Präsident François Hollande

Wie man Journalisten manipuliert

Von Jürg Altwegg, Genf
25.10.2016
, 17:00
Er wickelt sie alle um den Finger: Frankreichs Präsident Hollande erklärt in einem Buch über seine Amtszeit, wie man Journalisten manipuliert.
Watergate in Paris: Präsident François Hollande lüftet den Schleier und erzählt den staunenden Journalisten ganz unverblümt, wie lässig er sie seinerzeit verladen hat.

Am 3. Oktober vor zwei Jahren wurden die beiden renommierten Enthüllungsjournalisten Fabrice Lhomme und Gérard Davet von „Le Monde“ im Elysée empfangen. Auf der offiziellen Agenda des Staatspräsidenten war der Termin nicht eingetragen. Das Magazin „Valeurs actuelles“ hatte ihn in Erfahrung gebracht. Es wusste auch, dass Lhomme und Davet am 6. Oktober das Justizministerium aufsuchten. Um 15 Uhr wurden sie bei der Finanzbrigade vorstellig.

Dass Journalisten ihren Kollegen nachspionieren, hat damals für viel Empörung gesorgt. „Valeurs actuelles“ ist ein wenig sympathisches Magazin mit ziemlich rechtsextremer Gesinnung und Stoßrichtung. Und die einzige politische Zeitschrift in Frankreich, die in den letzten Jahren an Auflage gewann und inzwischen wöchentlich 100.000 Exemplare verkauft. Wahrscheinlich wurden die Informationen der Redaktion von Sympathisanten aus den Behörden zugespielt – sie sind eh die ergiebigsten Quellen des investigativen Journalismus. Seine beiden Stars standen damals unter Polizeischutz. Je vier Sicherheitsbeamte passten auf die Reporter auf, auch das Auto stellte ihnen der Staat zur Verfügung. Es hatte Todesdrohungen gegen sie gegeben, Einbrüche in die Wohnung. Ihre Computer wurden gehackt.

„Valeurs actuelles“ verarbeitete die dürren Informationen zu einer Titelgeschichte: Die Enthüllungsjournalisten werden von Hollande gefüttert, sie bekommen ihren Stoff direkt aus dem Elysée und dem Justiz- wie Finanzministerium. Dem Präsidenten gehe es darum, seinem Vorgänger das Handwerk zu legen.

Was ein Präsident nicht sagen sollte

Nicolas Sarkozy hatte sich gerade zu einem Comeback entschlossen. Nach seiner Niederlage gegen Hollande wollte er von der Politik nichts mehr wissen. Dann besann er sich anders und musste zunächst für den Vorsitz in seiner Partei kandidieren, in der er nicht nur willkommen war. Er hat „Valeurs actuelles“ in dieser Phase mehrere Interviews gewährt und machte klar: er will zurück ins Elysée. Sein offizieller Fotograf wurde ertappt, als er ein Treffen der Journalisten Lhomme und Davet mit einem Informanten filmte – hinter den Enthüllungen rund um die Reporter stecken wohl seine alten Seilschaften in der Verwaltung.

Das sind unschöne Methoden – aber sind sie verwerflicher als das hehre Tun der „enthüllten Enthüller“? (F.A.Z. vom 13. und 17. Oktober 2014.) Beweise für die Instrumentalisierung von Lhomme und Davet durch das Elysée gab es keine, die Indizien aber waren erdrückend. Den Treffen folgten laufend neue Enthüllungen über Skandale und Affären, in die Sarkozy verwickelt ist. Die Artikel in „Le Monde“ – zum Beispiel über die gefälschten Rechnungen bei der Finanzierung von Sarkozys Wahlkampagne – basierten auf Dokumenten, die nur den Richtern und Steuerfahndern zugänglich waren. Ihre Veröffentlichung war ein Verstoß gegen das Amtsgeheimnis.

Einen Monat nach der Titelgeschichte in „Valeurs actuelles“ veröffentlichten die Reporter ein Buch über Sarkozy. Sie tischten darin viele Primeurs auf, die nicht in ihrer Zeitung standen. Den größten Wirbel löste die Behauptung aus, Sarkozys Premierminister François Fillon sei im Elysée vorstellig geworden mit der Bitte, man möge doch die juristischen Verfahren gegen den Ex-Präsidenten vorantreiben. Ohne Sarkozys Comeback wäre Fillon, der 2017 ebenfalls Präsident werden will, der natürliche Kandidat der „Republikaner“ gewesen. Als Quelle nannten die Autoren Jean-Pierre Jouyet, der von seinem Mitschüler Hollande in der staatlichen Kaderschmiede ENA als Generalsekretär ins Elysée geholt wurde. Zuvor hatte Jouyet Sarkozy und Fillon als Minister gedient. Vergeblich verlangte Fillon den Mitschnitt des Gesprächs – die Journalisten beriefen sich auf den Quellenschutz. Die Quelle allerdings hatten sie offengelegt, es ging nur um den sachlichen Beweis ihrer Behauptung.

Ihren Besuch im Elysée am 3. Oktober 2014 begründeten Davet und Lhomme mit dem Projekt eines Buchs über Hollandes Amtszeit. Jetzt liegt es vor. Es ist der Gesprächsband mit fast 700 Seiten, der letzte Woche in Paris erschien und eine Reihe von „Schockwellen“ mit anhaltenden Nachbeben auslöste: „Un président ne devrait pas dire ça...“ (Editions Stock). „Was ein Präsident nicht sagen sollte...“ haben ihm die unkorrumpierbaren Helden des Enthüllungsjournalismus, die Tugendwächter des kritischen Journalismus und der journalistischen Unabhängigkeit entlockt? Die renommiertesten Recherchejournalisten des Landes verdingen sich als Protokollführer des Präsidenten, mit dem sie einen permanenten und intensiven Austausch pflegen. Nervös sei er am Tag vor dem Erscheinen gewesen, als er sie angerufen habe.

„Lügner“ und „Manipulator“

Das erste Statement, das vor der Auslieferung die Redaktionen erreicht hatte, betraf „Marianne“, deren Büste die Republik repräsentiert: Sie werde in Zukunft Schleier tragen, prophezeit der französische Staatspräsident. Den Justizapparat bezichtigt er der Feigheit, den Staatsanwälten bescheinigt er oberlehrerhafte Tugendhaftigkeit. Mit der gleichen Unbedarftheit schwadroniert er von einem geheimen Abkommen mit der Europäischen Union, die Frankreich das Übertreten der Maastricht-Kriterien bewilligt habe – was den kleineren Mitgliedstaaten aber nicht gesagt werden dürfe. Als „Hollandes Harakiri“ wird der Gesprächsband auch von seinen allerletzten Freunden bezeichnet. Er wirft ein zusätzliches Licht auf die Methoden von Lhomme und Davet, die ihren Informanten ins offene Messer laufen ließen. Sie sind von ihrer eigenen Bedeutung genauso verblendet wie der Präsident von seiner Macht. Ihre Kungelei mit dem Staatschef ist nicht dazu angetan, die Spekulationen über ihre „Enthüllungen“ zu entschärfen.

Zur Diskussion steht auch die Dramaturgie ihres Umgangs mit den Enthüllungen, über die sie verfügen. Und ihren Informanten schlechthin: Hollande bestätigt ihnen gegenüber, dass Fillon im Elysée vorstellig geworden sei – war er selbst die Quelle? Wurde Jouyet als Strohmann vorgeschoben? Die Affäre kam bei der TV-Debatte zur „Republikaner“-Vorwahl zur Sprache. Alain Juppé, vorbestrafter Favorit, erklärte: „Es ist besser, die Verurteilungen hinter als vor sich zu haben.“ Fillon nannte Jouyet einen „Lügner“ und Hollande einen „Manipulator“.

Der Präsident scheint seinen Gesprächspartnern nicht völlig vertraut zu haben. Es gab ein zweites Team, das er mit der gleichen Aufgabe betraute: das Tandem Antonin André und Karim Rissouli, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die wichtigste politische Sendung moderiert. Ihre „Conversations privées avec le président“ (Albin Michel) waren Mitte August erschienen. Hollande beklagte sich über das vorgezogene Erscheinen und die Tatsache, dass er den Text nicht zum Gegenlesen bekommen habe – es gab keine entsprechende Abmachung. Das Buch ist ein weinerlicher und selbstgefälliger Kommentar. Der Präsident stilisiert sich zum Opfer widerlicher Umstände und klagt über die Ungerechtigkeit der Welt. Mit der Arbeitslosigkeit habe er „kein Glück“ gehabt, was er auf so saloppe Weise („pas de bol“) formuliert, dass er im Nachhinein behauptete, die Journalisten hätten ihm die ungeschickten Worte in den Mund gelegt. Auch noch das Kommentieren seiner Kommentare kann er nicht lassen.

„Hollandes Harakiri“

Sogar seine Schlammschlacht mit seiner ehemaligen Partnerin Valérie Trierweiler, Journalistin bei „Paris Match“ (mit Korrespondentenbüro im Elysée auf Kosten des Staats), führt er weiter. Er verließ und verstieß sie, als seine Affäre mit der Schauspielerin Julie Gayet publik wurde. Ein Paparazzo hatte ihn bei seinen nächtlichen Besuchen – mit Helm und Vespa – fotografiert. In den „Conversations privées“ schwadroniert er von „ihrem sozialen Minderwertigkeitskomplex mir gegenüber“, versicherte ihr aber umgehend, dass er so etwas so nicht wirklich gesagt habe. Nach „Un président ne devrait pas dire ça...“ hat Trierweiler eine SMS aus dem Jahre 2008 veröffentlichen lassen, um zu beweisen, dass Hollande die Armen sehr wohl als „Zahnlose“ (sans-dent) bezeichnet habe – wie sie in ihrem Bestseller über die Jahre an seiner Seite schrieb.

Nicht dementiert hat Hollande seine Äußerungen über Journalisten – Seite 54 der „Privatgespräche“ mit ihnen: „Wie viele Artikel habe ich inspiriert! Wirklich! Auch von berühmten Journalisten!“ Brühwarm erzählt er ihnen, wie er sie manipuliert: „Man kann einen Journalisten, sogar einen seriösen Journalisten, immer steuern, ihm eine Richtung weisen. Das gehört zum Spiel. Umso mehr, als der Journalist unter Zwang steht: er muss innert sehr kurzer Zeit sein ‚Papier‘ verfassen und verfügt oft über lückenhafte Informationen. Es genügt, ihm eine gute Perspektive aufzuzeigen, ihm die richtige Information zu stecken, manchmal sogar eine falsche, es funktioniert.“

Offensichtlich funktioniert das Manipulieren der willfährigen und dankbaren Enthüllungsjournalisten genauso gut. In Amerika brachten deren Vorbilder Nixon zu Fall, der seine Gegner ausspioniert hatte. „Hollandes Harakiri“ mit ihrer Hilfe ist ein sehr französisches und sehr zeitgenössisches Watergate: ohne Rücktritte. Die Wiederwahl François Hollandes aber macht es unmöglich.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
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