Vermessene Athleten

Nirgendwo wird die Optimierung des Körpers fanatischer betrieben als im Spitzensport. Immer mehr Daten sollen am besten in Echtzeit aus der Tiefe des Körpers während des Wettkampfs gewonnen und mit Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden – um jeden Muskel- und Blutgefäßbereich punktgenau analysieren und beeinflussen zu können. Bei allen Athleten gerät dabei ein Organ zunehmend in den Fokus: das Hirn.

30. September 2021
Text: ANNO HECKER
Fotos: JOANNA WZOREK

Tokio, im Juli. 11.000 Athleten aus aller Welt sind zu den Sommerspielen nach Japan gekommen. Kleine, große, kräftige und schmächtige, manche gewaltig wie Kolosse, andere feingliedrig, als würde sie schon ein leichter Wind hinwegblasen, wie eine Böe Federn tanzen lässt. Eines ist ihnen allen gemein. Alle haben ihre Körper optimiert.

Das Treffen der Jugend der Welt ist die größte Leistungsmesse des Sports auf Erden. Seit der Wiederaufführung der Olympischen Spiele in der Moderne, 1896 in Athen, ist der Traum von jungen Menschen, einmal den Olymp zu besteigen, stetig gewachsen. Nichts bleibt unversucht, Gold in den Blick zu bekommen. Und so haben sich Sportler über die Jahrzehnte in den Wettbewerb hineingesteigert. Mit immer mehr Training. Das sieht man auf den ersten Blick. Die Schwerathleten, was für ein Paradoxon, in der Leichtathletik, Abteilung Wurf: Zweimetermänner mit Diskus. Einen gewaltigen Oberkörper, der Bizeps auf dem Oberarmknochen, im Volksbewusstsein der Männlichkeitsmuskel, wenn er denn schön hervorspringt, so groß wie zwei Fäuste. 110-Kilo-Typen. Oder bei den Schwimmern der Latissimus dorsi, wie er rechts und links am Rücken herausgewachsen ist, wie Flügel.

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Ja, das sieht man in jeder Muckibude, wo sich mehr Männer als Frauen Stunde um Stunde bemühen, ihrem Schönheitsideal zu genügen. Muskelberge auf zwei Beinen, mitunter durch wassertreibende Mittel so von Unterhautfettgewebe befreit, dass die Adern hervorspringen und wie Flüsse wirken im Gebirge eines lebendigen Reliefs. Im Volksmund heißt es mitunter, solche Phänomene könnten vor lauter Kraft kaum laufen. Das stimmt. „Bewegungsinsuffizienz“ heißt das im Mediziner-Deutsch, wenn Muskelbäuche einander den Weg so versperren, dass Ellbogengelenke kaum mehr zugeklappt werden können. Den extremen Bodybuildern geht es nicht ums Laufen oder ums Springen, nicht um die Funktion. Olympiateilnehmern nur darum. Ihre Körperbildung dient allein der Bewegung in allen Facetten. Ihr Körper ist ihr Werkzeug. Es lässt sich anpassen wie kein Zweites. Ein Wunder.

30.09.2021
Quelle: F.A.Z. Quarterly
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