Humboldt-Uni rudert zurück

Gecancelter Gender-Vortrag wird nachgeholt

Von Michael Hanfeld
05.07.2022
, 08:53
Ort der Freiheit? Teilnehmer einer Demonstration gegen den Vortrag der Biologin Vollbrecht in einem Hörsaal der Humboldt-Universität im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am 2. Juli 2022.
Der gecancelte Geschlechter-Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht wird von der Humboldt Universität nachgeholt. Zur Absage verstrickt sich die Hochschule in Widersprüche. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“ wähnt sich als Siegerin.
ANZEIGE

Die Humboldt Uiversität will den in der „Langen Nacht der Wissenschaften“ abgesagten Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht zu Geschlecht und Gender am 14. Juli nachholen. Das sagte der Universitätssprecher Boris Nitzsche der Deutschen Presse-Agentur. Der RBB hatte darüber zuerst berichtet.

Der Vortrag soll am 14. Juli mit einer Podiumsdiskussion verbunden werden, zu der Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und die Berliner Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne) eingeladen sind. „Es geht uns vor allem um die Frage: Wie können wir Wissenschaftsfreiheit gewährleisten? Wie müssen sich Universitäten und auch die Politik dazu aufstellen?“, sagte Uni-Sprecher Nitzsche. Der Vortrag solle, wie die Deutsche Presse-Agentur schreibt, aufgegriffen, kontextualisiert und diskutiert werden. Zunächst hatte es seitens der Universität geheißen, es werde einen Folgetermin geben, „bei dem Frau Vollbrecht aber auch Vertreter:innen von RefRat und Trans-Gruppen eingeladen werden“, damit „das Thema in einer der Universität angemessen Weise diskutiert werden kann“.

ANZEIGE

Was war der wirkliche Grund der Absage?

Die Universität hatte den Vortrag unter dem Titel „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ anstandslos abgesagt. Zunächst hieß es, dies geschehe aus Sicherheitsgründen. Dann schob die Universitätssprecherin Birgit Mangelsdorf in einer Antwort an FAZ.NET eine weitere Begründung nach, in der sie auf einen Artikel in der „Welt“ verwies, an dem Marie-Luise Vollbrecht mitgeschrieben hatte.

„Der Vortrag wurde im Interesse der Gesamtveranstaltung ,Lange Nacht der Wissenschaften' abgesagt“, hatte Birgit Mangelsdorf auf Anfrage von FAZ.NET am Sonntag gesagt, „um Akteur:innen wie Besucher:innen die ungestörte Teilnahme an diesem Fest der Wissenschaften in Berlin zu ermöglichen.“ Der Referentinnenrat (RefRat) der Universität habe „am Freitag eine E-Mail an die gesamte Studentenschaft verschickt“, in welcher „er zur Teilnahme an einer Demonstration gegen den Vortrag von Frau Vollbrecht aufrief. In der Folge wurden dann auch Gegenaktionen von Vollbrecht-Unterstützer:innen angekündigt und vorbereitet. Wir mussten deshalb mit einer möglichen Eskalation rechnen, die die gesamte ,Lange Nacht der Wissenschaften' überschatten würde.“

ANZEIGE

Sprecher widerspricht der Sprecherin

„Grundsätzlich“, so die Sprecherin gegenüber FAZ.NET weiter, verstehe sich die Humboldt-Universität „als ein Ort, an dem kein Mensch diskriminiert werden sollte, sei es wegen seiner Religion, seiner vermeintlichen Rasse, seiner sexuellen Identität oder wegen irgendeines anderen Merkmals, das als Unterscheidungsmerkmal angesehen wird.“ Die „Meinungen“, die Frau Vollbrecht in einem Artikel in der Zeitung „Die Welt“ am 1. Juni vertreten habe, stünden „nicht im Einklang mit dem Leitbild der HU und den von ihr vertretenen Werten. Die HU hat sich dem ,den wechselseitigen Respekts vor dem/der Anderen' verpflichtet. Wir distanzieren uns daher von dem Artikel und den darin geäußerten Meinungen ausdrücklich.“

Der Uni-Sprecher Nitzsche sagte der Deutschen Presse-Agentur nun, es sei bei der Absage des Vortrags allein um die Sicherheit gegangen. „Nach Fragen an die Polizei haben wir die Veranstaltung abgesagt, weil wir befürchteten, dass die Situation eskalierte. Es waren eine Demonstration und eine Gegendemonstration angekündigt“, so der Sprecher. Es müsse möglich sein, dass auch umstrittene Personen Vorträge halten. „Für die Handhabung von solchen Situationen sind Hochschulen derzeit nicht gut aufgestellt“, sagte Nitzsche. Die Entscheidung habe nichts mit dem Artikel in der „Welt“ zu tun. Die Einlassungen der Universität bleiben also widersprüchlich.

ANZEIGE

Die Absage mit Sicherheitsbedenken zu begründen, sei eine absolute Unverschämtheit, twitterte der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Das unterstelle Gewalttätigkeit. Die Uni-Leitung oder die mit der Planung Beauftragten hätten „erst bei der Programmgestaltung geschlafen und dann versucht“, das „selbst verursachte Problem hastig und mit großer intellektueller und organisatorischer Feigheit aus der Welt zu schaffen“.

Hochschulverband: Uni „hätte Rückgrat beweisen sollen“

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, kritisiert die Humboldt Universität grundsätzlich. Sie hätte den Vortrag nicht streichen, sondern „stattdessen Rückgrat beweisen sollen und alles daran setzen müssen, dass der Vortrag stattfinden kann“, sagte Kempen der Deutschen Presse-Agentur. Universitäten seien Stätten geistiger Auseinandersetzung. Hier müsse „jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler ihre und seine Forschungsergebnisse, Thesen und Ansichten ohne Angst zur Diskussion stellen können.“ Differenzen seien im argumentativen Streit auszutragen. „Boykott, Bashing, Mobbing oder gar Gewalt dürfen keinen Erfolg haben.“

Kritik an der Absage hatte auch Wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger geübt. Wissenschaft lebe „von Freiheit und Debatte“, hatte sie der „Bild“-Zeitung gesagt. „Das müssen alle aushalten. Es darf nicht in der Hand von Aktivisten liegen, welche Positionen gehört werden dürfen und welche nicht.“ Der Sprecher für Forschung der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Adrian Grasse, hatte FAZ.NET gesagt, es sei „eine bedenkliche Entwicklung, wenn an unseren Hochschulen Veranstaltungen aus Angst vor Protesten im Vorfeld abgesagt werden. Die Wissenschaftsfreiheit ist ein hohes Gut und lebt vom Diskurs, von Rede und Gegenrede.“ Er werde „den Vorgang parlamentarisch aufgreifen und den Senat fragen, ob er die Freiheit der Wissenschaft in Berlin in Zukunft noch gewährleisten kann.“

ANZEIGE

„Kritische Jurist*innen“ setzen nach

Mobil gemacht hatte gegen den Vortrag die Gruppierung „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“. Sie hatte behauptet, die von Marie-Luise Vollbrecht vollzogene Darstellung, in der Biologie gebe es nur zwei Geschlechter, sei „unwissenschaftlich“, „menschenverachtend“ und „queer- und trans*feindlich“. Von dieser nicht weiter begründeten Einschätzung und plakativen Verurteilung rückt die Gruppierung nicht ab und feiert die - vorläufige - Absage des Vortrags nun als Erfolg: „Wir begrüßen die Entscheidung der Universität, eine transfeindliche und unwissenschaftliche Veranstaltung abzusagen“, schreibt die Pressesprecherin der Gruppe, Stefanie X. Richter. Allerdings zeige „die Begründung, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik nicht stattgefunden hat. Die Universitätsleitung versucht, sich durch eine Diffamierung des AKJs inhaltlich aus der Debatte zu ziehen.“ Man erwarte „eine klare Positionierung seitens der Universitätsleitung, wenn es darum geht, transphoben Meinungen eine prominente Bühne zu geben. Wir fordern eine Universität, die Transfeindlichkeit klar als solche benennt.“

Davon, dass Marie-Luise Vollbrecht keine „transphoben“ Äußerungen von sich gibt, sondern über Biologie spricht, kann man sich auf Youtube überzeugen. Dort ist ihr Vortrag nämlich abrufbar. Das Video verzeichnet inzwischen mehr als 71.000 Zugriffe. Sie wolle niemandem etwas Böses, sagte Marie-Luise Vollbrecht im Gespräch mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg. „Ich habe immer gesagt: Es geht hier nur um Biologie. Es geht hier nicht um Politik oder Meinungen außerhalb der Uni.“

Quelle: FAZ.NET
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE