Ideologisierung des Christentums

Was muss der Christ glauben?

Von Christian Geyer
08.04.2012
, 17:56
Papst Benedikt XVI. am Gründonnerstag auf dem Kreuzweg
Wider die Ideologisierung des Christentums: Es fehlt an Klarheit, wo vom Glauben her der Zweifel seinen Platz hat - und wo gerade nicht.
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Freiheit oder Kirchenbann für Niki Lauda? Der ehemalige Rennfahrer, der erst im Vorjahr wieder in die Kirche eingetreten ist, leugnet einen Teil des Credos, glaubt nicht an ein Leben nach dem Tode. So hält es zu Ostern die österreichische Zeitschrift „news“ fest, der Niki Laura erklärt hatte: „Wenn ich tot bin, bin ich tot. Dann ist alles aus.“ Eine weitverzweigte Leserdebatte entspinnt sich nun über die Kartage, bei „kath.net“ als „hot diskussion“ gehandelt. „Welcher Pfarrer hat das Wiederaufnahmegespräch geführt?“, will eine Leserin wissen. „Erfolgte denn keine Erwachsenenkatechese, oder ging es doch nur ums Geld und um Ruhm?“ Ein anderer Leser: „Das Kirchensteuersystem in den deutschsprachigen Ländern züchtet solche Alibi-Christen heran. Herr Lauda ist kein Christ, egal, welcher Konfession.“ Und eine dritte Stimme meint: „Wer mal so nah dran am Tod war wie Herr Lauda, braucht sich von keinem Pfarrer Nachhilfe in den letzten Dingen geben zu lassen.“

Grundsätzlicher, aber nicht weniger leidenschaftlich geht Klaus Harprecht das Problem der Alibi-Christen in der „Zeit“ an. Er fragt: „Stellen sich die Kirchenoberen die Frage, wie sie’s mit den Christen halten, für die des Heilands Auferstehung keine Wahrheit mehr ist? Wagt es einer der Glaubenshüter, ihnen das Christsein abzusprechen? Aus dem Vatikan kommt dazu seit Menschengedenken kein Wort. Keines der Verdammnis, keines der Toleranz. Die Päpste, die Kardinäle, die Bischöfe führen sich auf, als gäbe es dieses dramatische Problem nicht: dass die Majorität der europäischen Christen die Grundsubstanz des Glaubens leugnet.“

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Eine bedenkliche Unredlichkeit

Dass der Vatikan nicht alle Katholiken aus der Kirche wirft, die im privaten oder öffentlichen Gespräch ihre Glaubenszweifel artikulieren, ist eine richtige Beobachtung. Dass es früher Scheiterhaufen gab, wäre eine andere richtige Beobachtung gewesen, um zu beurteilen, wie „seit Menschengedenken“ das Credo gesichert wurde. Und selbstverständlich gibt es auch heute das Institut der Exkommunikation, die freilich kein Kirchenausschluss ist (was, ist jemand getauft, kirchenrechtlich unmöglich wäre), sondern in genau geregelten Fällen der zeitlich begrenzte oder permanente Verlust der Kirchengemeinschaft und damit bestimmter Rechte in der Kirche. Das ist insoweit überall leicht nachzulesen. Ob tatsächlich „die Majorität der europäischen Christen die Grundsubstanz des Glaubens leugnet“, ist hingegen eine offene Frage. Entsprechende Fragebögen sind europaweit bislang noch nicht zum Einsatz gekommen.

Dass der Abfragbarkeit des Glaubens Grenzen gesetzt sind, hat freilich auch handfeste glaubensinterne Gründe. Welche? Auf der einen Seite gilt das Bekenntnis, wie es sich im Credo ausdrückt, das der theologischen Deutung vorgegeben ist. Joseph Ratzinger hat dazu in seinem ersten großen Bucherfolg, der 1968 erschienenen und seitdem immer wieder aufgelegten „Einführung in das Christentum“ vermerkt: „Wenn etwa irgendwo ein Theologe erklärt, ,Auferstehung der Toten’ bedeute nur, dass man täglich unverdrossen von neuem ans Werk der Zukunft zu gehen habe, so ist der Anstoß sicherlich beseitigt. Aber sind wir eigentlich ehrlich geblieben dabei? Liegt nicht doch eine bedenkliche Unredlichkeit darin, wenn Christentum mit solchen Interpretationskünsten als heute noch vertretbar aufrechterhalten wird?“

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Nur ein Abtrünniger widerspricht jetzt noch

Auf der anderen Seite erschöpft sich der Glaube nicht im Fürwahrhalten von Sätzen. Das Christentum ist kein System von Erkenntnissen, keine Weisheitslehre, sondern biographischer Vollzug. Als „Nachfolge Christi“ hat es, so Ratzinger, weniger ideellen als personalen Charakter. Im selben, von Ratzingers späterem Kulturpessimismus noch völlig unberührten Buch, das die Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses mit essayistischem Schwung vorstellt, heißt es: „Glaube ist gerade im Sinne des Glaubensbekenntnisses und von seinem Ursprung her nicht eine Rezitation von Lehren, nicht ein Annehmen von Theorien über Dinge, über die man an sich nichts weiß und dafür um so lauter etwas behauptet, er bedeutet eine Bewegung der ganzen menschlichen Existenz.“ Mit anderen Worten: Die zentrale Formel des christlichen Glaubens laute nicht: „Ich glaube etwas“, sondern „Ich glaube an dich“.

Als Papst verknüpft Ratzinger den lehrmäßigen und den personalen Aspekt des Glaubens dann freilich auf eine Weise, die wie eine Entdifferenzierung der unterschiedlichen Verbindlichkeitsgrade wirken könnte. Alles Strittige wird unmittelbar zu Gott. Was bei Annahme des Bekenntnisses eigentlich in die theologische Debatte und deren argumentative Standards gehören könnte, wird eine Frage von Glauben oder Nichtglauben.

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Ein Beispiel dafür gab Benedikt im Rahmen der Chrisam-Messe zum Gründonnerstag. Da maß er den Aufruf einer Gruppe österreichischer Priester, bestimmten Vorgaben des römischen Lehramts den Gehorsam zu versagen, am geistlichen Ideal der „Gleichgestaltung mit Christus“ - speziell Jesu Bereitschaft, dem Willen seines Vaters bis zum Tod gehorsam zu sein. Damit ist ein starkes Register gezogen: Wer jetzt noch widerspricht, sieht sich als Abtrünniger Gottes.

Wie sonst kann die Kirche reformiert werden?

„Wir wollen den Autoren dieses Aufrufs glauben, dass sie die Sorge um die Kirche umtreibt“, sagte der Papst am Gründonnerstag, „dass sie überzeugt sind, der Trägheit der Institutionen mit drastischen Mitteln begegnen zu müssen, um neue Wege zu öffnen - die Kirche wieder auf die Höhe des Heute zu bringen. Aber ist Ungehorsam wirklich ein Weg? Spüren wir darin etwas von der Gleichgestaltung mit Christus, der die Voraussetzung wirklicher Erneuerung ist, oder nicht doch nur den verzweifelten Drang, etwas zu machen, die Kirche nach unseren Wünschen und Vorstellungen umzuwandeln?“ Ein geistliches Verdikt im Gewand der rhetorischen Frage. Ob so der Ideologisierung des Glaubens, die von linken wie rechten Gruppen in der Kirche ausgeht, effektiv entgegengearbeitet werden kann?

Wenn aus guten, begreiflich zu machenden Gründen Ungehorsam als Reformstrategie in der Kirche ausscheidet, dann müssten den Reformwilligen ordentliche Verfahren an die Hand gegeben werden, um im Einzelnen nachvollziehbar zu machen, wo vom Glauben her der Zweifel seinen Platz hat - und wo gerade nicht. Eine österliche Vision, dem Tage geschuldet.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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