Generation Porno?

Zu wild, zu hart, zu laut

Von Melanie Mühl
09.10.2014
, 18:13
Dank Internet ist Pornographie leichter zugänglich als je zuvor. Man findet Bilder von Gang Bangs und Rainbow Partys - selbst wenn man gar nicht danach sucht. Genügt das, um die Jugend als Generation Porno abzustempeln?

Das Cover des Buchs „Kids gone wild“ zeigt ein blondes Mädchen im Bikini, das sich lasziv auf einer Decke räkelt. Vor ihr steht ein Junge mit einem Smartphone in der Hand und fotografiert den posierenden Teenager, der den Eindruck erweckt, er würde die Hüllen am liebsten komplett fallen lassen. Die Botschaft scheint eindeutig: Die Jugend ist wie jede Jugend vor ihr außer Rand und Band. Ihr Schamgefühl hat sie endgültig über Bord geworfen, und sie gibt sich nun entweder der erotischen Selbstinszenierung hin, konsumiert hobbymäßig Pornos im Internet oder hat selbst regelmäßig Sex, zu zweit, zu dritt, zu viert, je nach Party-Motto.

Der Untertitel des Buchs der amerikanischen Soziologen Joel Best und Kathleen A. Bogle lautet nämlich: „From Rainbow Parties to Sexting, understanding the hype over Teen Sex“. Rainbow Parties haben dabei nichts mit Flaschendrehen zu tun, vielmehr handelt es sich um Sex-Parties, bei denen die Mädchen unterschiedlich farbigen Lippenstift tragen und die Jungs nacheinander oral befriedigen - deshalb der Regenbogen. Vor einigen Jahren erschien in Deutschland ein Buch unter dem Titel: „Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“ von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher. Es verkauft das Bild einer sexuell verwahrlosten, pornobesessenen Jugend, die Gefühle mit Gang Bang und Sandwich-Sex verwechselt und SM-Pornos anregend findet.

Sah man allerdings genauer hin, wurde schnell klar, dass die Bezeichnung „Deutschlands sexuelle Tragödie“ die Sache unerhört zuspitzte. Der Ort des Geschehens war mitnichten ganz Deutschland, sondern lediglich Berlin-Hellersdorf; dort lebten die Protagonisten der im selben Viertel sozial tätigen Autoren. Um eine auch nur ansatzweise wissenschaftliche Untersuchung, die etwas über das sexuelle Verständnis heutiger Teenager verrät, handelte es sich jedenfalls nicht. Die beabsichtigte Wirkung entfaltete das Buch freilich trotzdem: Der Begriff „Generation Porno“ hält sich hartnäckig.

Der Mythos der Generation Porno

Und es passt ja auch alles wunderbar ins Verwahrlosungsbild: die Prominenz des einstigen Kinderstars Miley Cyrus (alias Hannah Montana), Vorbild zahlloser Mädchen, deren Markenzeichen inzwischen vulgäre Bühnenshows sind. Noch nie war Pornographie so leicht und so schnell zugänglich wie heute. Man muss im Netz nicht einmal nach pornographischen Seiten suchen, um auf sie zu gelangen, tatsächlich stößt man beim Surfen mitunter zufällig darauf. Wer vor Zeiten des Internets groß geworden ist und als Jugendlicher ein Sexheftchen im Papierkorb sah, der hat es wahrscheinlich verstohlen durchgeblättert, weshalb eigentlich niemand darüber verwundert sein dürfte, dass sich Jugendliche Pornos im Netz ansehen.

Zu glauben, dass die - je nach Genre - häufig frauenverachtenden Porno-Skripte die sexuellen Vorstellungswelten der Jugendlichen unberührt ließen, wäre naiv. Gleichzeitig kommt es einem gefährlichen Alarmismus gleich, zu glauben, Jugendliche würden das Gesehene ungefiltert und unreflektiert in ihr Repertoire übernehmen, weshalb Gang-Bang-Parties ein flächendeckendes Phänomen seien. Die Generation Porno ist ein Mythos. Jedenfalls zeigen etliche Studien, was wirklich der Fall ist.

Nicht, dass die Jugend verklemmt wäre. Aber offenbar ist ihr Reflexionsvermögen deutlich ausgeprägter, als das Erwachsene oft glauben. Über das Verhältnis der befragten Mädchen zur Pornographie heißt es in der aktuellen Studie „Jugendsexualität im Internetzeitalter. Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass junge Frauen Pornowelten weitgehend meiden oder links liegen lassen. Ihre Kontakte mit Pornographie bleiben vereinzelt und oberflächlich.“ Ihre Einstellung sei größtenteils liberal: „Sie finden sie nicht ,schlimm‘ und ,normal‘, nur können sie selber nichts mit ihnen anfangen.“

Schulnoten, Verkehrsunfälle und Pornographie

Auf die Frage, für wie realistisch sie die Darstellungen halten, antworten die meisten: „zu wild“, „zu hart“, „zu laut“. Oder, wie eine der Befragten, Ayse, es formuliert: „Dass ein Mann in eine Bar kommt und die Frau plötzlich auf der Theke liegt und alle drum rum so tun, als wär nix los, das finde ich schon unrealistisch.“ Ein Vergleich, den die Teenager immer wieder ziehen, ist jener zu Ballerspielen: „Jungssache“ eben. Dass deren Verhältnis zu Pornos viel offener ist als das der Mädchen, überrascht nicht.

Mehr als achtzig Prozent der Befragten haben „mehr als sporadische Erfahrung mit Pornographie“. Und der Einfluss, den die Bilder auf die Jugendlichen haben? Der ist offenbar eher gering. Sie benutzen sie als Phantasieerweiterung, zumindest solange sie ihre eigenen erotischen Vorlieben nicht unterlaufen. Kommen wir zurück zu den „Rainbow Parties“. Düstere Legenden über die Lebenswirklichkeit Jugendlicher sind ein Empörungsgarant. Das Spiel mit den Ängsten der Eltern, insbesondere jenen der Mittelschicht (Stichwort helicopter parents), funktioniert besonders gut.

Vor dreißig Jahren war es die Angst vor Drogen („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) und davor, das Kind könne in die Fänge einer Sekte geraten. Es wurde einem eingebleut, keine Süßigkeiten von Fremden anzunehmen oder nicht zu ihnen ins Auto zu steigen. Die Angst vor Pädophilie ist geblieben, die vor Drogenkonsum auch. Worauf Eltern außerdem sorgenvoll blicken, sind Schulnoten, Verkehrsunfälle (obwohl die Zahlen sinken), das Smartphone und eben Pornographie. In den Elternforen klingt das in etwa so: Hat mein Kind schon Sex? Oder: Oh Gott, es hat Sex! Sieht es Pornos? Soll man seine fünfzehnjährige Tochter bei ihrem Freund schlafen lassen? Oder: Hilfe, meine Tochter kleidet sich so aufreizend!

Die Horrorphantasien der Eltern

Das Cover von „Kids gone wild“ mag suggerieren, dass es genau in diese Panikkerbe schlägt. Aber Best und Bogle, das macht dieses Buch so wichtig, tun genau das Gegenteil: Sie zerlegen die Hysteriemaschinerie, die häufig zuerst im Fernsehen angeworfen wird und dann in atemberaubender Geschwindigkeit weite Medienkreise zieht. So werden Einzelfälle zu einem kollektiven Problem aufgebauscht und Eltern in Alarmstimmung versetzt. Dazu passt, dass Umfragen regelmäßig zeigen, dass Erwachsene die Schwangerschaftsrate von Teenagern deutlich höher einschätzen, als sie in Wahrheit ist, was am Ende genauso viel über die Eltern aussagt wie über die Kinder.

„Es ist nicht so, dass jede Story über ein Mädchen, das einen Haufen Hockeyspieler oral befriedigt, falsch ist. Nur: das Ausmaß, in dem dies geschieht, ist oft übertrieben und sensationsheischend“, was auch auf die Rainbow Parties zutreffe, schreiben Best und Bogle. Wozu die aus allen Ecken kontinuierlich befeuerte Elternangst führt, ist klar: das Misstrauen wächst, zumal es für Jugendliche ungemein leicht ist, in irgendwelche Online-Welten abzutauchen und sich fern der elterlichen Vorstellungskraft einen Kommunikationsraum zu schaffen.

Bei den Eltern, die sich wegen jeder Kleinigkeit Sorgen machen, kann so ein Smartphone deshalb Horrorphantasien in Gang setzen. Im Extremfall führt das in Elternforen dann zu Ratschlägen wie diesen: „Ich gebe dir einen guten Tipp“, schreibt Thomas, „Es gibt eine sehr gute Software, mit der du deinen Sohn überwachen kannst. Der Vorteil daran, dein Sohn merkt es nicht, ich habe es bei meiner Tochter auch installiert.“ Wie ernüchternd, wenn sie dann nur die Twilight-Saga heruntergeladen hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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