Alles in Pudding?

Britanniens Zukunft steht auf dem Spiel

Von Gina Thomas, London
30.12.2020
, 13:59
Die Brexiteers feiern das Ende eines Kampfs, der die britische Politik drei Jahrzehnte lang gequält hat. Ihre Erwartungen gehen über Europa hinaus. Dabei droht ein heimischer Umstand übersehen zu werden.

Es ist eines von vielen Märchen über die Einstellung zu Europa, dass britische Zeitungen einst bei dichtem Nebel meldeten, der Kontinent sei abgeschnitten. Die Ursprünge der erfundenen, aber sprichwörtlich gewordenen Schlagzeile haben sich im Nebel der Geschichte verloren, doch wies ein Leserbrief der „Times“ schon im November 1939 darauf hin, dass dies genau die Art von Anekdote sei, „die ein Engländer erfindet und Engländer erzählen, um andere Engländer zu unterhalten“.

In der Mythologie hat sie sich verankert, weil sie das Empfinden der Inselnation, nicht nur geographisch, sondern auch psychologisch abseits des europäischen Festlands zu stehen, witziger auf den Punkt bringt als etwa Charles de Gaulle 1963 in der berühmten Begründung seines Vetos gegen die Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, England sei ein auf die See ausgerichteter Inselstaat, durch seinen Handel, seine Märkte und seine Versorgung an weit entlegene Länder gebunden und „in all seinem Tun, Gewohnheiten und Traditionen“ von „eigener Art“. In den Tagen vor der Brexit-Einigung riefen die wegen der Corona-Mutation in Dover feststeckenden Lastwagenkolonnen die Parole „Kontinent abgeschnitten“ eindringlich ins Bewusstsein. Auf viele wirkten sie wie ein symbolhaftes Omen der gar nicht so „splendid isolation“, in die sich Britannien mit dem von den Brexiteers ersehnten Befreiungsschlag begibt.

„Die verlorene Kindheit Europas“

Als Lucy Worsley, Chefkuratorin der königlichen Paläste und Moderatorin populärer Fensehgeschichtssendungen, kürzlich so dreist war, die Schlacht von Waterloo als kollaborative europäische Leistung zu bezeichnen, warf der Historiker Dominic Sandbrook ihr vor, sich beim modischen Antipatriotismus anzubiedern, der bei den historisch Ungebildeten so beliebt sei. Die Sympathien des Boulevardblattes liegen eher bei Boris Johnsons Verdichtung der europäischen Geschichte auf „wiederholte Versuche verschiedener Figuren oder Institutionen, die verlorene Kindheit Europas, dieses goldene Zeitalter des Friedens und des Wohlstandes unter den Römern“ durch die Einigung des Kontinents wiederzuerlangen. Die Versuche endeten stets tragisch, sagte er vor dem Brexit-Referendum und verwies dabei auf Napoleon und Hitler. Die EU sei der Versuch, dieses Ziel mit anderen Mitteln zu erlangen.

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Am Anfang seiner politischen Karriere sah Johnson die Frage noch differenzierter. Als er sich 2001 zum ersten Mal für einen Sitz im Parlament bewarb, bekannte er als gemäßigter Euroskeptiker, dass ein Argument den Ausschlag gebe beim Abwägen, „ob wir glaubhaft für den Verbleib in der EU eintreten können“: dass Britannien mit seinem Austritt Einfluss verlieren würde über die Gestaltung des Kontinents. Nichts demonstrierte diesen Einfluss so prägnant wie die auf Englisch gehaltenen Verlautbarungen Ursula von der Leyens und Michel Barniers an Heiligabend. Die scheidende Nation hat der EU ihre Sprache als Vermächtnis hinterlassen, zusammen mit der Botschaft, dass das Experiment ein „kolossaler historischer Fehler“ gewesen sei, wie der Cambridge-Historiker Robert Tombs unter Berufung auf de Gaulles Hinweis argumentiert, dass das Wesen, die Struktur und die Umstände Englands es von den kontinentalen Staaten unterschieden. Der größte Stein des Anstoßes war der Anspruch auf eine supranationale Identität, die außerhalb der Kontrolle des nationalen Parlamentes lag.

Wenn Johnson und die Brexiteers jetzt das Ende eines Kampfs feiern, der die britische Politik drei Jahrzehnte lang gequält hat, vergessen sie, dass fast die Hälfte der Bevölkerung sich 2016 für den Verbleib in der EU ausgesprochen hat. Nun richtet die Regierung den Blick in die weite Welt, in der die Briten nach den Worten des Außenministers „ungeniert stolz“ sein könnten. Seit Jahrhunderten seien sie führend gewesen „als Forschungsreisende und Entdecker, Erfinder und innovative Naturwissenschaftler“. Sinnbildlich für diese neue Orientierung ist die Abkehr vom Erasmus-Programm, das britische Kritiker als Schleichwerbung für eine europäische Identität geißelten.

Im Januar hatte Johnson im Parlament noch geleugnet, dass das Studienprogramm beenden werde. Vor einigen Jahren gestand er freilich, in Sachen Europa seinen Kuchen gleichzeitig essen und aufbewahren zu wollen. Nun, da er ihn verzehrt hat, gilt eine andere kulinarische Redewendung: The proof of the pudding is in the eating. Probieren geht über Studieren. Das betrifft die Zukunft des Vereinigten Königreichs, die jetzt noch mehr auf dem Spiel steht als je zuvor.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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