Im Gespräch mit Neco Çelik

Ich bin bestimmt nicht deutschenfeindlich

30.03.2008
, 14:16
Er will Jugendliche herausfordern: Neco Çeliks, 1972 in Kreuzberg geboren
Die Äußerung Neco Çeliks, es gebe zu viele Deutsche in Berlin, sorgt für Irritation. Der türkischstämmige Medienpädagoge und Regisseur erläutert, warum er sich eine andere Hauptstadt wünscht und warum es kein Wir-Gefühl mit den Deutschen gibt.
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Herr Çelik, Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass es in Berlin zu viele Deutsche gebe. Angesichts der Tatsache, dass Sie in Kreuzberg wohnen, zuckt man ein wenig zusammen. Wie war das bitte schön gemeint?

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Bestimmt nicht so dramatisch, wie das offensichtlich in Ihren Ohren klingt - ich bin bestimmt nicht deutschenfeindlich. Es gibt in Berlin aber einfach Stadtteile, in denen nur sehr wenige Ausländer leben. Ich wünsche mir natürlich nicht weniger Deutsche hier, sondern ein qualitativ ausgeglichenes Verhältnis.

Was fehlt Ihnen denn?

Viele Deutsche haben kaum Möglichkeiten, Ausländer kennenzulernen. Das schafft Berührungsängste und Vorurteile.

Das gilt doch auch für die andere Seite. Gerade in manchen Cliquen türkischstämmiger Jugendlicher ist eine gewisse Deutschenfeindlichkeit nicht zu leugnen.

Das stimmt, hat aber auch gute Gründe: Die Jugendlichen merken, dass man sie nicht akzeptiert. Sie sagen: „Wenn die uns nicht mögen, dann mögen wir sie ganz einfach auch nicht - und dieses Nichtmögen können wir sogar noch besser als die.“ Oft ist das eine Trotzreaktion, manchmal eine grundsätzliche Antipathie. Auf vielen Schulhöfen ist es unter türkischen Jugendlichen - aber auch unter deutschen - geradezu eine Mode geworden. Sie sagen: „Mein Freund mag keine Ausländer beziehungsweise keine Deutschen, also mag ich sie auch nicht.“ Das ist ein Teufelskreis: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus.

Sie nennen das eine Mode? Bei einigen Jugendlichen scheint diese Antipathie jedoch schon fest zur Identität zu gehören.

So ist es. Es gibt kein Wir-Gefühl mit den Deutschen. Dass das verheerende Folgen haben kann, hat man ja an den Reaktionen auf den Brand in Ludwigshafen gesehen - viele Türken waren sofort davon überzeugt, dass es sich um einen fremdenfeindlichen Anschlag handele.

Und als dann der türkische Ministerpräsident Erdogan in Köln auftrat, jubelten mehrere tausend Türken ihm wie einem Retter zu.

Na klar! Viele Türken hegen große Sympathie für ihn, sie bewundern seinen Aufstieg. Wenn so jemand seine Hand nach ihnen ausstreckt, greifen sie natürlich zu. Sie fühlen sich geschmeichelt und nicht mehr alleingelassen. Als Angela Merkel später sagte: „Ich bin auch eure Kanzlerin“, hat das die Menschen genauso berührt. Solche Signale sollte es viel öfter von deutschen Politikern geben.

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Was für ein Verhältnis haben die türkischen Jugendlichen zum deutschen Staat?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Viele jedoch haben gar keins. Man muss sich das so vorstellen: Sie haben sich an der Bushaltestelle eine Festung gebaut und warten auf den Bus, der sie abholt. An der Bushaltestelle sind sie sich selbst überlassen und werden immer mehr. Ich bezweifle allerdings, dass sie wirklich daran glauben, dass der Bus tatsächlich noch kommt.

Vielleicht sollten die Jugendlichen selbst die Initiative ergreifen. Viele von ihnen sprechen schlecht Deutsch, obwohl sie schon lange hier leben. Und wie wäre es mit der Übernahme deutscher Werte und Normen?

Die gibt es doch genauso wenig, wie es typische türkische Werte und Normen gibt. Das, was die Türken hier leben, ist schon lange nicht mehr türkisch, sondern eine Mischung, die sich aus der Sozialisationserfahrung der Eltern in ihren Dörfern und den Erfahrungen ihrer Kinder in der deutschen Gesellschaft speist. Das mit dem Deutschlernen ist dagegen ein echtes Problem. Wenn man das jetzt einem Jugendlichen sagt, dann antwortet er in seinem Halbdeutsch: „Was Deutsch? Kannst mich mal!“

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Wie kann man nur so ignorant sein? Ohne Deutsch geht es einfach nicht.

Ja, da steht eine große Arroganz dahinter und der Irrglaube, die Verweigerung sei eine heroische Art der Rebellion. Alle Jugendlichen sind in einem gewissen Alter bockig - die türkischen Jugendlichen aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen erst recht. Spätestens wenn sie zwanzig sind und beruflich in eine Sackgasse geraten, begreifen sie, dass sie eine Dummheit begangen haben.

Haben die türkischen Jugendlichen, die Sie als Sozialarbeiter in Kreuzberg betreuen, auch deutsche Freunde?

Selten. Die meisten deutschen Familien sind erst in den neunziger Jahren hierhergezogen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen deutschen Freund hatte. Das war toll, etwas Besonderes. Ich lernte die Sprache und seine Familie kennen. In meiner türkischen Clique war ich einer der wenigen, die richtig Deutsch konnten. Wenn man nur unter Türken aufwächst, lernt man die Sprache nicht.

In Ihrer Logik würde daraus ja folgen: mehr Deutsche nach Kreuzberg und Neukölln, mehr Türken nach Spandau.

Vergessen wir mal Spandau. Lichtenrade im Osten ist noch wichtiger (lacht). Nehmen wir als Beispiel das Schlesische Tor in Kreuzberg. Das war früher ein richtiges Türkengetto. Nun sind in den vergangenen Jahren immer mehr deutsche Studenten dorthin gezogen, auch die Szene aus Mitte und Prenzlauer Berg verlagert sich immer mehr hierher. Für die türkischen Jugendlichen ist das großartig: Sie werden mit Lebensweisen konfrontiert, mit denen sie bisher nie Kontakt hatten, und lernen ganz neue Leute kennen. Das erweitert ihren Horizont. Zwar können sie sich die schicken Läden und Cafés nicht leisten, da die meisten von ihnen arbeitslos sind - aber auch das kann motivieren, endlich etwas aus dem eigenen Leben zu machen.

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Nur Berührungsängste hinter der Antipathie zu sehen klingt ein wenig einfach.

Die Gründe sind vielschichtig. In den Medien ist meistens nur von „kriminellen Ausländern“ die Rede. Das frustriert die Jugendlichen. Ein anderer Grund liegt in den türkischen Elternhäusern: Kaum ein Türke der ersten Migrantengeneration hat Deutsch gelernt. Die Menschen begriffen das deutsche System nicht und gaben sich auch keine Mühe, es zu begreifen. Wenn sie unfair behandelt wurden, wehrten sie sich nicht und schärften auch ihren Kindern ein, sich lieber wegzuducken. Leider glauben heute einige Türken, dass die Deutschen schuld an dieser Einstellung ihrer Eltern seien - sie hätten ihnen einfach zu viel Angst eingejagt. Das wollen sie den Deutschen jetzt heimzahlen. Das trifft nicht für alle Türken zu, aber leider gibt es einige Jugendliche, die wirklich so denken. Gleichzeitig stört es sie, dass man immer noch spezielle Gesetze für sie entwirft, obwohl ihre Familien manchmal schon in dritter Generation in Deutschland leben. Das ist ein Gefühl, als müsste man immer draußen im Flur stehenbleiben und dürfe nicht ins Wohnzimmer. Und wenn man unverschämt wird, dann heißt es womöglich auch noch: raus aus dem Flur.

Nun ja. Im Flur sind ja nun nicht alle geblieben. Sie zum Beispiel waren als Jugendlicher Mitglied einer berüchtigten Kreuzberger Türkengang. Heute arbeiten Sie als Sozialarbeiter und treiben nebenher Ihre Karriere als Theater- und Filmregisseur voran.

Türken wie ich sind die Ausnahme. Viele Türken gehören der sogenannten Unterschicht an. Alles, was sie an Ausnahmen hervorbringt, ist eine enorme Leistung, die honoriert werden sollte. Viele unserer Eltern sind als halbe Analphabeten hierhergekommen. Sie stammen aus Regionen in der Türkei, in der man Lesen und Schreiben nicht automatisch lernt. Dennoch haben dann manche ihrer Kinder studiert und leisten Großartiges.

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Wie haben Sie das geschafft?

Ich hatte das Glück, 1993 im Jugendkulturzentrum Naunynritze einen Job zu bekommen. Das hat mir Türen geöffnet.

Die Tür ins deutsche Wohnzimmer?

Keine Tür, aber ein Fenster, um hineinzugucken. Zu uns kamen damals viele Doktoranden, die über Migration promovierten - das Zentrum war einzigartig in Berlin. Ich war ihr Ansprechpartner und ihr Forschungsobjekt. Die Fragen, die sie mir stellten, haben bei mir einen Reflexionsprozess in Gang gesetzt. Es war eine richtige Selbstanalyse.

Nicht jedem türkischen Jugendlichen kann ein Doktorand mit Fragebogen an die Seite gestellt werden.

Klar, und nicht jedem kann eine Einzeltherapie verpasst werden. Es ist schwer, die Denkmuster zu zerstören, aber man sollte es versuchen. Sich in diesen Dingen mit der Generation unserer Eltern auseinanderzusetzen hat wenig Sinn. Die Chance, sie zu integrieren, wurde vertan und ist nicht wiedergutzumachen. Als Jugendlicher ist man dagegen noch formbar. Man muss sie herausfordern. Damit meine ich nicht, sie im Befehlston anzugehen, sondern Anreize zu schaffen und Vorbilder aufzuzeigen - wenn man ihnen klarmacht, was für einen Quatsch sie reden, packt man sie bei ihrer Ehre. Das klappt immer.

Das Gespräch führte Karen Krüger.

Quelle: F.A.Z., 28.03.2008, Nr. 73 / Seite 44
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