FAZ plus ArtikelKein Spanisch in Katalonien

Die Sprache der Blöden

Von Paul Ingendaay, Barcelona
13.06.2019
, 06:29
Spanisch, nein danke: Demonstrant mit der katalanischen Unabhängigkeitsfahne bei einer Kundgebung in Barcelona im Mai dieses Jahres.
Das ist ein singulärer Fall in Europa: Die katalanischen Separatisten haben eine Hegemonie ihrer Sprache durchgesetzt – und das Spanische aus den Lehrplänen der Schulen verdrängt.
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Während sich der Madrider Gerichtsprozess gegen die mutmaßlichen Verursacher des illegalen Referendums vom 1.Oktober 2017 seinem Ende zuneigt, ist der gesellschaftliche Konflikt zwischen den beiden Gruppen von Katalanen – denen, die einen unabhängigen katalanischen Staat wollen, und denen, die sich zugleich als Spanier und Katalanen fühlen – so akut wie je. Er ist nur keine Neuigkeit mehr, sondern schwelt vor sich hin. Und er ist in seinen Argumentationslinien teuflisch schwer zu verstehen, denn jedes Detail in der großen Erzählung von den katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen ist ideologisch aufgeladen. Das gilt auch für die Sprache, in der die jungen Katalanen unterrichtet werden. Da Schule und Universität nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, hat sich der Verdrängungs- und Zermürbungskampf gegen das Spanische allerdings weitgehend im Stillen vollzogen.

Spanien hat neben „castellano“ noch drei weitere offizielle Sprachen, nämlich die in den jeweiligen Autonomen Gemeinschaften benutzten Regionalsprachen Katalanisch, Baskisch und Galicisch. Nach einem katalanischen Gesetz von 1998 hat jeder der sieben Millionen Katalanen das Recht, sowohl Spanisch als auch Katalanisch zu sprechen, sich öffentlich wie privat in einer der beiden Sprachen auszudrücken und für seine Sprachwahl nicht diskriminiert zu werden.

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So weit die recht dürren Artikel 3 bis 5 dieses Gesetzes, die aus dem Autonomiestatut von 1979, der Charta der Emanzipation nach Francos Tod, übernommen wurden. Im Weiteren wird jedoch unmissverständlich das Katalanische als die „Katalonien zugehörige Sprache“ („lengua propia de Cataluña“, Artikel 20) definiert. Wer dagegen Spanisch spricht – nach Zahlen des Statistischen Instituts von Katalonien immer noch rund fünfzehn Prozent mehr als Katalanisch –, muss sehen, wo er bleibt. Dass die Region zweisprachig ist und durch Immigration aus ärmeren Teilen Spaniens oder auch aus Ländern Lateinamerikas einen großen spanischsprachigen Bevölkerungsteil hat, kommt in der amtlichen Identitätssetzung nicht vor. Die Präambel zum Gesetz von 1998 lässt keinen Zweifel am politisch-ideologischen Auftrag: Katalanisch sei ein „fundamentales Element der nationalen Bildung und Persönlichkeit Kataloniens“.

Die Mär von der Unterdrückung

Besonders genau wird die sprachliche Vorherrschaft in der Schule exerziert. Obwohl Schulkindern noch das Recht zugestanden wird, den „ersten Unterricht“ in der gewohnten Sprache zu erhalten, sieht die Praxis sehr anders aus. Über die Jahre haben die nationalistischen Regionalregierungen eine Politik des obligatorischen „Eintauchens“ („inmersión linguística“) ins Katalanische betrieben und damit das Spanische aus den Lehrplänen verdrängt. Das ist in Europa ein singulärer Vorgang.

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Spanisch ist in einem wichtigen Teil Spaniens zur Fremdsprache geworden: Zwei Wochenstunden in der Grundschule, drei in der Oberschule sind alles, was nach dem Willen der katalanischen Nationalisten zu haben ist. Wenn man sich fragt, wie das überhaupt möglich war, stößt man auf die Koalition des konservativen Ministerpräsidenten José María Aznar mit der bürgerlichen Partei CiU des langjährigen katalanischen Landesvaters Jordi Pujol: Aznar hat sich die Bildungspolitik einfach abhandeln lassen, und den Preis zahlt die Region bis heute.

Hier ist eine Anmerkung zu einem verbreiteten Missverständnis am Platz. Laut Opfernarrativ der Unabhängigkeitsbewegung sind die Katalanisten in der eigenen Region „unterdrückt“. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. In den letzten vierzig Jahren demokratischer Geschichte haben die regionalen Nationalisten mit wechselnden politischen Farben fast durchgehend die Macht ausgeübt. Dem zunehmend radikaler werdenden Programm hat Madrid hilflos und mit stumpfem Blick zugeschaut.

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Nicht nur die nationalistische Gesetzgebung, auch die Propaganda für die ideologische Spaltung der Gesellschaft werden selbstverständlich mit öffentlichen Mitteln bezahlt. Clevere Youtube-Videos und die struppige Aura einer „Volksbewegung“ suggerieren einen „Protest von unten“. Doch es ist die Regierung, die sich hinter zivilen Gruppen versteckt, und es ist genaues politisches Kalkül. Mit mehr als neun Millionen Euro im Jahr etwa subventioniert die Regierung Medien in katalanischer Sprache. Allein die Traditionszeitung „La Vanguardia“, die seit acht Jahren auch eine katalanische Ausgabe produziert, erhält mehr als 700000 Euro im Jahr. Soeben hat der nationalistische Regionalpräsident Quim Torra die Förderung für Online-Medien in katalanischer Sprache um zwölf Prozent erhöht. Wie unabhängig, gar kritisch der Journalismus unter solchen Bedingungen sein kann, darf sich jeder selbst ausmalen.

Berta Romera ist Lehrerin und hat gut 35 Jahre Berufserfahrung. In den Achtzigern, so erinnert sie sich, mussten sich alle spanischsprachigen Lehrer im Katalanischen trainieren. Doch was am Anfang ein friedliches Nebeneinander der beiden Sprachen war, verwandelte sich bald in eisern durchgesetzte Hegemonie. Von 1998 an sollte die „Verkehrssprache“ nur noch Katalanisch sein. Kontrollen setzten ein, Sanktionen wurden angedroht; man wachte darüber, dass Lehrer auch auf dem Pausenhof Katalanisch sprachen. In Vierteln mit stark lateinamerikanischem Bevölkerungsanteil regte sich Protest. Da aber jeder Widerstand auf die Kinder zurückfiel, war Anpassung die Norm.

Schikanen und soziale Ächtung

Inzwischen ist Berta Romera dem 2014 gegründeten „Verein für eine zweisprachige Schule“ (AEB) beigetreten und engagiert sich dafür, Protestierenden zu ihrem Recht zu verhelfen. Denn laut Gesetz dürfen Eltern von Kindern zwischen drei und acht Jahren fordern, dass sie 25 Prozent des Unterrichts in der Muttersprache erhalten – in der Theorie. In der Praxis ist der Versuch mit Schikanen und sozialer Ächtung verbunden. Der Anwalt Severo Bueno ist einer der wenigen, die durch einen achtjährigen Marathon einen juristischen Sieg erfechten konnten: Seine kleine Tochter, die zwei Wochenstunden auf Spanisch erhielt, eine davon im Fach Schwimmen (!), wurde 2014 mit mehr als dreitausend Euro entschädigt. Der Fall gilt heute als exemplarisch. Aber wer kann acht Jahre lang durch die Instanzen ziehen?

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„Menschen, mit denen ich mich früher unterhalten habe, wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen“, erzählt Ana Losada Fernández. Die Vorsitzende der AEB widmet ihrer ehrenamtlichen Arbeit täglich zwei Stunden. „Unsere Gesellschaft ist zweisprachig“, sagt sie, „und das sollte sich in der Schule widerspiegeln. Eine einsprachige Schulbildung ist kein Abbild unseres Kataloniens.“ Im vergangenen Jahr haben die AEB und der Bürgerverein „Impulso Ciudadano“ (IC) die Sprachdiskriminierung in der Region vor das Europäische Parlament gebracht. „Hier gibt es Leute“, sagt Ana Losada, „die uns einreden wollen, eine Kultur sei besser als die andere, eine Sprache wertvoller als die andere, und dass es Bürger erster und zweiter Klasse gebe. Dagegen wehren wir uns.“

Im Vergleich zur Schule haben die Universitäten mehr Freiräume, doch auch dort ist die Luft dünner geworden. Die Rechtsprofessorin Chantal Moll de Alba lehrt an der Universität von Barcelona und hat früher in vier Sprachen unterrichtet, weil sie das Multilinguale als Bereicherung empfindet: Katalanisch, Spanisch, Französisch, Englisch. Inzwischen hat sie es mit Studenten zu tun, die in den neunziger Jahren geboren wurden und deren Spanisch die gewollten Merkmale der nationalistischen Sprachpolitik trägt: Unsicherheit im Vokabular, Schwächen im Ausdruck, miserable Rechtschreibung. „Diese Jahrgänge“, sagt sie, „identifizieren Bildung mit Katalanisch. Und das ist eine schreckliche Verengung. Ein spanischer Student zum Beispiel, der von außerhalb Kataloniens kommt und sich hier einschreibt, findet kaum noch Studiengänge auf Spanisch – im eigenen Land!“ Chantal Moll ist davon überzeugt, dass die Regionalregierung den jungen Katalanen einen Bärendienst erweist und ihre Bildungschancen gefährdet.

Nicht weit davon entfernt, immer noch an der Avenida Diagonal, einer der zentralen Verkehrsadern Barcelonas, erzählt der Wirtschaftsprofessor Jorge Calero Martínez, er sei lange unpolitisch gewesen. Doch im Juni 2018 sei etwas Denkwürdiges passiert. Eine Gruppe von Unabhängigkeitsaktivisten habe an der Universität von Barcelona eine Hommage an Cervantes niedergebrüllt. Der Autor des „Don Quijote“, Spaniens größter Beitrag zur Weltliteratur, repräsentierte in ihren Augen das verhasste Spanisch. Calero war fassungslos.

Einige Professoren taten sich zusammen und schrieben ein Manifest. Calero selbst verfasste einen langen Bericht über die Ideologisierung der Lehrerschaft und die Instrumentalisierung der Schulen für die Sache des Separatismus im Zusammenhang mit dem illegalen Referendum vom 1. Oktober 2017. „Hier haben sich ethnisch-nationalistische Kriterien durchgesetzt“, sagt er. „Wenn das so weitergeht, wird die kleinere Sprache die größere innerhalb einer Generation verdrängt haben.“ Und dann erwähnt Calero noch, dass im katalanischen Fernsehen Spanisch fast nur noch von Armen oder Verbrechern gesprochen werde. Auch das würde irgendwann geglaubt, wenn es nur oft genug wiederholt werde: Spanisch sei die Sprache der Blöden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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