, sei auch Ausdruck einer rassistischen Hierarchie, sagte Kym Pasqualini, Chefin der Organisation „National Center for Missing Adults“, bereits im Jahr 2011.

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In den Vereinigten Staaten machen schwarze Erwachsene und Kinder 35 Prozent aller Vermisstenfälle aus, ihr Bevölkerungsanteil liegt aber nur bei etwa dreizehn Prozent. Mehrere Studien bestätigten, dass Medien dennoch häufiger und intensiver über verschwundene weiße Kinder berichten als über Kinder anderer Hautfarben. Und eine Untersuchung des Wyoming Urban Indian Health Institute machte 2020 darauf aufmerksam, das allein in dem Bundesstaat 710 indigene Amerikaner zwischen 2011 und 2020 vermisst wurden, die Berichterstattung über ihre Fälle aber spärlich und voller negativer Klischees sei.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Versuche, das Ungleichgewicht in der öffentlichen Anteilnahme zu beseitigen, etwa durch Internetkampagnen wie die der Websites „Our Black Girls“ oder „Black and Missing“.

Doch nicht nur die Medienaufmerksamkeit für Opfer von Verbrechen, die nicht weiß sind, ist schwächer. Obwohl etwa Schwarze überproportional häufig Gewalttaten zum Opfer fallen, sind die Aufklärungsquoten geringer. Eine Recherche der Washington Post ergab 2018, dass es in Mordfaellen zu 63 Prozent zu Verhaftungen kam, wenn die Opfer weiß waren. Nur in 48 Prozent beziehungsweise 46 Prozent der Mordfälle mit Latinos oder Schwarzen als Opfer gab es Festnahmen. Einbezogen wurden mehr als 50.000 Tötungsdelikte.In Gegenden mit besonders armen Einwohnern sei die Zahl der aufgeklärten Gewalttaten am geringsten.

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Doch nicht nur der Kriminalfall Petito machte in diesen Wochen Schlagzeilen. Auch der Prozess gegen den Sänger R. Kelly scheint zu belegen, dass Frauen, die nicht weiß sind, am längsten und oft vergeblich auf Gerechtigkeit und öffentliche Anerkennung warten. Kelly wurde schuldig gesprochen, zum Zwecke sexueller Ausbeutung eine kriminelle Organisation betrieben zu haben. Er soll Dutzende Minderjährige genötigt und missbraucht haben – die Vorwürfe reichen bis in die Neunzigerjahre zurück. Der Sänger habe es geschafft, den Behörden drei Jahrzehnte lang immer wieder zu entkommen, weil seine Opfer arm und nicht weiß waren, sagte etwa Treva Lindsey, die an der Ohio- State-Universität im Bereich Gender Studies forscht, in einem Interview: „Es ist bemerkenswert, welches Level die Verbrechen gegen schwarze Jugendliche erreichen mussten, bevor es irgendeine Art von Aufmerksamkeit gab.“ Erst die Dokumentationsreihe „Surviving R. Kelly“ und eine Kampagne in den sozialen Medien hätten das geändert, so Lindsey.

Armut ist ein Risikofaktor

Laut der American Psychological Association wird eines von vier schwarzen Mädchen vor seinem 18. Geburtstag Opfer sexuellen Missbrauchs. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Mann getötet zu werden, liegt für eine schwarze Frau laut der Organisation zweieinhalbmal so hoch wie für eine weiße. Häufig ist Armut der entscheidende Risikofaktor für diese Frauen. Laut den Behörden zeigen Opfer, die nicht weiß sind, Sexualstraftaten zudem seltener an. Das wiederum lasse sich nur durch eine intersektionelle Betrachtungsweise erklären, beschreibt etwa die Frauenrechtsorganisation NOW: „Frauen of Color leben nicht in einer Schublade, die nur durch ihr Geschlecht definiert wird. Die Probleme der Masseneinkerkerung, der Polizeibrutalität, der unfairen Drogenpolitik und der übermäßigen Präsenz der Polizei in von Minderheiten bewohnten Nachbarschaften betreffen sie ebenso wie die Männer. Die Polizei und das Justizsystem werden nicht als geeignete Mittel für Gerechtigkeit und Schutz angesehen, weil diese Systeme Menschen, die nicht weiß sind, weiterhin unterdrücken.“

Das schaffe eine Atmosphäre des Misstrauens, die auch schwarze Frauen davon abhalte, sich an die Polizei zu wenden, wenn sie oder ihre Kinder Opfer von Gewalt werden. In ärmeren Stadtteilen gebe es oft auch den Druck, sich als Frau mit den unterdrückten Männern zu solidarisieren, so die Organisation.

Männer wie R. Kelly oder auch der durch Freitod gestorbene Milliardär Jeffrey Ep­stein suchten ihre Opfer wiederum in stigmatisierten und besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen – Klasse war ein mindestens so großer Risikofaktor wie Hautfarbe. Beide nutzten junge Frauen und Jugendliche aus, die aus armen Verhältnissen kamen, kein eigenes Geld hatten oder denen aufgrund geringfügiger Vergehen wie dem Schulschwänzen eingeredet werden konnte, sie seien erpressbar. Die Hunderttausende, die im Jahr vermisst werden, kommen oft aus prekären Lebenssituationen. Ihre Verwandten haben nicht die Ressourcen für öffentliche Kampagnen. Und wenn nicht ein Detail ihrer Geschichte ungewöhnlich genug ist, berichten auch überregionale Medien nicht.

Quelle: F.A.Z.
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