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Gewalt gegen Frauen

Ich fürchte mich nicht

Von Kerstin Holm
Aktualisiert am 19.07.2016
 - 13:41
Viele Frauen in den postsowjetischen Ländern sind oder waren schon betroffen: Sexuelle Gewalt
Frauen in Russland, Weißrussland und der Ukraine reden im Internet über Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Die orthodoxe Kirche hat etwas dagegen.

Kaum zehn Tage ist es her, dass die ukrainische Frauenrechtlerin Anastassia Melnytschenko Frauen ermunterte, über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu berichten, schon sind Tausende Ukrainerinnen, Russinnen, Weißrussinnen dem Aufruf gefolgt und haben unter dem Hashtag „Ichfürchtemichnichteszusagen“ (Janebojusskasat) Berichte über selbst erlebte sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen, oft im Kindesalter, manchmal in der Ehe, ins Internet gestellt. In den drei slawischen postsowjetischen Ländern werden, wie man jetzt in den sozialen Netzwerken nachlesen kann, zahllose Frauen, oft schon als Mädchen, von Zufallsbekanntschaften überwältigt, vom väterlichen Freund ausgenutzt oder von Fremden überfallen. Wenn sich ein Vergewaltigungsopfer an die Polizei wendet, wird es nicht selten verhöhnt.

Einige berichten, wie sie Angreifer abwehrten. Als die Netznutzerin Oxana von einem Wehrdienstleistenden bedrängt wurde, zog sie ein Federmesser und besänftigte ihn, indem sie ihm weismachte, sie sei mit einem Soldaten verlobt. Olga teilt mit, sie sei eines Abends im Bus von einer Gruppe Jungen umzingelt und von einer wildfremden Passagierin gerettet worden, die ihr geistesgegenwärtig zurief: „Da bist du ja, ich such’ dich, wir müssen hier aussteigen!“ Die Userin Anna gibt sich überzeugt, dass unter den Opfern sexueller Gewalt auch Jungen seien, doch die würden darüber Stillschweigen bewahren.

Das ostslawische Modell

Männer treten auf dem Internet-Hashtag als Kommentatoren auf. Der Nutzer Dmitri bezeugt, er kenne keine Frau, die nicht dergleichen Geschichten erzählen könne. Der junge Vater Iwan gibt sich schockiert und bekennt, er bange um seine zwei Töchter. Häufig liest man zynische Einträge. Ob jemand sich besser fühle, wenn er über solche Dinge auf Facebook rede, fragt User Jaroslaw giftig, andere diagnostizieren einen „weiblichen Exhibitionismus“. Ein Mann mit dem Codenamen ibigdan mahnt, weibliche Schönheit besitze schreckliche Macht, und nicht wenige Frauen spielten mit den Instinkten der geplagten Männer.

Die Petersburger Psychotherapeutin Ljudmila Petranowskaja weiß, dass die im Netz veröffentlichten Berichte nur die Spitze des Eisbergs sind; denn in der Regel hätten nur solche Frauen keine Angst, ihre Erfahrungen mitzuteilen, die zu ihren Peinigern keinen Kontakt mehr haben. Petranowskaja erinnert daran, dass das westliche Modell, das die Gleichberechtigung der Geschlechter vorsieht, viel jünger ist als das östliche, wo die Frau ihrer männlichen Verwandtschaft untergeordnet ist, von ihr aber auch beschützt wird.

In Russland und in der Ukraine gelte ein gemischtes Modell, so die Psychologin. Dort solle die Frau einerseits arbeiten, abends allein nach Hause gehen und sich schick zurechtmachen; doch wenn ihr Gewalt angetan oder angedroht wird, so kann sie weder von männlichen Mitbürgern noch von der Polizei Hilfe erwarten. Petranowskaja bezeichnet die postsowjetische Gesellschaft als Augiasstall, der so tief im Mist alltäglicher Gewalt stecke, dass die Leute sich aus Angst mit dem Gewalttäter identifizierten und Gewaltopfer beschuldigten.

Kirche keine große Hilfe für die Opfer

In den Augen des Philosophen Kirill Martynow spiegelt diese Gewaltkultur das politische System. Die patriarchalischen Vorstellungen russischer Männer über Frauen harmonierten bestens mit ihrer eigenen Rolle als gefügige Untertanen eines maskulinen Diktators, erklärt Martynow. Weshalb er es bezeichnend findet, dass die Initiative, über sexuelle Gewalt zu reden, aus der postrevolutionären Ukraine kam, wo die politischen Freiheiten deutlich größer seien als in Russland.

Das findet auch die kremltreue Zeitung „Wsgljad“, allerdings mit negativen Vorzeichen. „Wsgljad“-Kommentator Pjotr Akopow betrachtet Anastassia Melnytschenkos Aktion vor allem als Versuch, westliche Gendervorstellungen nach Russland zu importieren. Andere russische Staatsmedien äußern sich ähnlich. Unterdessen versucht die russisch orthodoxe Kirche, das Thema an sich zu ziehen. Erzpriester Dmitri Roschtschin, der im Patriarchat für die Beziehungen zur Gesellschaft zuständig ist, rät den Frauen, sich mit ihren Geschichten lieber an einen Priester zu wenden als an die Facebook-Öffentlichkeit. Die Kirche besitze eine Weltsicht, die Antworten auf alle Lebensfragen biete, wirbt Vater Dmitri. Und gibt zu bedenken, Geständnisse über sexuelle Übergriffe könnten leicht gegen die Betroffenen verwendet werden.

Ljudmila Petranowskaja weiß, was die Kirche Vergewaltigungsopfern zu sagen hat: Sie sollen alles verzeihen und vergessen. Geprügelte Frauen und vergewaltigte Mädchen seien ein Nebenprodukt der Gewaltpyramide, die die russische Gesellschaft zusammenhalte, ergänzt die Journalistin Xenia Kirillowa. Weshalb Präsident Putin und seine Getreuen häusliche Gewalt im Stillen begrüßen und am liebsten beschweigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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