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Kommentar

Wenn man einen Sündenbock braucht

Von Regina Mönch
 - 14:10

Es gibt Themen, die nicht totzukriegen sind. Das Streiten, manchmal ist es nur mehr ein Raunen, über die Andersartigkeit „Ostdeutschlands“ gehört dazu. Wobei auffällt, dass die „Ostdeutschen“ immer dann zum Gegenstand aufgeregter Debatten werden, wenn es kriselt, wenn der Konsens, wie etwas zu sehen oder zu handhaben sei, nicht mehr bundesweit herzustellen ist. Wenn man einen Sündenbock braucht für negative Entwicklungen, die nicht allzu detailliert und realitätsnah besprochen werden sollen wie jetzt die Folgen einer planlosen Flüchtlingspolitik. Dabei könnten genau sie und die mangelnde Unterscheidbarkeit der Parteien für Protestwähler Motive gewesen sein, ihr Kreuzchen bei der AfD zu machen. In der wohlfeilen Empörung über die Wahlergebnisse im Osten geht zudem unter, dass viele in den Wohlstandsregionen des Südwestens genauso gewählt haben.

Jetzt, Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, wird wieder hektisch gebuddelt, um Unterschiede zwischen Ost und West zutage zu fördern, als ginge es um das unwiderlegbare Indiz dafür, dass eben nicht zusammengewachsen sei, was zusammengehöre. Weil es am Ende doch nicht zusammengehört? Die ostdeutsche Identität, was immer das sei, werde zu oft untergebuttert, heißt es jetzt sozialtherapeutisch. Ostdeutsche nähmen gar westdeutsche Haltungen an, sofern sie in Führungspositionen kämen, wollen Elitenforscher laut der „Frankfurter Rundschau“ herausgefunden haben.

Wie hätte das ostdeutsche Führen aber aussehen sollen? Man erinnere sich an den wirtschaftlichen Ruin, an all das, was Millionen Menschen vor dem Mauerfall dazu brachte, den Osten zu fliehen, meistens unter Lebensgefahr. Sie gingen nicht wegen billiger Bananen in den Westen, sondern wegen eines Freiheitsversprechens: für den Westen als Lebensprojekt. Die jetzt wieder beschworene „ostdeutsche Identität“ aber ist erst nach dem Mauerfall erschaffen worden. Zuvor waren Hunderttausende über die grünen Grenzen geflohen und Millionen auf die Straße gegangen – weil an die behauptete Einheitsgesellschaft nur noch die greisen Führer der SED glaubten.

Jetzt, so scheint es, wird wieder eine Spezialidentität gebraucht, um Unterschiede zu konservieren und damit einen zivilisatorischen Vorsprung zu markieren, den viele im Westen lange für sich beansprucht haben. Es ist eine Scheindebatte, die zu nichts führt und keinerlei Antworten gibt, schon gar nicht auf die Frage, warum es im Osten so wenige Menschen in die sogenannten Altparteien gezogen hat. Das können die Parteien nur selbst beantworten, denn immerhin fanden sie vor fast drei Jahrzehnten eine hochpolitisierte Gesellschaft vor. Nur müssten sie sich die Frage endlich stellen.

Quelle: F.A.Z.
Regina Mönch
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
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