Gendern in der Sprache

Ist das noch gerecht?

Von Edo Reents
15.12.2020
, 17:13
Über das Binnen-I und Gendersternchen lässt sich trefflich streiten. Kann die abwechselnde Benutzung von generischem Maskulinum und Femininum die Lösung bieten? Eine Glosse.

Hätten wir sonst keine Sorgen, dann könnten wir eigentlich mal wieder nachsehen, wie es dem generischen Maskulinum („Arbeiter“, männlich, weiblich und divers) und seinen, früher sagte man: illegitimen oder unehelichen Kindern, dem Innen-Plural („ArbeiterInnen“) und dem Gendersternchen („Arbeiter*innen“), so geht. Schlagen wir einfach eine Zeitung auf und lesen schon auf der ersten Seite: „Es ist der perfekte Zeitpunkt für einen harten Lockdown, den Medizinerinnen und Juristen, Philosophen und Mathematikerinnen in einer Stellungnahme der Leopoldina gerade eindrucksvoll begründen.“

Der Ausdruck fällt weniger entschlossen aus, ihm scheint der Wille zum Kompromiss eingeschrieben zu sein. Dagegen kann im Prinzip niemand etwas haben. Sprache ist, wie die Politik, ja, letztlich das Leben selbst, die Kunst, Kompromisse und mit ihnen irgendwann auch seinen Frieden zu schließen. Kein Wort deswegen an dieser Stelle über die Richtigkeit des Innen-Plurals, der Zug ist abgefahren.

Versuchen wir, sachlich zu bleiben: Wenn der Autor „Medizinerinnen und Juristen, Philosophen und Mathematikerinnen“ erwähnt, dann muss man sich nicht dumm stellen und fragen, ob er nicht vielleicht jemanden vergessen hat, die Juristinnen zum Beispiel. Er signalisiert damit bloß Problembewusstsein. Denn er weiß ja, auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt, dass es sehr wohl Juristinnen gibt und dass unter Mathematikerinnen auch männliche sein dürften. Nun könnte man fragen: Ja, aber warum sagt er das dann nicht?

Weil es zu offensichtlich ist und die Sprache irgendwann zu Potte kommen muss: Jemand, der sich extra die Mühe mit „Medizinerinnen“ und „Mathematikerinnen“ macht, zeigt, dass er es im Grunde immer tut, nur eben in Gedanken. Wer also einmal A sagt, der muss gar nicht mehr B sagen, sondern erst wieder C oder so ähnlich. Man merkt die gute Absicht und ist nicht verstimmt.

Diese Fünfzig-Prozent-Lösung hat etwas Bestechendes, indem sie die recht hoch im Kurs stehende Wokeness auf nicht unbedingt elegante, aber doch immerhin Buchstaben, Platz und obendrein noch das Sternchen einsparende Weise einlöst und damit jenen Vertrauensvorschuss in Bezug aufs Mitmeinen aller, wirklich aller Geschlechter einfährt, die dann fast aufreizend (nach)lässig ungenannt bleiben. Dass Letzteres dem Eingeständnis gleichkommt, es wäre am Ende eben doch zu umständlich und sprachlich auch gar nicht vorgesehen, immer alle geschlechtsspezifischen Endungen mitzuschreiben, gehört hier nur am Rande hin. Fifty-fifty ist zweifellos etwas Halbes, aber eben nichts Ganzes.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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