FAZ plus ArtikelInterview mit Sasha Filipenko

Die Brutalität der Agonie

Von Kerstin Holm
27.02.2021
, 21:44
Der belarussische Schriftsteller Sasha Filipenko lebt in Russland und beobachtet die Demokratiebewegungen beider Länder. Im Schweizer Bergdorf Montricher sprachen wir mit ihm über die Proteste und seinen neuen Roman.

Ihr Debütroman „Der ehemalige Sohn“, der am 24.März nun auch auf Deutsch herauskommt, handelt von der Vergangenheit, davon, wie der belarussische Präsident Alexandr Lukaschenka die Zeit zurückdrehte, und von Protestdemonstrationen gegen die vermutlich gefälschten Wahlen 2010. Er liest sich heute aber prophetisch: Der Held fällt ins Koma wie Alexej Nawalnyj, auch die belarussische Gesellschaft befindet sich in einer Art Koma, aus der sie plötzlich erwacht und protestiert – und dann folgen Massenverhaftungen wie jetzt. Verläuft die Geschichte Ihres Landes zyklisch?

Sasha Filipenko: Über Russland sagt man, dass sich dort innerhalb von zehn Jahren alles ändert, innerhalb von zweihundert Jahren aber nichts. Das gilt auch für Belarus. Ich glaube, es ist sowohl in Belarus wie in Russland nicht schwer, so etwas vorherzusagen, man braucht bloß die Wirklichkeit zu fixieren, was ich durch die Sprache gleichsam fotografisch versuche. Die beiden Länder sind wie ein Hof, in dem die sprichwörtlichen Rechen ausgelegt sind, auf die man immer wieder tritt und die einem dann ins Gesicht schlagen. Sowohl die Russen wie auch die Belarussen machen immer wieder die gleichen Fehler. Dass ein früheres Buch aktuell bleibt, ist vielleicht für den Autor erfreulich, für den Bürger des Landes aber ein großer Kummer, denn was dort passiert, sollte im Jahr 2021 eigentlich unmöglich sein.

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Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
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