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FAZ plus ArtikelDebatte um Hirntod

Der Tod schlägt Funken

Von Stephan Sahm
 - 14:53
Geht da noch was nach dem Ende? So kräftig wie in der Simulation feuern die Hirnzellen nur, wenn der Mensch lebt.

Kann das Gehirn wiederbelebt werden, so wie dies beim Kreislauf gelingt? Die Hirnzellen des Menschen, wie die aller Säugetiere, sterben rasch, wenn sie nicht mit Sauerstoff versorgt werden und keine Nährstoffe erhalten. So jedenfalls lehren es bisher Biologie und Medizin. Nur wenige Minuten der Minderversorgung genügen, dann sind die Zellen irreversibel geschädigt. Diese bislang für unumstößlich gehaltene Erkenntnis der Wissenschaft ist nicht zuletzt Lebenselixir der Transplantationsmedizin. Denn ist der irreversible Ausfall aller Hirnfunktionen, des Hirnstammes und des Großhirns, der Hirntod, einmal festgestellt, können Organe für eine Transplantation entnommen werden.

Die Kritik an der Setzung des Hirntods als Tod des Menschen ist international betrachtet niemals verstummt, spielt aber in den aktuellen Debatten um die Widerspruchslösung und den Umgang mit potentiellen, also noch nicht hirntoten Spendern eine Nebenrolle. Bislang gilt: Das Gehirn kann sich nicht erholen, wenn es länger als fünf, vielleicht zehn Minuten von der Versorgung abgeschnitten ist.

Das totgesagte Gehirn

Diese Annahme wird nun bezweifelt. Forscher um Nenad Sestan von der Yale University in den Vereinigten Staaten berichten in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Nature“ erstmals über die Erholung des Stoffwechsels, das Wiedereinsetzen der Mikrozirkulation und der Aktivität von Synapsen, bei Säugetieren bis zu vier Stunden, nachdem die Tiere geschlachtet wurden.

Schweinen, die für die Produktion von Nahrungsmitteln geschlachtet wurden, haben die Forscher die Gehirne entnommen. Außerhalb ihres Körpers wurden sie vier Stunden später an ein Pumpensystem angeschlossen, das die Forscher mit dem Kunstwort „BrainEx“ bezeichneten. Brain EX versorgt das nach der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnis längst tot geglaubte Gehirn über die Blutgefäße mit Nährflüssigkeiten und Sauerstoffträgern. Gleichzeitig reguliert BrainEx die Temperatur in gewünschter Weise.

Das Experiment wurde jeweils für sechs Stunden durchgeführt. Vierzig bis achtzig Mal in der Minute pumpt Brain EX Nährflüssigkeit in die Gehirne. Die Forscher beobachteten nun, wie die Mikrozirkulation in den niederen Anteilen des Gehirns wieder einsetzte, der Stoffwechsel begann, Nährstoffe umzusetzen, selbst Entzündungen waren nachweisbar. Nervensignale waren erkennbar, doch Aktivitäten des Großhirns in Ableitungen der Hirnstromkurve nicht aufgespürt werden. Irgendwelche Anzeichen für Bewusstsein, Denken oder Schmerzempfinden fehlten.

Zweifelhafte Organentnahme

Kann das Gehirn wie der Kreislauf wiederbelebt werden? Noch ist es zu früh, darüber zu spekulieren. Auch dürfen im Tierexperiment gewonnene Erkenntnisse nicht voreilig auf den Menschen übertragen werden. Doch könnten die Resultate die medizinethische Debatte um die Transplantationsmedizin schon jetzt befeuern. Das zumindest meinen die Bioethiker Stuart Youngner und Insoo Hyun aus Cleveland in einem Begleitkommentar in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift. In Ländern mit hohem Aufkommen an Organspendern werden Organe meist nicht nur nach sicherer Feststellung des Hirntodes entnommen. Dies wird in der Debatte hierzulande nicht selten vergessen. Was oftmals als Vorbild apostrophiert wird, die Zahl der Organentnahmen etwa in Spanien und Belgien, kann man sehr wohl auch als zweifelhaftes Unterfangen bezeichnen, denn die Ergebnisse der amerikanischen Forscher lassen diese Praxis in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Nach dem in einigen Ländern zulässigen DCDD-Protokoll (Donation after cardiac determination of death) werden den Organspendern Organe nur wenige Minuten nach einem Herzstillstand entnommen. Für die Feststellung des Hirntods nach neurologischen Kriterien bleibt gar keine Zeit. Die Ärzte dort gehen davon aus, dass alle Hirnzellen nur kurz nach dem Abbruch der Blutversorgung irreversibel geschädigt sind.

Im Tierversuch könnte das jetzt als widerlegt gelten. Die Organentnahme nach Kreislaufstillstand verlangt es, dass, nach einer Wartezeit von wenigen Minuten, die Ärzte die Rettungsmaßnahmen wiederaufnehmen. Es gilt, den Kreislauf möglichst rasch in Gang zu setzen. Nur so können die für eine Organentnahme in Frage kommenden Organe in ihrer Funktion erhalten werden. Mancherorts versuchen Ärzte dabei, mittels Ballonkathetern die Hirnarterien zu verschließen. Das Gehirn soll keinesfalls mit Blut versorgt werden und nicht wieder anfangen zu leben. Eine absurde Praxis, die das Dilemma der Organentnahme auf die Spitze treibt. Hierzulande wollen das zwar nur wenige Transplantationsmediziner. Aber der Verdacht, dass das Gehirn womöglich länger wiederbelebt werden kann als bisher angenommen, sollte genügen, diese Praxis auch in den betreffenden Ländern zu hinterfragen.

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Zeit ist Leben
Wie funktioniert die Organspende?

Wir können uns fragen: Sind die vorbildlichen Zahlen der Organspenden in einigen Ländern auf womöglich zweifelhafte Weise zustandekommen – durch Entnahme von Organen zu einem Zeitpunkt, zu dem niemand weiß, ob das Gehirn tot ist? Die amerikanische Studie belegt noch lange nicht, dass es gelingen kann, Teile der Hirnfunktion post mortem wiederherzustellen, wie Nenad Sestan und seine Kollegen im Titel ihrer Publikation vollmundig behaupten. Doch haben sie recht. Es lohnt sich, schon jetzt darüber nachzudenken, was die Ergebnisse für die Transplantationsmedizin bedeuten, wenn sie sich bestätigen.

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Quelle: F.A.Z.
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