Griechenland-Verhandlungen

Ist Tsipras vor Merkel eingepennt?

Von Kornelius Friz
18.07.2015
, 10:31
Können Sie mich hören? Für Angela Merkel und Alexis Tsipras geht es um grundlegende Verständigung. Wenn es sein muss, ringen sie darum auch siebzehn Stunden am Stück.
Spätnachts einigten sich Europas Regierungschefs mit Griechenland. Der Sozialpsychologe Jan Häusser erklärt, was Marathon-Debatten bewirken: Wie gewinnt man, wenn alle müde sind, aber so viel auf dem Spiel steht?

Herr Häusser, siebzehn Stunden dauerte der Verhandlungsmarathon der Regierungschefs um eine Einigung zu Griechenland. Ist es überhaupt möglich, so lange am Stück eine sachliche Diskussion zu führen?

Eine Nacht durchzumachen sollte für diese Politiker kein Problem darstellen. Gerade, wenn so viel auf dem Spiel steht, wie in diesem Fall, werden die letzten Kräfte mobilisiert. Erst wenn die Verhandlungen über Wochen gehen, wird es problematisch. Allerdings nehmen nach vierundzwanzig Stunden ohne Schlaf Reaktionsschnelligkeit, Konzentration und Sprachverständnis ab. Unter leichtem Alkoholeinfluss kommt es zu ähnlichen Einschränkungen. Das wird aber selten problematisiert, weil nächtliche Verhandlungen Signalwirkung haben sollen im Sinne von: Wir hängen uns richtig rein.

Die Einigung über das Hilfspaket kam mitten in der Nacht auf Montag zustande. Wirkt sich Müdigkeit positiv auf die Entscheidungsfreudigkeit und auf die Qualität der Entscheidungen aus?

Einerseits könnte man argumentieren, Schlafentzug sei nicht so schlimm, weil nur grundlegende kognitive Prozesse beeinflusst werden. Etwa die Reaktionszeit. Im Gegensatz zu Piloten hat das für Politiker am Verhandlungstisch allerdings keine fatalen Auswirkungen. Andererseits sind nächtliche Entscheidungen nicht wirklich sinnvoll. Das liegt vor allem daran, dass Übermüdete sich im Laufe der Zeit eher zurücklehnen und sich auf die anderen verlassen. Das passiert vor allem in großen Gruppen wie bei den Griechenland-Verhandlungen und kann die Qualität der getroffenen Entscheidungen natürlich beeinträchtigen.

Wie beeinflussen Übermüdung und permanente Koffeinzufuhr die Diskussion?

Komplexe Gruppenprozesse spielen eine größere Rolle als kognitive Einschränkungen. Beispielsweise können neue Informationen bei Schlafmangel nicht mehr adäquat aufgenommen werden. Deshalb revidieren übermüdete Verhandlungspartner ihren anfangs eingeschlagenen Weg oft nicht. Andererseits stützen sich Gruppenmitglieder stärker gegenseitig, wenn sie merken, dass die Leistung ihre Kollegen nachlässt. Ohne Kaffee wären solche Leistungen nicht möglich. Von Hillary Clinton wird erzählt, dass sie auf scharfe Chilischoten zurückgreift, um sich wachzuhalten.

Ab wie vielen Stunden Schlafentzug sollten die Verhandlungspartner eine Entscheidung besser vertagen?

Griechenland: Schlafmangel beeinflusst Verhandlung
Der Sozialpsychologe Jan Häusser Bild: Universität Hildesheim

Grundsätzlich erschließt sich mir oft nicht die Notwendigkeit, ganze Nächte hindurch zu verhandeln. Bei manchen äußeren Umständen wie Naturkatastrophen muss natürlich schnell entschieden werden. Aber bei den Griechenlandverhandlungen hätte man noch Zeit gehabt. Die Fristen sind schließlich alle menschengemacht und schon vorher wurden diverse Ultimaten ignoriert. Schlafentzug hat in keinem Fall positiven Auswirkungen auf die Qualität der Entscheidungen , auch oder weil dann die Risikobereitschaft steigt.

Kann Durchhaltevermögen trainiert werden? Gewinnt, wer am besten mit Schlafentzug zurechtkommt?

Ja, ich glaube, dass diejenigen besser mit solchen Extremsituationen klarkommen, die langjährige Erfahrung mit nächtlichen Verhandlungen haben. Auch wenn es in diesem Fall nicht unbedingt eine explizite Strategie war, hat es Merkel, Schäuble und Co. sicherlich strategische Vorteile verschafft. Die weniger erfahrene Gegenseite wird quasi zermürbt. Durch die Selbstselektion verbleiben auch nur Personen im politischen Betrieb, die ein geringes Grundschlafbedürfnis haben. Bei der griechischen Regierung bleibt das abzuwarten.

Finanzkrise
Tsipras bildet Kabinett um
© AP, reuters

Jan Häusser erforscht an der Universität Hildesheim, wie Entscheidungen in Gruppen zustande kommen und wie zum Beispiel Gremien unter Schlafmangel entscheiden.

Quelle: F.A.Z.
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