FAZ plus ArtikelImpfkritik im Kaiserreich

Die alte Angst vor der Spritze

Von Leon Scherfig
22.11.2021
, 13:49
Im Ersten Weltkrieg impft ein Militärarzt 1916 deutsche Soldaten an der Westfront an der Somme (Bildvorlage retuschiert).
Die Impfpflicht gegen die Pocken hat im Deutschen Kaiserreich die Massen mobilisiert. Die Zeitschrift „Der Impfgegner“ war ihr Zentralorgan und sehr populär – auch weil die Risiken damals viel größer waren als heute.
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Die Demonstranten tragen ihre Kritik mit eindeutigen Parolen auf die Straße: Impfungen seien Gift und verhinderten eine „Selbstheilung“ des Körpers. Sie fordern eine „natürliche“ Immunisierung durch Abhärtung und gesunde Lebensführung, verurteilen den medizinischen Eingriff des Staates auf den Bürger und lehnen die Methoden der Schulmedizin ab. Zu dem Protestzug zählen an diesem Septembermorgen neben hartgesottenen Impfgegnern auch Antisemiten, besorgte Bürger, die ihre „Familienfreiheit“ bedroht sehen, Staatskritiker verschiedener Couleur – es ist ein Zusammenschluss diverser Strömungen, der durch die Frankfurter Altstadt zieht.

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Das Ziel: der „Fünfte deutsche Impfgegner-Kongress“, der im September 1911 in der Mainmetropole tagt. Für zwei Tage wird Frankfurt zur Hauptstadt der deutschen Impfgegner. Und die Gemeinschaft wächst und wächst: Mehr als 300 000 Mitglieder gehören im Jahr 1914 Impfgegner-Vereinen an, die sich vor dem Ersten Weltkrieg aufs ganze Deutsche Kaiserreich verteilen. Seinen Anfang nahm der breite Protest, nachdem Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1874 das Reichsimpfgesetz erlassen hatte, eine Impfpflicht, um die grassierende Pockenepidemie einzuhegen. Die Massenbewegung der Impfgegner organisierte sich in Kongressen und Vereinssitzungen, es kursierten etliche Flugblätter und Leseheftchen, die der gemeinsamen Sache dienten.

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