Mythos FC Barcelona

Katalonien für die ganze Welt

Von Jakob Strobel y Serra
06.06.2015
, 11:00
Mehr als nur ein Fußballverein: Das Wappen des FC Barcelona wird am Mittwoch für das Champions League Finale im Olympiastadion in Berlin ausgebreitet.
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Ikone, Identitätsstifter, Politikum, Nationalheiligtum, Touristenattraktion: das alles ist der FC Barcelona. Und heute Abend kann er im Champions-League-Finale beweisen, dass er auch noch die beste Mannschaft des Planeten besitzt.
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Exakt siebzehn Minuten und vierzehn Sekunden nach Anpfiff jeder Halbzeit brandet bei den Heimspielen des FC Barcelona urplötzlich Applaus auf, ganz gleich, ob die Mannschaft gut oder schlecht spielt, ob ein Tor in der Luft liegt oder die Luft aus der Partie ist. Denn dieses Klatschen hat nichts mit Sport zu tun, sondern nur mit Politik: Am 11. September 1714 hielten die heroischen Verteidiger Barcelonas der Belagerung durch die französischen Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg nicht länger stand und mussten kapitulieren. Der Triumphator König Felipe V. etablierte daraufhin einen zentralistischen Staat, schaffte die Selbstverwaltung Kataloniens ab, stieß den nordöstlichen Landesteil in die Knechtschaft des Untertanentums und bescherte den Katalanen damit das größte Trauma ihrer Geschichte. Von dieser dreihundertjährigen Seelenpein verschafft sich das Fußballvolk im Nou Camp nun mit seiner Akklamation eines unabhängigen Kataloniens zur symbolischen Sekunde kollektive Linderung.

Das Nou Camp, die größte Fußballarena Europas, ist nicht nur eine Weihestätte katalanischer Katharsis, sondern der eigenartigste Heilsort des modernen Fußballs überhaupt, eine Bühne permanenter sakraler, politischer, symbolischer Überhöhung. Auf den ersten Blick ist es nur das Heimstadion eines globalisierten Fußballkonzerns, dessen Spieler zu den bekanntesten Bewohnern der Erde gehören. Wahrscheinlich kann man durch kein Land auf Erden außer Nordkorea reisen, ohne Menschen mit Barça-Trikots, Autos mit Barça-Aufklebern, Sportsendungen mit Barça-Spielen zu sehen. Das allein macht den Verein noch nicht einzigartig, denn auch Real Madrid, Manchester United, FC Chelsea oder Bayern München sind solche Weltsportmarken. Der FC Barcelona aber ist im Gegensatz zu seinen Konkurrenten tatsächlich „més que un club“, mehr als ein Klub, wie das stolze Vereinsmotto lautet, weil mehr Seelen in seiner Brust wohnen als bei jedem anderen Fußballverein der Erde.

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Der größte Identifikationsstifter der Katalanen

So hat der FC Barcelona, jenseits allen ernsthaften Sports, auch eine stürmische Zweitkarriere als Touristenattraktion gemacht. Bei Barcelona-Besuchern ist das Nou Camp fast genauso beliebt wie Antoni Gaudís Sagrada Familia oder die gotische Kathedrale im mittelalterlichen Stadtzentrum. Jeder Kameraschwenk durch die Zuschauerreihen zeigt so viele asiatische, arabische, lateinamerikanische Touristen in voller Barça-Montur, dass man kaum noch von Heimspielen sprechen mag. Auf den Ramblas, der berühmten Platanenpromenade Barcelonas, werden nicht mehr Singvögel verkauft oder Stühle an Passanten vermietet wie früher. Stattdessen ist sie jetzt von der Plaça de Catalunya bis zur Kolumbussäule am Hafen ein einziger, riesiger Devotionalienhandel mit Schals, Mützen, Bällen, Fahnen, Kaffeetassen, Badehandtüchern, Bettwäsche in den Vereinsfarben des FC Barcelona. Auch hier sieht man Horden von Menschen im offiziellen Mannschaftstrikot, die mitunter ein wenig grotesk wirken, wenn schmerbäuchige Strandurlauber auf Großstadtausflug mit Messi-Trikot über der Plauze die Allee entlangschlendern. Und trotzdem ist der Klub viel mehr als nur ein Souvenirlieferant oder globaler Markenartikel. Er mag Leibchen für Millionen Euro verkaufen. Doch seine Seele hat er - im Gegensatz zu Milliardärsspielzeugen wie Paris Saint-Germain oder FC Chelsea - nicht verkauft, ganz im Gegenteil.

Europas größte Fußballarena und Weihestätte katalanischer Katharsis: Das Nou Camp in Barcelona
Europas größte Fußballarena und Weihestätte katalanischer Katharsis: Das Nou Camp in Barcelona Bild: Reuters

Der FC Barcelona ist mittlerweile der größte Identifikationsstifter für die Katalanen, der Inbegriff eines starken, selbstbewussten, siegreichen Kataloniens, die Speerspitze im Kampf um mehr Unabhängigkeit vom ungeliebten Zentralstaat. Immer lauter wird zwischen Pyrenäen und Ebro-Delta der Ruf nach einer Loslösung von Madrid, das viele Katalanen mit seiner Mischung aus Arroganz und Ignoranz zur Weißglut treibt. Immer wichtiger wird dabei die Rolle des Vereins als Projektionsfläche dieses Freiheitswunsches. Und immer enger verweben sich Sport und Politik - es ist kein Zufall, dass die aktuelle Hochphase des katalanischen Separatismus mit einer besonders triumphalen Zeit des FC Barcelona zusammenfällt, eine Korrelation, derer sich eines Tages gewiss die Historiker annehmen werden.

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Eine Ikone mit Verehrern auf allen Kontinenten

Dieses politische Mandat kann der Verein nur deswegen übernehmen, weil seine Wirkung weit über die Grenzen der Stadt hinausgeht und Barça zu einem Synonym für ganz Katalonien geworden ist. Der royalistisch-zentristische Konkurrenzverein Real Club Deportivo Español Barcelona führt notgedrungen ein Sektiererdasein in Stadt und Land, wird kaum ernst genommen, und wenn überhaupt, dann nur als fünfte Kolonne Madrids. Vollkommen anders ist die Situation in der spanischen Hauptstadt, in der die Vereine spalten statt zu einen: Die besseren Stände halten dort zu Real, die Arbeiter zu Atlético, die Anarchisten zu Rayo Vallecano, der Rest zu Getafe. Auch Bayern München oder Borussia Dortmund repräsentieren nur ihre jeweiligen Heimatorte. Bevor ein Nürnberger oder ein Schalker mit den großen, ungeliebten Cousins sympathisierte, müsste die Welt mindestens einmal untergehen.

Fans auf der ganzen Welt: Ein irakischer Junge posiert 2014 im Barca-Trikot
Fans auf der ganzen Welt: Ein irakischer Junge posiert 2014 im Barca-Trikot Bild: AFP

So entsteht ein Paradox, das es im internationalen Fußball kein zweites Mal gibt: Der FC Barcelona ist ein separatistischer Weltclub, ein regionalistischer Global Player, eine lokalpatriotische Ikone mit Verehrern auf allen Kontinenten. Die Mannschaft spielt neuerdings bei besonderen Anlässen in Trikots, die der katalanischen Nationalflagge Senyera nachempfunden sind - und im Hochland der Anden oder den Savannen Ostafrikas bolzen die Kinder in eben diesen Nationalfahnenhemden auf staubigen Plätzen, nicht ahnend, welche politische Botschaft sie da am Leib tragen.

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Letzte Vorbereitungen vor Champions League Finale

Nibelungentreue mit dem Klub

Ein politischer Verein, eine Seelenspiegelung des katalanischen Volkes ist der FC Barcelona schon immer gewesen, selbst wenn er erst in jüngster Zeit zum erfolgreichsten Wappenträger des Katalanismus aufgestiegen ist. Denn nicht nur das Volk wurde von der Zentralregierung unterdrückt. Auch den FC Barcelona schikanierten der erzkonservative General Primo de Rivera und viel grausamer noch der faschistische Diktator Francisco Franco systematisch gegenüber dem regimetreuen Real Madrid. Der Generalísimo schreckte dabei nicht einmal vor Mord zurück und ließ Barcelonas Klubpräsidenten Josep Sunyol 1936 erschießen. Doch alle Repressalien verfehlten ihre Wirkung, Barcelona hat trotzdem Meisterschaften und Königspokale im Dutzend gewonnen und so den Mythos des wehrhaften, unbeugsamen Kataloniens verfestigt. Diese Schicksalhaftigkeit ließ den Verein auch zum Liebling vieler Intellektueller werden wie den Dichter Rafael Alberti, der Barcelona einen Gloriolenkranz aus Poesie flocht und dem legendären Torwart Platko, diesem „blonden Bären aus Blut“, eine wunderbare Hymne widmete.

Zum Abschied: Mittelfeldspieler Andreas Iniesta überreicht Kapitän Xavi Hernandez ein Trikot des FC-Barcelona mit den Unterschriften der Mannschaft
Zum Abschied: Mittelfeldspieler Andreas Iniesta überreicht Kapitän Xavi Hernandez ein Trikot des FC-Barcelona mit den Unterschriften der Mannschaft Bild: AFP

Die überwältigende Identifikation der Katalanen mit dem FC Barcelona wäre undenkbar, wenn der Klub - so wie Real Madrid - seine Spieler ausschließlich für Irrsinnssummen in aller Welt zusammenraffte. Er ist auf dem Transfermarkt bestimmt kein Waisenknabe, doch er rekrutiert den Kern seines Kaders aus Jugendspielern, die im Vereinsinternat La Masia ausgebildet werden. In den Glanzzeiten unter Pep Guardiola standen manchmal acht, neun Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der Startelf, darunter Heldengestalten des modernen Fußballs wie Lionel Messi, Xavi Hernández, Andrés Iniesta oder Carles Puyol. Unter dem aktuellen Trainer Luis Enrique sind es immer noch fünf, sechs Spieler. Und sie sind fast ausnahmslos in Nibelungentreue mit ihrem Klub verbunden. Kapitän Xavi ist vor wenigen Tagen nach siebzehn Jahren und vierundzwanzig Vereinstiteln als erfolgreichster Spieler in der spanischen Fußballgeschichte verabschiedet worden. Lionel Messi, der beste Spieler des Erdballs und vielleicht sogar aller Zeiten, kickt seit seinem vierzehnten Lebensjahr für den FC Barcelona und wird mit größter Wahrscheinlichkeit niemals zu einem anderen Klub wechseln.

Der FC Barcelona ist ohne Real Madrid so undenkbar wie Achill ohne Priamos. Deswegen sind den Katalanen die Niederlagen von Madrid fast noch wichtiger als die Siege von Barcelona. Deswegen schmeckt die spanische Meisterschaft dieses Jahres mit zwei Punkten Vorsprung vor den Königlichen für die republikanischen Katalanen besonders süß, so köstlich wie die fünf Meisterschaften der vergangenen sieben Jahre gegenüber einer einzigen von Madrid oder die drei Champions-League-Titel seit 2006 gegenüber nur einem der Hauptstädter. Und das Ausscheiden von Real im Halbfinale dieser Königsklassensaison gegen Juventus Turin war Labsal für die katalanische Seele, späte Rache für den 11. September 1714. Deswegen hat der FC Barcelona die Champions League im Grunde schon gewonnen, ganz gleich, wie das Spiel im Berliner Olympiastadion am Samstagabend endet. Dass es indes ein berauschendes 4:0 wird, bleibt selbstverständlich dringend zu hoffen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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