Kulturzerstörung durch den IS

Welterbestätten als Schlachtfelder

Von Hermann Parzinger
31.03.2015
, 13:15
Der Westen braucht eine klare Strategie beim Umgang mit bewusster Kulturzerstörung im Irak: Empörungsrhetorik und politischer Aktionismus helfen den Altertümern nicht. Ein Gastbeitrag.
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Jedem halbwegs zivilisierten Menschen stockt der Atem, wenn er die Schergen des sogenannten IS im Museum Mossul mit Vorschlaghämmern auf Weltkulturerbe einschlagen sieht. Eine weitere Dimension der Kulturbarbarei scheint erreicht, wenn wir wenige Tage später hören, wie der IS mit Hilfe von Sprengstoff und Bulldozern der bedeutenden Ruinenstätte von Hatra zu Leibe rückt. Doch wir wissen nicht, was wirklich dort geschehen ist, welches Ausmaß das Wüten erreicht hat. Es bleibt die Hoffnung, dass es nur einige wenige, besonders spektakuläre Bilder für den Internet-Feldzug des IS sein sollten. Erste Stimmen aus der Antikenverwaltung in Bagdad scheinen in diese Richtung zu gehen.

Die Aktionen des IS sollen vor allem eines erreichen: das letzte einigende Band des ethnisch und religiös heterogenen Iraks kappen, damit der Staat selbst zerfällt. Dieses Band ist das Wissen um die große historische Vergangenheit Mesopotamiens, der Wiege der Zivilisation, auch der westlichen. Wie stark muss die Kraft dieser Vergangenheit von den Menschen der Region noch heute empfunden werden, wenn man glaubt, sie derart barbarisch zerstören zu müssen! So primitiv kann man gar nicht sein, als dass man nicht genau das zerstören würde, was man als besonders bedrohlich empfindet. Und natürlich sind solche Aktionen auch medial inszenierte Angriffe gegen das Zivilisationsverständnis der westlichen Welt.

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Keine Erfindung der islamischen Welt

Ein nur flüchtiger Blick in die Zeitgeschichte verdeutlicht jedoch, dass derartige Barbarei kein Charakteristikum des islamistischen Extremismus ist, sondern typisches Merkmal der Moderne. Jeder erinnert sich an Bamiyan, wo die Taliban mit Panzerkanonen und Dynamit die weltberühmten monumentalen Buddha-Statuen pulverisierten. Mit Bamiyan kam die Welt des Islams auch in dieser Hinsicht in der Moderne an. Gerade wir Deutsche sollten aber nicht vergessen, welcher kulturellen Verbrechen wir uns in nationalsozialistischer Zeit schuldig gemacht haben. Die Bücherverbrennung von 1933 und die Aktion „Entartete Kunst“ waren deutsche Schöpfungen, und allein die Berliner Nationalgalerie verlor mehr als vierhundert herausragende Werke der Klassischen Moderne, weil man Expressionismus, Surrealismus, Dadaismus und andere Kunstrichtungen dieser Zeit für unwürdig hielt und sie – besonders beschämend – teilweise unter Mithilfe der eigenen Museumsmitarbeiter verbrannte.

NS-Trupps plünderten nicht nur Kulturschätze aus halb Europa, sondern das, was man nicht mehr rauben wollte, gab man bewusst den Flammen preis, es war eine gezielte Vernichtung des kulturellen Erbes. In Mossul verbrannte man kostbare Handschriften; wir wissen aber auch von ganzen Bibliotheken in deutsch besetzten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, die man auf die Straße warf und von Panzern überrollen ließ. Also Vorsicht: Kulturelle Barbarei ist keine Erfindung der islamischen Welt.

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Es ist zutiefst human, dass wir glauben, der Mensch würde irgendwann aus den abgrundtiefen Verfehlungen seiner Geschichte lernen, obwohl wir immer wieder aufs Neue die Erfahrung machen müssen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Diese Erkenntnis vermittelt ein besonderes Gefühl von Macht- und Sinnlosigkeit. Dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sich auf Initiative der Unesco- Generaldirektorin Irina Bokova mit dem Thema zumindest einmal befasst hat, darf schon als Erfolg gelten, auch wenn niemand weiß, was das zur Folge haben wird. Empörungsrhetorik allein hilft uns nicht weiter.

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Nordirak
IS setzt Zerstörung antiker Stätten fort

Eine Aufgabe für uns alle

Politischer Aktionismus wiederum dient nur eigener PR, nicht den Altertümern. So verkündete kürzlich Frankreichs Staatspräsident François Hollande, er werde eine Mission französischer Fachleute nach Bagdad entsenden, um sich einen Eindruck von den durch den IS verursachten Schäden am Kulturerbe zu machen. Stilbewusst gab er das im mesopotamischen Saal des Louvre bekannt, mit assyrischer Kunst im Hintergrund. Na dann gute Reise nach Mossul, Nimrud und Hatra!

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Gerade die westlichen Kulturnationen, deren Museen selbst über bedeutende Sammlungen aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten verfügen, sollten auf rein politisch motivierte Gesten besser verzichten. Ja, wir müssen zur Hilfe bereit sein, doch wir sollten das tun, um was man uns bittet, und das sind nicht in erster Linie Besuche am Ort des Geschehens. So zu tun, als könnte man Inspektionen in vom IS beherrschten Gebieten durchführen, ist wenig glaubwürdig, denn man würde dabei seinen Kopf riskieren. Stattdessen müssen wir für irakische und syrische Fachleute schnell und unbürokratisch Schulungsprogamme in modernen Konservierungsmethoden durchführen, ihnen in deren Ländern nicht zur Verfügung stehende Materialien liefern und uns mit der Digitalisierung der vorhandenen Dokumentationen zerstörter Fundstätten beeilen, um dieses Wissen sofort zur Verfügung stellen zu können, wenn es um den Wiederaufbau geht. Das ist der Weg, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Deutsche Archäologische Institut mit Unterstützung des Auswärtigen Amts verfolgen.

Und die Weltgemeinschaft sollte sich jetzt schon darauf einstellen, dass Rettung und Wiederaufbau des kulturellen Erbes im Irak und in Syrien nach Ende der Kriegshandlungen eine Aufgabe für uns alle sein wird. Mit Recht argumentieren wir, dass die seit mehr als hundert Jahren über Fundteilungen in westliche Museen gelangten Sammlungen mit Kunst aus dem Nahen Osten auch nach Paris, London, New York und Berlin gehören, weil sie die Wurzeln unserer Zivilisation mit repräsentieren. Aus denselben Gründen müssen wir uns in die Pflicht nehmen lassen, wenn es hoffentlich bald um die Sicherung und Wiederherstellung der Welterbeplätze in Syrien und dem Irak geht.

„Kultur-Blauhelme“ - ein undurchführbarer Vorschlag

Nach Bamiyan und Mossul müssen wir uns jedoch auch Gedanken darüber machen, wie die Weltgemeinschaft künftig besser auf die bewusste Zerstörung von kulturellem Erbe vorbereitet werden kann. Der italienische Kulturminister Dario Franceschini hat kürzlich eine international besetzte Schnelle Eingreiftruppe zum Schutz von Denkmälern und archäologischen Stätten gefordert. Die Weltgemeinschaft soll also „Kultur-Blauhelme“ losschicken, um das Schlimmste zu verhindern. So viel Sympathie man für einen solchen Vorschlag zunächst auch empfinden mag, als so undurchführbar erweist er sich bei näherer Betrachtung. Man muss kein militärischer Fachmann sein, um zu begreifen, dass Blauhelme ohne eine Rückeroberung bedrohter Gebiete wenig auszurichten hätten.

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Sowenig, wie man jetzt UN-Truppen in den Nordirak schickt, um Yesiden vor der Ausrottung zu bewahren, so wenig kann man sie zum Schutz von assyrischen Königsstädten dorthin beordern: Es wäre ein Himmelfahrtskommando. Und selbst wenn es gelänge, gezielt Kulturgüter zu schützen, mit welchem Recht würde man den leidenden Menschen, die um sie herum wohnen, diesen Schutz vorenthalten? Außerdem bewirkten solche Interventionen genau das Gegenteil: Denkmäler und archäologische Fundstätten würden erst recht zum Ziel von Angriffen. Welterbestätten als Schlachtfelder – in der Phantasie geht es immer noch gruseliger.

Ein starkes Zeichen der Geschlossenheit

Letztlich bringen solche Forderungen wieder nur die allgemeine Hilflosigkeit der Weltgemeinschaft zum Ausdruck. Die Haager Konvention von 1954 verbietet es, Kulturgüter zu zerstören oder zu plündern, und schützt damit die Kultur im Krieg. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag betrachtet Angriffe auf Kunstwerke und Denkmäler jeglicher Art als Kriegsverbrechen, und der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon qualifiziert die Zerstörungen des IS als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Verbal wurde also gewaltig aufgerüstet, doch was ist die Folge? Wer entschieden ist, kulturelles Erbe zu vernichten, und die militärische Macht hat, dies zu tun, wird auch nicht durch die Drohung mit Kultur-Blauhelmen davon abzuhalten sein, sondern nur durch eine massive und erfolgreiche militärische Intervention. Es ist eine traurige Erkenntnis, dass auch Altertümer nicht losgelöst von der Gesamtsituation zu retten sind. Davon sind wir im Nordirak noch weit entfernt.

Aber vielleicht gelingt es ja doch einmal, aus dem Geschehenen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Ich wünschte mir zweierlei. Erstens: Die Idee mit Kultur-Blauhelmen ist nicht schlecht, sie hilft nur im Nordirak nicht mehr. Sie könnte aber sehr wohl ein Weg sein, wenn sich künftig irgendwo in der Welt neue Unruhen oder Krisen anbahnen. Allein schon der Beschluss zur Aufstellung einer solchen Truppe wäre ein starkes Zeichen der Geschlossenheit, das der Weltgemeinschaft gut zu Gesicht stünde, weil damit die Bewahrung des kulturellen Erbes der Menschheit endlich die ihr angemessene Priorität erhielte. Und zweitens hoffe ich auf den Tag, an dem der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag sein erstes Urteil spricht, in dem er auch Kriegsverbrecher gegen die Kultur zur Verantwortung zieht.

Hermann Parzinger ist Archäologe und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Quelle: F.A.Z.
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