Völkermord an den Armeniern

Das Letzte, was ich von den Kindern sah

Von Karen Krüger
10.04.2010
, 11:05
Die türkische Regierung leugnet den Völkermord an den Armeniern. Zwischen 1915 und 1917 wurde das älteste christliche Volk fast vollständig vernichtet. Daran erinnert eine herausragende Dokumentation. Sie war gestern Abend im Ersten zu sehen und wird am Dienstag bei Phoenix wiederholt.

Es war ein Befehl. Ein kurzer Satz, formuliert von der türkischen Regierung. Er bedeutete für fast tausend armenische Kinder den Tod.

Beatrice Rohner spricht leise, sie erinnert sich genau. Sie weiß nicht, wo die Kinder begraben liegen. Auch nicht, wie sie starben; ob sie verhungerten, ob man sie erschlug. Keine Väter, keine Mütter konnten um sie trauern. Die Eltern hatte man damals, im Jahr 1917, längst umgebracht.

Die Räumung der von christlichen Organisationen betriebenen Kinderheime sollte die letzte Etappe des türkischen Vernichtungszugs gegen die Armenier sein; so hatte man es in Istanbul, dem damaligen Konstantinopel, verfügt. Auch jenes, das die Schweizer Krankenschwester Beatrice Rohner leitete, wurde aufgelöst: „Das Letzte, was ich von den Kindern sah, war der Sonderzug, der sie entführte. Und damit fiel der Schleier der Dunkelheit über sie“, sagt sie, „und über mich.“

Das Ziel: ein Großreich, in dem nur Türken leben

Es ist eines der dunkelsten Kapitel des Ersten Weltkriegs: der türkische Genozid an den Armeniern. Bis heute behauptet die türkische Regierung, es habe ihn nie gegeben. Bis heute hat keiner der Staaten, deren Parlamente den Völkermord verurteilt haben, von der Türkei gefordert, ihn öffentlich anzuerkennen. Man solle Beweise vorlegen, sagt der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Ganz so, als sei der Völkermord ein Mythos, ein Hirngespinst der Armenier, eine Anekdote, mit der man der Türkei Böses will. Doch der Genozid ist ein Faktum, das Historiker längst bewiesen haben. Die fehlende Anerkennung signalisiert den Familien der armenischen Opfer, dass ihre Wahrheit eine subjektive sei. Für die armenische Identität ist das verheerend.

Über Jahrhunderte hatten die Armenier als christliche Minderheit unter den Muslimen des Osmanischen Reiches gelebt, in Konstantinopel, vor allem aber in sechs ostanatolischen Provinzen auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Doch dann erschütterte die Revolution der Jungtürken im Jahr 1908 das Land. Die Generäle Talat Pascha, Enver Pascha und Djemal Pascha übernehmen die Macht. Sie versprechen die Gleichstellung aller Minderheiten, haben aber ganz anderes im Sinn: ein Großreich, in dem nur Türken leben, geeint durch Blut, Religion und Rasse. Der heraufziehende Erste Weltkrieg ebnet ihnen den Weg. Deutschland, damals Kriegsverbündeter, schaut stillschweigend zu: 1,5 Millionen Menschen fallen dem Völkermord in den Jahren 1915 bis 1917 zum Opfer. Bis heute gedenken seiner Armenier auf der ganzen Welt am 24. April. Es war der Auftakt des Genozids.

Der Marsch führt in die Wüste

An jenem Tag im Jahr 1915 werden 235 armenische Intellektuelle in Konstantinopel verhaftet. Der Vorwurf: Kollaboration mit dem russischen Gegner - die Jungtürken brauchen einen Sündenbock, um ihre Niederlagen zu erklären. Schnell werden alle Armenier denunziert, armenische Soldaten des Osmanischen Heeres verhaftet, gefoltert und umgebracht. Zum Beweis ihrer These arrangiert die Regierung lokale Verschwörungen und wiegelt die Bevölkerung auf. Es kommt zu Massakern. Dann heißt es, die östlichen Grenzgebiete zu Russland müssten vor dem Feind im Innern gesichert werden. Der Startschuss für die Deportationen fällt. Zunächst nur im Osten, schließlich auf dem gesamten Gebiet der heutigen Türkei.

Die Regierung behauptet, die Armenier würden in Syrien, das damals zum Osmanischen Reich gehörte, eine neue Heimat finden. Es ist eine Lüge. Mit der von deutschen Ingenieuren gebauten Bagdadbahn transportiert man sie ab, in Viehwaggons. Die meisten jedoch werden zu Fuß durch das Land getrieben, ohne Wasser und Nahrung, Tausende von Kilometern. Es ist ein Marsch des Grauens. Die Menschen sterben an Erschöpfung, werden erschlagen, ertränkt, Mädchen in Harems entführt, Frauen vergewaltigt und hilflos zurückgelassen. Nur wenige erreichen ihren Bestimmungsort. Dort wartet der Tod: die mesopotamische Wüste.

Fünfundneunzig Jahre unter Verschluss

Türkische Gerichte haben Djemal Pascha, Enver Pascha und Talat Pascha nach dem Sieg der Alliierten zum Tode verurteilt - in Abwesenheit. Sie waren auf einem deutschen Kriegsschiff entkommen. Siegerjustiz, heißt es in der Türkei, wenn man dort Historiker mit den Fakten konfrontiert. Auch Zeugen wie Beatrice Rohner gibt es in der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung nicht.

Doch sie und ausländische Missionare, Konsularangestellte und Angehörige des deutschen Offizierskorps, das das osmanische Militär im Ersten Weltkrieg ausbildete und führte, haben den ersten Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts miterlebt. Und darüber geschrieben. Doch sie blieben ungehört - man hielt die Beweise unter Verschluss, um der Türkei, dem Bündnispartner, nicht zu schaden. Die Schriftstücke lagern im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, in Dänemark, Schweden, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Nun, fünfundneunzig Jahre später, gelangen sie ans Licht der Öffentlichkeit. Die Zeugen sprechen zu uns, mit den Stimmen von Schauspielern wie Katharina Schüttler als Beatrice Rohner, Friedrich von Thun als amerikanischer Botschafter Henry Morgenthau, oder Axel Milberg in der Rolle von Harry Stürmer, Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“ in Konstantinopel. In einem Fernsehfilm von Eric Friedler, der den Titel „Aghet“ trägt. Er bedeutet „die Katastrophe“ und ist der Begriff, den Armenier für den Genozid verwenden.

Man lässt die Armenier damit allein

Der Film rekonstruiert die Systematik des Völkermords und die Mauer des Schweigens, die mit deutscher Hilfe um das Verbrechen errichtet wurde. Nur einmal brach sie ein: Am 15. März 1921 erschießt der armenische Student Solomon Teilirian in Berlin einen Mann, dessen Papiere ihn als Ali Sai ausweisen. Es ist Talat Pascha, er hatte unter falschem Namen in Berlin gelebt. Es kommt zu einem Mordprozess, ein Geschworenengericht spricht den Studenten frei. Er sagt, er habe den Mörder seiner Familie gerichtet - später stellt sich heraus, dass er einer armenischen Geheimgruppe angehört, die die Drahtzieher des Genozids zur Rechenschaft ziehen will. Klärende Untersuchungen gibt es nicht. Das Schweigen wird zu einer historischen Kontinuität.

Damals wie heute ist die Türkei ein wichtiger Verbündeter, mit dem man es sich nicht verscherzen will. Die Vereinigten Staaten sind vor allem seit Beginn des Irak-Kriegs auf die türkischen Militärbasen angewiesen; von ihnen aus fliegen amerikanische Flugzeuge in den Irak und nach Afghanistan. Noch 2007 sprach Barack Obama von einem Genozid. Als Präsident vermeidet er die Konfrontation mit dem Nato-Partner. Man lässt die Armenier mit der türkischen Auslegung der Geschichte allein. Die Deportationen seien eine Kriegsnotwendigkeit gewesen, um die Armenier an der Unterstützung der russischen Truppen zu hindern, behauptet die türkische Geschichtsschreibung bis heute. So heißt es in Schulbüchern, Filmen, offiziellen Verlautbarungen der Regierung, in den Reden der Politiker - Talat Pascha wird als Held verehrt.

In den achtziger Jahren etablierte sich ein staatlich protegierter Wissenschaftsbetrieb, der die These von den kriegsbedingten Deportationen der Armenier untermauerte. Seit ausländische Parlamente sich dem Thema widmen, vollziehen türkische Historiker ein neues Manöver: Nicht die muslimische Bevölkerung habe Armenier massakriert, sondern umgekehrt. Schätzungen sprächen von drei Millionen Toten. Wer das nicht glauben will, wird eingeschüchtert, verleumdet und strafrechtlich verfolgt. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wagte es, von „Völkermord“ zu sprechen, und wurde deshalb wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ angeklagt. Türkische Verlage, die Bücher drucken, die der nationalen Geschichtsschreibung widersprechen, werden mit so hohen Geldstrafen belegt, dass sie zu Grunde gehen. Befreundeten Staaten droht die Regierung damit, Rüstungsaufträge zu streichen und diplomatische Beziehungen abzubrechen - mit Erfolg.

Mit vermittelnder Sprache an die Büchse der Pandora

In der türkischen Gesellschaft aber ist das Tabu brüchig geworden. Die Menschen lassen sich nicht mehr so leicht abspeisen mit der Einheitsdoktrin. Aufsehen erregte 2004 die Anwältin Fethiye Cetin mit ihrem Buch, das die Geschichte ihrer armenischen Großmutter erzählt: Als kleines Mädchen auf dem Deportationszug der Mutter entrissen, wuchs sie als zwangskonvertierte Muslimin in einer türkischen Familie auf. Hunderte von Türken riefen die Autorin an und sagten: Auch ich habe so eine Großmutter gehabt - sie hatten aus Angst geschwiegen.

Vor allem aber der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink tastete sich immer wieder mit vermittelnder Sprache an die Büchse der Pandora heran. Wohlwissend, dass das türkische Volk etwas leugnet, was es ob der offiziellen Geschichtsschreibung nicht besser wissen kann. „Die Armenier in der Türkei leiden unter einem tiefen Trauma. Und die Türken leben in einer Paranoia. Beides ist nicht gesund, beides führt uns nicht zu einer Lösung“, schrieb Dink. Er bezahlte mit dem Leben: Am 19. Januar 2007 wurde er vor dem Redaktionsgebäude seiner Zeitung „Agos“ auf offener Straße erschossen.

Wir sind alle Armenier

Der Täter, ein neunzehnjähriger Jugendlicher, sagte bei seiner Verhaftung, Hrant Dink habe das türkische Volk beleidigt. Schnell wurde deutlich, dass nationalistische Kreise hinter dem Mord stecken: Je größer der Wandel, desto panischer reagieren die Leugner. Doch ihre Rechnung, mit Dinks Tod jene zum Schweigen zu bringen, die Aufarbeitung fordern, ging nicht auf. Eine Welle der Solidarität erfasste das Land, zu Tausenden gingen die Menschen zu Dinks Beerdigung auf die Straße. „Wir sind alle Hrant Dink“ und „Wir sind alle Armenier“ stand auf ihren Plakaten.

Ein knappes Jahr später forderten mutige Türken abermals die Deutungshoheit ihres Staates heraus: Dreißigtausend Menschen setzten ihren Namen unter eine Internet-Petition, die das armenische Volk um Verzeihung für das Unrecht von 1915 bat. Damit nicht genug: Einer der Unterzeichner, der Anwalt Bendal Dschelil Esman, hat gerade Anklage bei einem Zivilgericht in Ankara erhoben: Die türkische Regierung soll die Verfolgung der Armenier als Völkermord anerkennen, alle Straßen, die den Namen Talat Paschas tragen, sollen umbenannt werden.

Ein bekanntes türkisches Argument

Das sind Zeichen, die Hoffnung geben. Doch immer wieder emotionalisiert Tayyip Erdogan die Bevölkerung durch populistische Äußerungen. Auf die jüngst erlassene Genozid-Resolution des schwedischen Parlaments und auf jene des amerikanischen Repräsentantenhauses reagierte er, als beleidige man die Ehre des türkischen Volkes. Wenn das nicht aufhöre, werde die Regierung die illegal in der Türkei lebenden Armenier deportieren, drohte er. Auch die in Deutschland lebenden Türken bleiben von dem Kampf um die Vergangenheit nicht unberührt.

Im März tourte der amerikanische Genozid-Leugner Justin McCarthy durch deutsche Städte, auf Initiative der türkischen Botschaft und der „Türkischen Gemeinde Deutschland“. Wiederholt hatte deren Vorsitzender, Kenan Kolat, versucht, den armenischen Genozid aus den Lehrplänen des Landes Brandenburg streichen zu lassen - Brandenburg ist das einzige Bundesland, das ihn im Schulunterricht behandelt. Die geplante Gedenkstätte für den Potsdamer Pfarrer Lepsius, der den Genozid dokumentierte, wollte Kolat verhindern. Mit einem bekannten türkischen Argument: Man solle den Historikern die Bewertung der Ereignisse überlassen.

Sie konnten Tränen nicht verbergen

Den behutsamen Umgang mit dem Völkermord, durch den Hrant Dink die türkische Bevölkerung an das Thema heranführte, pflegt auch Eric Friedler in dem vom NDR produzierten Film. Er zieht eine klare Linie zwischen Tätern und unwissenden Mitläufern. Ganz gleich, ob es um die türkische Gegenwart oder um die Jahre 1915 bis 1918 geht. So lässt er den Schriftsteller Amin T. Wegner in Gestalt des Schauspielers Ulrich Noethen zu Wort kommen. Wegner erlebte als deutscher Sanitätsoffizier im Osmanischen Heer den Völkermord und wurde mit seinen Fotos zum wichtigsten Bildchronisten des Genozids. Viele türkische Beamte hätten sich geweigert, die Befehle auszuführen.

Man könne deshalb nicht das gesamte türkische Volk wegen der Vernichtung der Armenier anklagen, berichtet er. „Es hat diese Greuel nicht gewollt, nur wenig gewusst, sie geduldet, selten sie gebilligt.“ Martin Niepage, damals Lehrer an der deutschen Schule von Aleppo, im Film von Sylvester Groth verkörpert, beobachtete: „Viele Mohammedaner und Araber schüttelten missbilligend den Kopf, konnten ihre Tränen nicht verbergen. Sie konnten nicht verstehen, dass ihre Regierung diese Grausamkeiten angeordnet hat.“

Man kann sich sicher sein, dass die türkische Regierung auch Aussagen wie diese der Bevölkerung vorenthält. Denn sie könnten helfen, dem Leid ins Auge zu sehen. Heute weiß man, dass das Schweigen über den Genozid an den Armeniern Hitler in seinen Plänen zur Vernichtung der Juden bestärkt hat. Wie Talat Pascha und dessen Gefährten rechnete er mit dem Desinteresse der Welt. Die Aufarbeitung des Verbrechens ist nicht nur eine Sache zwischen den Armeniern und der Türkei.

„Aghet - ein Völkermord“ lief am gestern, am Freitag, um 23.30 Uhr im Ersten. Aufs Neue ausgestrahlt wird Eric Friedlers Dokumentation am Dienstag, 13. April, um 20.15 Uhr im Ereigniskanal Phoenix.

In der anschließenden „Phoenix-Runde“ diskutiert Alexander Kähler um 21.45 Uhr über diesen Film mit Bahattin Kaya (Türkische Gemeinde in Deutschland), Hans-Lukas Kieser (Historiker, Uni Zürich), Ahmet Külahci (Hürriyet), einem Vertreter der armenischen Gemeinden in Deutschland. und Karen Krüger, der Verfasserin des obenstehenden Beitrags.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot