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Glaubenskampf

In der Slowakei streiten vor der Wahl die Christen

Von Niklas Zimmermann
Aktualisiert am 26.02.2020
 - 15:23
Für Gott und Vaterland: Funktionäre der rechtsextremen Partei ĽSNS auf einer Kundgebung vor der slowakischen Parlamentwahl
Im Wahlkampf sind Rechtsextreme und christliche Fundamentalisten in der Slowakei eine unheilige Allianz eingegangen. Jetzt wächst der Widerstand gegen den politischen Missbrauch der Religion.

Das Böse kommt für sie aus Istanbul. Doch die Demonstranten, die jüngst in Pressburg (Bratislava) vor dem Präsidentenpalast protestierten, warnen nicht etwa vor einer möglichen muslimischen Masseneinwanderung. Vielmehr bringt „Istanbul“ das Blut konservativer und fundamentalistischer Christen in der Slowakei in Wallung. Hinter dem Reizwort steht ein von den meisten europäischen Staaten längst ratifiziertes Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, die sogenannte Istanbul-Konvention.

„Sie ist gegen Gott, gegen den gesunden Menschenverstand, gegen die Natur“, ließ der katholische Priester Marián Kuffa im Demonstrationsaufruf verlauten. Das Abkommen, das „gesellschaftlich geprägte Rollen“ erwähnt, sei Ausdruck der „schädlichen Gender-Ideologie“.

Landesweit bekannter Dorfpfarrer

Die Predigten Kuffas, des Dorfpfarrers aus dem ostslowakischen Žakovce, werden über die sozialen Medien im ganzen Land gehört. Mittlerweile ist der charismatische Priester auch ein politischer Faktor. Um seine Sichtweisen zu verbreiten, gründete dessen Bruder Štefan Kuffa die christlich-nationale Partei KDŽP. Ihre Kandidaten treten bei der Parlamentswahl, die am Samstag stattfinden wird, auf der Liste der rechtsextremen Partei ĽSNS an. Ihr trauen Umfragen ein zweistelliges Ergebnis zu.

Kuffas Standpunkte werden jedoch nicht nur rechts außen geteilt. Das Parlament sprach sich im November mit den Stimmen der sozialdemokratischen Regierungspartei Smer-SD gegen die vom Europarat geforderte Ratifizierung der Istanbul-Konvention aus. Zuvor, im September, marschierten in Pressburg 50.000 Menschen „für das Leben“. Neben Pro-Life-Aktivisten ließen sich auf den Straßen auch ĽSNS-Funktionäre und sämtliche katholischen Bischöfe blicken.

Der jüngste Protest sollte die slowakische Präsidentin Zuzana Čaputová dazu bewegen, die Istanbul-Konvention nicht nur nicht in Kraft zu setzen, sondern die Unterschrift der Slowakei rückgängig zu machen. 2011 hat das Land das Abkommen unterzeichnet, was die fünfeinhalb Millionen Slowaken damals nicht weiter interessierte. Gegenwärtig, und erst recht so kurz vor der Wahl, haben jedoch die Feindbilder des liberalen „Bösen“ Hochkonjunktur. Pfarrer Kuffa und seine Anhänger wollen verhindern, dass ein künftiges Kabinett vielleicht doch noch den vermeintlichen Pakt mit dem Teufel umsetzt. Am Dienstag, vier Tage vor der Wahl, wurde ihr Wunsch erhört. 95 von 150 Abgeordneten sprachen sich die nachträgliche Ablehnung der Konvention aus.

Gegen Schwarz-Weiß-Bilder

Jozef Žuffa gefällt diese neue Art des christlichen Aktivismus nicht. Der katholische Pastoraltheologe lehrt an der Universität von Trnava, das mit seinen vielen Kirchen als „slowakisches Rom“ gilt. Zugleich kandidiert er für das liberale Parteienbündnis PS-Spolu bei der Wahl. „Es gibt keine einfachen Antworten“, sagt er. Žuffa lehnt die Fundamentalopposition gegen „Istanbul“, Abtreibungen und registrierte Partnerschaften von Homosexuellen ab. Der unter anderem in Wien promovierte Theologe hat aber eine Erklärung, weshalb viele Gläubige in Schwarzweißbildern denken. Žuffa nennt es das Erbe des Kommunismus. „Die Kirche war gegen das Regime und für die Wahrheit.“ Das habe vor 1989 Sinn gehabt. Doch auch danach sei die Strömung, gegen etwas zu kämpfen, sehr stark gewesen.

Mit seinem alternativen Glaubensverständnis steht Žuffa nicht allein. Der politische Neuling gehört der Plattform „Progressive Gläubige“ in der Partei „Progressive Slowakei“ (PS) an. Religiöser Glaube bringe den Menschen oft voran und gebe ihm Hoffnung, heißt es in ihrem Manifest. Aber ebenso, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sei. Unterzeichnet hat im Juli 2018 auch die heutige Präsidentin Čaputová.

Ihr Werdegang macht deutlich: Liberale Positionen sind in der Slowakei nicht immer ein Karrierehemmnis. Es gibt jedoch auch das Schicksal des evangelischen Theologen Ondrej Prostredník, der ebenfalls für PS-Spolu zur Wahl antritt. Ihm hat 2017 die Evangelische Kirche der Slowakei die universitäre Lehrerlaubnis entzogen, nachdem er an der Regenbogenparade in Pressburg teilgenommen hat.

Jozef Žuffa stimmt der Fall Prostredník noch immer nachdenklich. Zudem wurde er kürzlich selbst Opfer einer Attacke. Die für Desinformation berüchtigte Website „Hlavné správy“ schrieb über Žuffa: „Wie ist es möglich, dass jemand mit solchen ideologischen Voraussetzungen eine leitende Funktion an einer theologischen Fakultät ausübt?“ Der Angegriffene sagt, er sei zwischenzeitlich nicht sicher gewesen, wie lange der Dekan ihn noch unterstütze. Umso erleichterter ist er, als die Dozenten seiner Fakultät kürzlich eine Erklärung veröffentlicht haben, in der sie sich gegen die Verbindung von Christentum und Hass aussprechen. Für Žuffa ist das ein „großer Erfolg“.

Nicht nur liberale Christen lehnen die Zusammenarbeit mit der rechtsextremen ĽSNS genauso ab wie das Bündnis mit dem Rechtspopulisten Štefan Harabin, der nach russischem Vorbild Gesetze gegen „homosexuelle Propaganda“ fordert. Im eher konservativen christlichen Mainstream der Slowakei gibt es neue Bewegung: Der Kinderbuchautor Daniel Hevier, der im September am „Marsch für das Leben“ teilgenommen hat, war im Januar Erstunterzeichner der Erklärung „Christen gegen Hass“. Sie richtet sich in erster Linie gegen die Rechtsaußenparteien, denen sie Missbrauch christlicher Werte und die Spaltung des Landes vorwirft.

Weil die Erklärung als zweite Hauptaussage auch die liberale „Relativierung“ christlicher Prinzipien geißelt, haben laut Jozef Žuffa viele fortschrittliche Gläubige sich geweigert zu unterschreiben. Žuffa hat es dennoch getan. „Der erste Punkt ist für mich wichtiger als der zweite“, sagt er. Die Lage sei „ernst“. Der Theologe plädiert ganz pragmatisch dafür, inhaltliche Unterschiede nicht überzubetonen, wenn es Gemeinsamkeiten gibt. Ebenso hofft er, dass die christdemokratische Partei KDH, die laut Umfragen mit der Fünfprozenthürde kämpft, ins Parlament einzieht. Žuffa sagt: „Die Partei ist sehr konservativ, aber demokratisch.“

Besorgter Schriftsteller

Weitaus skeptischer ist der im Ausland bekannte Schriftsteller Michal Hvorecký. Er schrieb 2015 in der Tageszeitung „Denník N“, er sei „glücklich“, dass er nicht der Kirche angehöre. Über Unterzeichner von „Christen gegen Hass“ wie den früheren christdemokratischen Innenminister Vladimír Palko sagt Hvorecký: „Das sind Fundamentalisten.“ Jahrelang hätten sie Marián Kuffa protegiert und sich erst von ihm abgewandt, als er das Bündnis mit der ĽSNS eingegangen sei. Die Partei ist für den Führerkult um Parteichef Marián Kotleba und die Verherrlichung des slowakischen Hitler-Vasallenstaats bekannt, der von 1939 bis 1945 bestand. Dessen „Führer und Präsident“ war der katholische Priester Jozef Tiso.

Hvorecký sagt über den gegenwärtigen Kulturkampf: „Es macht mir große Sorge.“ Der linksliberale Schriftsteller befürchtet, dass bei einem Wahlsieg der demokratischen Opposition der Streit erst richtig losgeht. Noch vereint die Abscheu gegen eine sozialdemokratische Regierungspartei, die als sehr korrupt gilt und deren Rhetorik gegen Liberale, Minderheiten und Migranten sich immer stärker jener der Rechtsradikalen annähert. Und nach einer vielleicht erfolgreichen Wahl? „Wir sind nicht weiter als vor fünfzehn Jahren“, sagt Hvorecký. Die Christdemokraten hatten damals nach einer Auseinandersetzung um „Gewissenskonflikte“ von Katholiken die proeuropäische Regierungskoalition platzen lassen.

Wer die Reden vom „Bösen aus Istanbul“ hört, neigt dazu, Hvoreckýs Befürchtung zu teilen. Zudem haben die „Gewöhnlichen Menschen“, eine in den letzten Umfragen erfolgreiche Oppositionspartei, christliche Fundamentalisten in ihren Reihen. Gleichwohl führt die Frage, ob die Slowaken weiter sind als vor einigen Jahren, in die Irre. Als die Slowakei 2011 die Istanbul-Konvention unterzeichnete, stritt das Land zumeist über linke und rechte Wirtschaftspolitik. Mittlerweile polarisiert sich die slowakische Gesellschaft vor allem entlang der kulturellen Achse. Sie ist offener und geschlossener zugleich. Das macht eine liberale Präsidentin möglich.

Pfarrer Marián Kuffa ging jedoch den umgekehrten Weg: vom karitativen Helfer diskriminierter Roma in der Ostslowakei zum Aushängeschild der Rechtsextremen. Dafür gibt es, wenn überhaupt, nur eine Erklärung: Istanbul.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zimmermann, Niklas
Niklas Zimmermann
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