Begegnung mit Neudeutschen

Aus Liebe zum Land

Von Simon Strauß
19.09.2021
, 21:20
Der Zukunft zugewandt: Der syrische Archäologe und Autor Malek Mansour
Der Archäologe Malek Mansour hat sein Leben riskiert, um aus Syrien nach Deutschland zu kommen. Inzwischen hat er ein Buch über seine Flucht geschrieben. Wie schaut er auf seine neue Heimat?

Ein heißer Spätsommertag in München. Vor dem Kriegerdenkmal im Hofgarten, rechts die prächtige Bayrische Staatskanzlei, links der weitläufige Renaissancegarten. Auf einer Bank im Schatten sitzt Malek Mansour und erzählt von seinem ersten Ankommen in der Stadt. Anfang August war das, im deutschen Schicksalsjahr 2015: An den Gleisen standen da noch keine applaudierenden Menschen, noch hatte Bundeskanzlerin Merkel ihre berühmt-berüchtigten drei Worte nicht gesagt, noch war von ihr das Dublin-Verfahren nicht ausgesetzt worden. Einen knappen Monat zu früh also stand Malek Mansour mit fünf Euro in der Hand am Münchner Hauptbahnhof und kaufte sich davon erst einmal eine Bretzel. FC Bayern-Fan ist der Archäologiestudent aus Aleppo schon lange, auf die Allianz Arena hat er sich ganz besonders gefreut, aber stattdessen kommt er jetzt erst einmal in eine Erstaufnahmestelle mit mehr als dreitausend anderen Geflüchteten.

Seinen syrischen Pass gibt er bei den Offiziellen ab, die ihn im Eifer des organisatorischen Ausnahmezustandes verlegen. Enttäuscht vom Versagen der heilig geglaubten deutschen Bürokratie, muss er sechs Tage warten, bevor er zunächst in eine Karlsruher Konzertarena, dann in eine ehemalige Kaserne in Sigmaringen und schließlich in eine Sporthalle in Nürtingen verlegt wird. Bei der Essensausgabe lernt er dort seine spätere Freundin, bei der Deutschnachhilfe einen älteren Herren kennen, der in der FDP ist und ein inhabergeführtes Kaufhaus in der Nähe betreibt. Zwei Deutsche, die sich ehrenamtlich für die Eingemeindung der Geflüchteten einsetzen und zumindest in Mansours Fall sehr erfolgreich sind: Bald schon spricht er seine deutschen Worte schwäbisch aus, bekommt einen Aufenthaltsstatus, wohnt in einer kleinen Wohnung und trennt ordentlich den Müll.

Humbug und Hinterwäldler

Im März 2016 trifft er in einer Stadthalle auf jene Frau, die sein Leben durch ihre Politik verändert hat wie niemand anderes: Im Rahmen der baden-württembergischen Landtagswahl spricht Bundeskanzlerin Merkel in Nürtingen, und der staunende Malek Mansour sitzt im Publikum. Inzwischen „schafft“ er unbefristet in einer Bäckerei und hat zusammen mit seiner Freundin ein kleines Büchlein im Selbstverlag herausgebracht, das auf offenherzige Weise von den verschiedenen Stationen seiner Flucht erzählt. Es tut das in einer Sprache, die auf selbstbewusste Weise Redewendungen und Eigenarten des Deutschen benutzt, ohne streberhaft oder neunmalklug zu wirken: Begriffe wie „Humbug“, „Hinterwäldler“ oder „Ingrimm“ kommen bei Mansour genauso vor wie verschiedene Sprichworte: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“ oder „Wo auch immer du bist, sei die Seele deines Ortes“. Das Buch hat einen angenehmen Parlando-Ton, erzählt in einfachen, zugänglichen Worten von den wenig bekannten Details einer Flucht über die berüchtigte Balkanroute: Beispielsweise, dass die Schleuser dem, der das Schlauchboot steuert, die Gebühren erlassen oder es in deutschen Polizeistationen wirklich nach wie vor noch Leibesvisitationen am nackten Körper gibt.

Zum Bürger-Botschafter ernennen

Man sollte das Büchlein landesweit in Schulen verteilen und Mansour auch zu Lesungen und Gesprächskreisen einladen. Denn er verkörpert das Beste von dem, was mit dem Begriff „Flüchtling“ bezeichnet werden kann. Jetzt, wo Politik und Gesellschaft wieder mit bangem Blick auf den Nahen Osten und insbesondere auf Afghanistan schauen, wo Szenarien von neuen, umwälzenden Flüchtlingswellen entworfen werden, jetzt, wo die sogenannte Hilfsbereitschaft wieder sehr groß ist – um dann nach ein paar Monaten wieder sehr klein zu werden? –, jetzt sollte sich dieses Land mit Menschen wie Malek Mansour beschäftigen. Ihn zum Bürger-Botschafter ernennen, der anderen, ihm Nachfolgenden mit seiner unbedingten Disziplin und Eigenständigkeit als Vorbild dienen kann. Natürlich hat gelungene Integration immer etwas mit Bildung zu tun. Um ein Buch schreiben zu können, muss man Chancen auf eine pädagogische Prägung gehabt haben. Aber Mansour hat eben neben seinen Fähigkeiten auch Erfahrungen – Erfahrungen, die ihn mit einer ganzen Generation junger Menschen verbindet, die auf schwierige, zum Teil seelenschädigende Weise nach Deutschland gekommen sind und jetzt hier bleiben wollen. Sie sind angewiesen auf Fürsprecher – nicht nur im Milieu der alten, sondern auch der neuen Deutschen. Mansour wäre genau der richtige dafür.

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An die ersten Stationen seiner Flucht – die Busfahrt in die Türkei, das Übersetzen nach Griechenland auf einem völlig überfüllten Schlauchboot, die ersten Tagen in einer verwahrlosten Unterkunft, die brutale Begegnung mit einer ungarischen Bürgerwehr – denkt Mansour heute nicht mehr oft zurück. Lieber malt er sich die bevorstehende Hochzeit mit seiner Freundin auf einem Dampfer aus und sucht alle Unterlagen für seinen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft zusammen. Heiraten nur wegen des Statusvorteils kam für ihn nicht in Frage. Das müsse man schon aus Liebe machen, sagt er, „sonst ist das nichts, gell?“.

Sich als Deutscher fühlen

Den verpflichtenden Einbürgerungstest zum „Leben in der modernen deutschen Gesellschaft“ hat er mit Bravour bestanden und 32 von 33 Fragen richtig beantwortet. Ohne Mühe kann er alle Kanzler der Bundesrepublik aufzählen und über den nötigen Einsatz für die Gleichberechtigung der Frau insbesondere in migrantischen Milieus sprechen. Als Deutscher fühlt Mansour sich schon eine Weile, jetzt will er dieses Gefühl auch rechtlich bestätigt bekommen. Alles hängt gerade noch an einer beglaubigten Kopie seiner syrischen Geburtsurkunde – die muss ihm die deutsche Botschaft in Beirut ausstellen, aber die ist nach wie vor völlig überlastet. Also heißt es für den tatkräftigen jungen Mann weiter abwarten. Fünfundzwanzig Jahre alt ist Malek Mansour und bereit dafür, Verantwortung zu übernehmen – für eine Familie, eine Kommune, sein neues Heimatland. Seit einiger Zeit hält er an Volkshochschulen Vorträge über das Syrien vor dem Krieg. „Davon müssen die Menschen auch etwas wissen“, sagt er, „nicht nur die furchtbare Gegenwart, sondern auch die schöne Vergangenheit meiner alten Heimat kennen.“ Die Frage, ob er sich je wieder vorstellen könne, dorthin zurückzukehren, verneint er schnell und entschieden. Und gibt dann doch mit leicht belegter Stimme zu: „Das tut natürlich schon weh.“ Seine Eltern – Augenarzt der Vater, Zahnärztin die Mutter – und seine Schwester sind noch in Syrien. Wie er sie wiedersehen und nach Deutschland holen kann, darüber zerbricht er sich häufig den Kopf. Wenn er erst einmal deutscher Staatsbürger ist, dann kann er zumindest ein Urlaubsvisum für sie beantragen.

Traumatisiert von seiner Flucht sei er nicht, bekräftigt Mansour später mit einem Glas Apfelschorle in der Hand im Franziskaner, jener Münchner Traditionsgaststätte mit den idyllischen Landschaftsmotiven an der holzvertäfelten Wand. Mit den Erinnerungen daran, wie er auf einer unbewohnten griechischen Insel zähneklappernd seine Kleider verbrannte, um die Küstenwache zu alarmieren, wie er von Schleusern mit vorgehaltener Waffe in kleine Transporter getrieben wurde, als wäre er „Vieh“, wie er sich in Passau vor einem Grenzer nackt ausziehen musste, kann er umgehen. Sagt er zumindest und schaut lächelnd beiseite. An Deutschland stört Mansour mehr die ausufernde Bürokratie als der momentan so viel beschworene Rassismus. Immer wieder kommt er auf die „unermessliche Liebe der Deutschen zum Papier“ zurück und schildert, wie sich die Regale in seinem Arbeitszimmer inzwischen unter Dokumentenordnern bögen. Wenn er im September zur Wahl gehen dürfte, würde Mansour am liebsten die baden-württembergischen Grünen wählen, die ja irgendwie bodenständiger seien als die Vertreter in der Berliner Parteizentrale.

Ein neues Buch ist schon in Planung

A propos Berlin: Lange Zeit war Mansours Bild von Deutschland eins mit dem von der Hauptstadt. Was man in Syrien im Fernsehen oder den sozialen Netzwerken zu sehen bekam, trug immer die Züge einer monumental modernen Großstadt. Dass es in Deutschland auch viel Land und Landwirtschaft gibt, wurde ihm erst nach seiner Ankunft klar. Im Frühjahr nächsten Jahres will er zusammen mit seiner Freundin nach Köln ziehen und wie sein Vater Augenmedizin studieren. Ein neues Buch sei auch schon in Planung, sagt Mansour lächelnd beim Abschied, dieses Mal gehe es um die „Deutsche Kultur“ aus Sicht eines Zugewanderten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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