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Pressezensur in Weißrussland

Schreibt nicht von der tödlichen Gefahr!

Von Friedrich Schmidt, Minsk
 - 19:48
In Weißrussland, 370 Kilometer südöstlich von Minsk, beginnt die nuklear verseuchte Zone. Hier halten Bauern Vieh. Ihre Produkte sind hochradioaktiv belastet.zur Bildergalerie

Weißrussland bekleidet in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen Platz 157 von 180. „Kritische Berichterstattung über den Präsidenten und die Regierung kann mit harten Strafen geahndet werden. Journalisten und Blogger werden immer wieder verfolgt“, heißt es dazu. Gemessen daran, ist Juras Karmanau, Korrespondent der Associated Press in Minsk, bisher glimpflich davongekommen. Ein Gericht in der weißrussischen Hauptstadt hat ihn im Dezember dazu verurteilt, einen Artikel zurückzuziehen, der Journalist hat gegen die Entscheidung Rechtsmittel eingelegt. Es geht um ein Thema, welches das Regime von Präsident Lukaschenka „am liebsten schließen“ wolle, wie Karmanau sagt: die Folgen des Atomunglücks von Tschernobyl.

Die Explosion des vierten Reaktorblocks im Kernkraftwerk direkt hinter der Grenze zur damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik im April 1986 kontaminierte 200.000 Quadratkilometer Land, einen Großteil davon in Weißrussland. Dort wurden 470 Dörfer und Städte geräumt, 138.000 Menschen umgesiedelt; 200.000 weitere flohen auf eigene Initiative vor Cäsium 137, Strontium 90 und Plutonium 239, die als radioaktiver Niederschlag (Fallout) über fast einem Viertel der Fläche der damaligen Weißrussischen Sowjetrepublik niedergegangen waren. Über die Zahl der Toten wird bis heute gestritten, auch über erhöhte Risiken, an Krebs zu erkranken. Karmanau, Anfang vierzig, hat binnen eines Jahres vier Freunde seines Alters an die Krankheit verloren. Ob ein Zusammenhang mit dem Unglück besteht, ist eine Frage, die in Weißrussland, das Lukaschenka in sowjetischer Tradition beherrscht, nicht erwünscht ist.

Die Sperrzone wird von Bauern genutzt

Auch auf weißrussischem Boden gibt es eine Sperrzone, die „Radioökologisches Schutzgebiet“ heißt. Das Regime will aber vermeintlich verlorene Flächen landwirtschaftlich nutzen. „Man habe radioaktiv verseuchte Erde abgetragen und könne durch Änderungen bei der Düngung, der Fruchtfolge und der Fütterung von Mastvieh zumindest in der Theorie ausschließen, dass Menschen über ihre Lebensmittel Radionukleide aufnähmen“, zitierte diese Zeitung vor bald sechs Jahren den Leiter des Radiologischen Instituts in dem besonders betroffenen Gomeler Gebiet (F.A.Z. vom 20. April 2011). Weiter hieß es: „Aber hin und wieder ergeben Messungen, die Greenpeace durchführt, dass die weißrussischen Grenzwerte, etwa in der Milch, doch überschritten werden.“ Karmanaus Bericht, der am 25. April 2016 erschien („AP Exklusiv: Test findet Tschernobyl-Rückstand in Weißrussland-Milch“), durfte die Behörden also nicht überraschen.

Zwei Kilometer von der Sperrzone und 45 Kilometer nördlich des havarierten Kernkraftwerks hatte ein Bauer dem Korrespondenten und dessen Fotografen frische Milch angeboten. „Die Reporter der Associated Press lehnen höflich ab, geben aber eine Probe in einer Flasche einem Laboratorium weiter“, schrieb Karmanau. Der Test im staatlichen Minsker Zentrum für Hygiene und Epidemiologie ergab, dass der Wert für Strontium 90, ein radioaktives Isotop, das mit Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden wird, zehnmal so hoch war wie in Weißrussland maximal zulässig. Das hat Karmanau schriftlich.

Im ressourcenarmen Weißrussland sei es nicht möglich gewesen, die Probe auf schwerere radioaktive Isotope zu testen, schrieb er. Der Bauer erzählte den Reportern, er habe keine Angst vor Strahlung. Seit 2014 produziere er an dem Ort, wolle seine Herde von zurzeit fünfzig Kühen verdoppeln und Käse herstellen. Einstweilen verkaufe er täglich bis zu zwei Tonnen Milch einem Unternehmen namens Milkavita. Es stellt etwa „Parmesan“ her. Neunzig Prozent der Produktion gehen ins Nachbarland Russland, wo nicht nur der Markt für weißrussischen Käse infolge des Lebensmittelembargos gewachsen ist, das der Kreml als Reaktion auf die westlichen Sanktionen im Ukraine-Krieg verhängt hat.

In Karmanaus Bericht weist eine Vertreterin von Milkavita den Laborbefund als „unmöglich“ zurück und beteuert, dass die Messungen für radioaktive Isotope in den unternehmenseigenen Tests unterhalb der Grenzwerte lägen. Im September klagte das Unternehmen wegen Rufschädigung auf eine Richtigstellung, nicht gegen Associated Press, sondern gegen den Autor persönlich. Für Karmanau ist klar, dass die Regierung dahinter steckt, die gegen Störenfriede schnell die Justiz bemüht. Umso mehr, als Lukaschenka in der Rezession (die Wirtschaft leidet chronisch unter ineffizienten Staatsbetrieben und akut unter dem niedrigen Ölpreis) auf Landwirtschaft setzt. „Milch ist weißes Gold für die Regierung“, sagt Karmanau.

Richterin lehnt Beweise ab

Im Minsker Verfahren bestätigte ein Vertreter des Labors die Messungen, sagte aber, Karmanau habe nicht das für die Interpretation der Daten nötige Wissen. Milkavita berief sich auf eine Überprüfung, die keine Grenzwertüberschreitung festgestellt habe. Beweisanträge des Journalisten lehnte die Richterin ab, wollte keinen der im Artikel zitierten Fachleute laden und ging auch nicht auf den Hinweis ein, das Mediengesetz des Landes verbiete es, Journalisten für die Veröffentlichung von Erkenntnissen oder Informationen staatlicher Stellen – wie dem Labor – zur Verantwortung zu ziehen. Associated Press teilte mit, man stehe zu Karmanaus Bericht und strebe einen Sieg im Rechtsmittelverfahren an. Die unabhängige Journalistenvereinigung Weißrusslands hob hervor, das Urteil „verschiebe, die Grenze der Redefreiheit“ und ziehe die Möglichkeit in Zweifel, wichtige journalistische Recherchen zu betreiben.

Wie wichtig, zeigt ein weiterer Aspekt aus Karmanaus Bericht: Er und sein Fotograf hatten auch eine Genehmigung zum Besuch des „Radioökologischen Schutzgebiets“ erhalten. Dort arbeitet seit Jahren ein „Experimentierbauernhof“ mit, wie es hieß, 265 Pferden, 56 Kühen und Bienenstöcken. Der Direktor sagte, er habe 2015 hundert Pferde an einen weißrussischen Hersteller von Kumys, vergorener Stutenmilch, verkauft, eines in Teilen Osteuropas und Zentralasiens beliebten Getränks. „Wir haben keine Angst vor Strahlung. Wir haben uns schon daran gewöhnt“, sagte der Mann. Juras Karmanau sagt, er selbst schaue bei Milch und Molkereiprodukten jetzt immer sehr genau auf die Herkunftsangabe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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