Antideutsche Ressentiments

Was erlaubt sich Allemagne!

Von Jürg Altwegg
25.07.2015
, 11:46
Nicht immer stehen Frankreich und Deutschland so friedlich nebeneinander, wie bei der Frauenfußball-WM
In Frankreich blühen zur Griechen-Krise die tollsten antideutschen Ressentiments. Gemäßigte Kreise loben zwar Merkel, radikale empfehlen aber einen „Germexit“.

Als Klassenkampf der deutschen Rentner gegen die griechische Jugend wird in Frankreich der Streit um einen vorübergehenden Grexit interpretiert. Ihn hatte der frühere Staatspräsident Giscard d’Estaing allerdings schon vor Wolfgang Schäuble gefordert. Von einem Kulturkampf der tugendhaften Protestanten gegen die Katholiken, denen Schulden und Sünden keine Gewissensbisse bereiten, ist die Rede, von deutschem Massentourismus und der griechischen Einwanderung. Oder nach altem Rechts-links-Schema: Mit dem „Diktat“ (Dominique Strauss-Kahn) der deutschen Politik triumphiere die Konterrevolution. Prominente Genossen, darunter auch Strauss-Kahn, schreiben „Briefe an meinen deutschen Freund“ – wie Albert Camus nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Historiker erklären den ganzen Schlamassel mit der Geschichte von dreitausend Jahren.

„Unsere geliebte Europa, wir sollten es nicht vergessen, ist eine von Zeus entführte syrische Prinzessin“, mahnt Vincent Azoulay, und „das zeitgenössische Europa ohne Griechenland eine Amputierte“. Die Anfänge eines europäischen Bewusstseins datiert er mit dem griechischen Befreiungskampf in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts: „als Freiwillige aus ganz Europa – unter ihnen der berühmte Lord Byron – nach Griechenland zogen, um für seine Unabhängigkeit zu kämpfen“. Schon der britische Poet Shelley habe gespürt: „Wir sind alle Griechen.“

Wie viel Griechisches steckt in Deutschland?

Die Aversion der Griechen gegen jegliche Form von Steuern verortet der Historiker im Kern ihrer Identität: „Die Europäer dürfen nicht vergessen, dass sich diese Nation über die Verweigerung der Steuer, wie sie einst vom Ottomanischen Reich gefordert wurde, konstruierte und auf jegliche Einmischung von außen ganz besonders empfindlich reagiert.“ Auf die Besteuerung der Oligarchen habe Tsipras nur verzichtet, weil der Kampf gegen die Steuerhinterziehung ohne europäische Schützenhilfe aussichtslos sei. Und nicht nur Deutschland, ganz „Europa hat eine Schuld gegenüber Griechenland“: Neben den Italienern und den Deutschen seien auch die Engländer im Zweiten Weltkrieg mit den Griechen übel umgegangen. Sogar für den späteren Bürgerkrieg mit 150.000 Toten, dessen Ausbruch Azoulay mit den Beschlüssen der Konferenz von Jalta begründet, macht er Europa irgendwie verantwortlich.

Frankreich zu Deutschlands Europapolitik
Ruht die deutsche Nation auf griechischen Säulen? Bild: dpa

„Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte es die griechische Kultur Deutschland ermöglicht, eine moderne Nation zu werden“, stellt Johann Chapoutot fest: Es sei um die Vereinigung „einer großen Zahl unabhängiger Städte mit gleicher Sprache, gleicher Kultur“ gegangen. Bismarck und Kaiser Wilhelm hätten sich an Alexander dem Großen und Philipp von Makedonien orientiert. Der Sorbonne-Historiker zitiert auch Hitler: „Unsere Vergangenheit sind die Griechen.“ Für die Franzosen dagegen seien die Römer Vorbild: „Als während der Renaissance und im neunzehnten Jahrhundert das sentiment national Gestalt annahm, orientierte sich Frankreich an Rom. Sein Modell ist die römische Antike, seine Sprache Latein. Der Katholizismus ist in gewisser Hinsicht die Verlängerung des Römischen Reichs. Luther und die Protestanten bekämpften das katholische und das imperiale Rom. Als Pompeji entdeckt wurde, war Rom überall groß in Mode. Nicht aber in Deutschland, wo sich Johann Winckelmann mit den griechischen Skulpturen beschäftigt und sie zum absoluten ästhetischen Ideal hochstilisierte.“ Die deutsche Klassik habe von der griechischen Antike geschwärmt: „Goethe und Schiller bezeichneten Griechenland als ihre Heimat.“ Noch direkter sei der Bezug in der Philosophie: „Für Heidegger kann man nur auf Griechisch oder Deutsch denken.“

Folgen der Krise
Griechen in Deutschland
© DW, Deutsche Welle

Aus der Schuld- wurde die Schuldenfrage

Der Umschlag dieser Begeisterung, so Chapoutot, erfolgte im Zweiten Weltkrieg. Die griechische Armee stoppte den Vormarsch von Mussolinis Truppen, es „war der erste Rückschlag für die Achsenmächte“. Hitler besetzte Griechenland im April 1941. Doch die „schreckliche Besatzung“ habe „auf einer rassistischen Verachtung“ gegründet und „mündete in die Geburt eines gegenseitigen Hasses, der lebendig geblieben ist“. Faszination und der Minderwertigkeitskomplex hätten sich in ihr Gegenteil verkehrt: „Heute, sagen gewisse Deutsche, sind wir die Zivilisation.“

Athens Forderungen nach deutschen Reparationszahlungen sind in Paris dagegen auf wenig Verständnis gestoßen. Mit der Bereinigung der eigenen Vichy-Vergangenheit hat sich das französische Verhältnis zu Deutschland normalisiert, aus dem Zweiten Weltkrieg sind keine Rechnungen mehr offen. Doch dann brachte Thomas Piketty den Versailler Vertrag und den Schuldenerlass für die Bundesrepublik von 1953 in die Diskussion. Aus der Schuld- wurde die Schuldenfrage, und die „Lettres à mon ami allemand“ erweckten den Eindruck, die Griechen wären die neuen Deutschen: Wir Franzosen haben uns mit den Deutschen versöhnt und für sie bezahlt, diese sollen sich jetzt mit den Griechen solidarisieren.

Die Kanzlerin als „Stahlhelm“

Dass die von deutscher Seite vorgeschlagenen Sparmaßnahmen eine gute Voraussetzung dafür sein könnten, ist für die französische ökonomische Logik nicht nachvollziehbar. Gleichwohl gibt es in gemäßigten Kreisen viel Lob für Merkel. Nicolas Baverez, ein Schüler von Raymond Aron und Autor des Buchs „Französischer Niedergang“, hält fest: Von den Griechen wird eine Rentenreform verlangt, zu der die Franzosen nicht fähig sind. Der liberale Theoretiker Guy Sorman würdigt in „Le Monde“ die Kanzlerin: „Merkel verteidigt die Institutionen und Verträge, wir müssten ihr dafür dankbar sein.“

Frankreich zu Deutschlands Europapolitik
Kanzlerin mit „Stahlhelm“. Sehen die Franzosen so Angela Merkel? Bild: dpa

Ein Kapitel der „Libération“-Sommerserie „Die Tabus“ ist Deutschland gewidmet. Es geht um die Entspannung unter Gerhard Schröder, dem „Schlussstrich-Kanzler“, und die Fußball-WM von 2006. Im Leitartikel mit dem Titel „Pickelhaube“* (die ein Magazin Angela Merkel verpasst hat) spricht der Chefredakteur Laurent Joffrin von einer „Krise der Vernunft“. Er fürchtet, dass die Exzesse in der Griechenland-Debatte das Klima dauerhaft vergiften könnten. Joffrin geißelt die „chauvinistischen Klischees“, „leichtfertigen Schuldzuweisungen“ und speziell Jean-Luc Mélenchons Kommentar über Angela Merkel: „als ob sie den Einmarsch in Frankreich vorbereiten würde“.

Die aufgewärmten Klischees der Germanophobie

Auch der Brief von Strauss-Kahn, der „aus den Alkoven auf die Tribünen zurückkehrt“, hat Joffrin missfallen: „Er macht Deutschland für ein Diktat verantwortlich, das von der großen Mehrheit der europäischen Staaten befürwortet wird.“ Es gebe keinen imperialistischen Willen der deutschen politischen Klasse: „Berlin ist näher bei Harpagon (Molières Geizigem) als bei Bismarck.“

Doch schon am Tag danach legte sich der „Libération“-Kolumnist Luc Le Vaillant mit den „neurotischen Versöhnern“ an: „Wie wäre es mit einem Rauswurf der Deutschen?“ Mit ziemlicher Häme verspottet er die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, „die sich entschuldigen dafür, dass sie um Pardon bitten“. Gerade weil jetzt ja alles bereinigt sei, dürfe man nun „zur großen Schlacht der Ideen aufrufen, ohne gleich den Ausbruch des dritten Weltkriegs befürchten zu müssen“. Die Nostalgiker des Antifaschismus müssten erkennen, dass die Rückkehr des seit 1945 vielfach besiegten Hitler unwahrscheinlicher sei als ein Grexit.

Davon abgesehen, erfreut sich Le Vaíllant sehr wohl an den aufgewärmten Klischees der Germanophobie in Mélenchons „ausgezeichnetem, hübsch übertreibendem“ Pamphlet. „Deutschland betreibt die Politik seiner Rentner. Es braucht einen starken Euro und dicke Dividenden. Um Investitionen in die Zukunft – für eine nicht existierende Jugend – kümmert es sich nicht. Die Ost-Erweiterung hat ihm billige Arbeitskräfte gebracht, die vom früheren sowjetischen Erziehungssystem bestens ausgebildet wurden.“ Deutschland mache Europa zu „einem christlichen Markt, zur Atombombe des Ordoliberalismus, zur Apotheose der Gegenrevolution“. Deshalb bleibe nur eine Lösung: der „Germexit“.

Eine Stimme der Vernunft?

Es bleibt in diesem sommerlichen Konzert französischer Mutmaßungen, in dem sich die Historiker als engagierte Kommentatoren der Gegenwart aufspielen, dem früheren Premierminister Michel Rocard vorbehalten, die Debatte zur politischen Vernunft und das Dilemma auf den Punkt zu bringen: „Das Schlimmste wurde vermieden. Wir wollen alle solidarisch sein, haben aber keine Lust zu zahlen.“ Selbstkritisch äußert Rocard sich über die französischen Politiker: „Nach 1989 plädierten die deutschen Verantwortlichen – linke wie rechte – regelmäßig für bessere Institutionen und die Vertiefung des politischen Europas. Jedes Mal reagierten die Franzosen mit einem Rückzieher.“ Für die von Präsident Hollande am 14. Juli versprochene „Wirtschaftsregierung der Eurozone“ sei es, schreibt Rocard, „höchste Zeit“.

Frankreich zu Deutschlands Europapolitik
„Die Griechen wurden gedemütigt, gedemütigt wurden mit den Nazi-Vergleichen aber auch die Deutschen.“: Michel Rocard Bild: AFP

„Die Griechen wurden gedemütigt, gedemütigt wurden mit den Nazi-Vergleichen aber auch die Deutschen“, stellt Rocard fest: „Zweimal bereits hat Deutschland bezahlt, als Europa versagte.“ Er meint den Beitrag für Griechenland und die Kosten für die deutsche Wiedervereinigung. Rocard sieht sie nicht als Rückkehr zu einem bedrohlichen Großdeutschland, sondern als europäisches Ereignis, das die Überwindung des zweiten Totalitarismus bedeute.

Rocard plädiert im Falle Griechenlands für ein entschiedeneres Vorgehen gegen Steuerhinterziehung, für die Einführung der Tobin-Steuer und die Neubegründung eines Europas mit mehr Solidarität und Zahlungsbereitschaft: „Wir sind alle deutsche Griechen.“

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags wurde der französische casque à pointe irrtümlich mit „Stahlhelm“ übersetzt. Tatsächlich handelt es sich um die Pickelhaub.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
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