FAZ plus ArtikelBesuch im Hospiz

Wo jeder Atemzug der letzte sein kann

Von Melanie Mühl
02.12.2021
, 08:02
Sterbenskrank im Christophorus Hospiz in München: Was, wenn der Arzt gebeten wird, dem Leiden ein Ende zu setzen?
Wir dürfen das Leben nicht aus Angst vor dem Tod versäumen. Das wissen die am besten, die jeden Tag mit dem Sterben zu tun haben. Ein Besuch im Hospiz.
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Wie schnell sich eine Gesellschaft doch an monströse Zahlen gewöhnt: Gestern sind an Covid-19 in Deutschland 388 Menschen gestorben. Heute geht das Sterben weiter, Rekorde über Rekorde, jeden Tag verlieren wir Menschen, die nicht hätten sterben müssen – noch nicht und nicht an Corona. Der Tod ist eine Zumutung, das war er schon vor Corona. Aber der Corona-Tod ist grausam. Ersticken, multiples Organversagen, Herzstillstand. Bei manchen Patienten geht es schnell, bei anderen zieht sich das Leiden wochenlang, und ihre Körper liegen wund. Angesichts der Bilder von Virus-Infizierten an Beatmungsgeräten, Hubschraubern, die Schwerkranke in Städte fliegen, in denen noch Intensivbetten frei sind, und mit Blick auf die Diskussion um Triage-Entscheidungen könnte man fast vergessen, dass außer den Corona-Toten täglich Menschen sterben, durch Infarkte, Schlaganfälle, im Straßenverkehr, an Krebs.

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Im Flur des Frankfurter Hospizes Sankt Katharina brennen Kerzen für gerade Gestorbene, an diesem Tag sind es zwei. Auch hier, wo die durchschnittliche Liegezeit etwa fünf Wochen beträgt, sterben die einen schneller als die anderen. Niemand weiß, wer noch wie lange leben wird, auch wenn die Todgeweihten, die im Hospiz Sankt Katharina Gäste heißen, nach ihrer verbleibenden Zeit fragen. Darauf könne man keine Antwort geben, sagt Marcus Meinhardt, der Pflegedienstleiter, ein zugewandter, sanfter Mann. Was man aber könne, sei, die Menschen in ihren letzten Tagen und Wochen bestmöglich zu begleiten, ihnen zuzuhören, da zu sein. Die einen glauben, auf sie warte der Himmel, andere sehen sich in der Hölle. Was sie gemeinsam haben, ist nicht die Angst vor dem Tod, „es ist der Weg bis zu dem Moment des Todes“, sagt Meinhardt. Die Menschen fürchteten sich davor, zu leiden, keine Luft zu bekommen, vor Übelkeit und Schmerzen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
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