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Jugendkriminalität

Wir Richter sind auch nur Menschen

Von Rudolf Gerhardt, Thomas Zerback und Hans Mathias Kepplinger
 - 14:24
Reporter vorm Gerichtssaal: Richter sind beeinflussbar

Seit den Tagen des alten Pitaval ist die Gerichtsreportage so etwas wie eine literarische Form geworden. Das ist freilich über zweihundert Jahre her, und es hat lange gedauert, bis die regelmäßige journalistische Beobachtung der Strafjustiz in den Medien Einzug hielt. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stehen bekannte Namen für dieses Genre: Kurt Tucholsky, Paul Schlesinger, später Herrmann Mostar: Sie machten das Geschehen vor Gericht in reportagehaften Schilderungen für Leser sichtbar - meist nicht zur Freude der Richter und Staatsanwälte.

Auch heute gehört der Gerichtsbericht zum journalistischen Alltag. Das Interesse an der Strafjustiz hat zugenommen. Gewichtig ist die Gerichtsreportage in überregionalen Tageszeitungen, Hörfunk und Fernsehen, wenn fachlich geschulte Beobachter zeigen, was Maximilian Harden einmal „die prägnanteste Form des Dramas“ genannt hat. Das Bild der Justiz, das hier in immer neuen Facetten entsteht, macht eine Staatsgewalt sichtbar, die für den von ihr Betroffenen, aber auch für das Rechtsempfinden der Allgemeinheit von besonderer Bedeutung ist. Und dennoch agiert sie eher im medialen Abseits - Fernsehaufnahmen sind während der Verhandlung untersagt, und es ist keineswegs einfach, Richtern oder Staatsanwälten so etwas wie ein Statement zu entlocken. Wie aber reagiert die Justiz, wie reagieren die Gerichte auf das Porträt, das die Medien von ihnen zeichnen? Richter sind unabhängig, wie unabhängig sind aber diejenigen, die ständig urteilen müssen, vom Urteil der Öffentlichkeit, die sie beobachtet - vom Medienklima?

Breit angelegte Befragung

Diese Frage ist mit den Mitteln der Demoskopie bislang wenig untersucht. Vor knapp zwanzig Jahren wurden in einer Studie Interviews ausgewertet, die auf Basis einer Zufallsauswahl mit Richtern, Staatsanwälten, Ministerialbeamten und Journalisten geführt worden waren (Der Einfluß der Medien auf das Strafverfahren, Beck-Verlag, 1990). Zehn Jahre später wurde diese Befragung mit Hilfe von Studenten der Mainzer Universität erweitert: 66 Akteure der Justiz hatten sich zu ausführlichen Gesprächen bereit erklärt. Im November 2006 wurde das Thema zum Gegenstand einer breit angelegten Befragung von 447 Richtern und 271 Staatsanwälten in fünf Bundesländern - Bayern, Baden-Württemberg, Bremen, Rheinland-Pfalz und Sachsen.

Aufschlussreich erscheint, dass die Ergebnisse aller drei Untersuchungen auf der gleichen Linie liegen. Mögen sie sich in Einzelheiten unterscheiden, so wird ein Einfluss der Medien weitgehend eingeräumt. In den beiden ersten Befragungen sagten die Richter, dass sie durchaus „bewusst“ von Berichten und Kommentaren Kenntnis nehmen, die ihre Arbeit betreffen: Sie wollen das Medienecho kennen. Einer der Richter sagte in der Tonlage von Karl Popper: „Rechtsfindung ist doch trial and error, also: Auch wir sind bereit, dazuzulernen.“ Die Befragung der Richter und Staatsanwälte zeigt, dass viele die Berichterstattung über ihre Fälle stark beachten. Jeder dritte Richter (37 Prozent) und jeder zweite Staatsanwalt (54 Prozent), verfolgt „gezielt“ die Medienberichterstattung über Strafverfahren, an denen er beteiligt ist.

Großer Einfluss der Medien

Nahezu alle Richter und Staatsanwälte schreiben Medienberichten einen Einfluss auf die verschiedenen Aspekte von Strafverfahren zu. Allerdings sinkt der Anteil derer, die dies tun, umso mehr, je mehr man sich dem Kern des Problems, der Schuldfrage, nähert. Die meisten Richter (86 Prozent) und Staatsanwälte (neunzig Prozent) erklären, Medienberichte hätten einen Einfluss auf „die Atmosphäre im Gerichtssaal“. Gut zwei Drittel der Richter (77 Prozent) und der Staatsanwälte (74 Prozent) geben an, Medienberichte würden „die Aussagen von Zeugen“ beeinflussen, wobei offenbleibt, worin sich dies zeigt. Doch handelt es sich um einen substantiellen Aspekt von Strafverfahren. Dies trifft auch auf den folgenden Befund zu: Fast jeder zweite Richter (44 Prozent) und Staatsanwalt (49 Prozent) erklärt, die Berichte hätten einen Einfluss auf den „Ablauf des gesamten Verfahrens“. Zwar können sich alle Aspekte auf die Entscheidungen über die Zukunft der Angeklagten auswirken. Sicher ist dies jedoch nicht.

Eine Klärung bringen die folgenden Feststellungen. Ein Viertel der Richter (25 Prozent) und ein Drittel der Staatsanwälte (37 Prozent) berichten, die Medienbeiträge hätten einen Einfluss auf „die Höhe der Strafe“. Nahezu genau so viele äußern, sie hätten einen Einfluss auf die „Bewilligung einer Bewährung“ (Richter zwanzig Prozent, Staatsanwälte dreißig Prozent). Einen Einfluss auf die „Anordnung einer Sicherungsverwahrung“ besitzen Medienberichte dagegen nach Auskunft selten (Richter: zehn Prozent, Staatsanwälte: 14 Prozent). Die erwähnten Prozentwerte mögen gering erscheinen, ihre praktische Relevanz für die Angeklagten ist aber groß.

Die Schuldfrage bleibt Richtersache

Und wie sieht es bei der Schuldfrage aus? Nur sehr wenige Richter (drei Prozent) und Staatsanwälte (neun Prozent) erklären, die Berichterstattung habe Einfluss auf die „Schuldfrage“. Sie ist damit dem Medieneinfluss weitgehend entzogen. Inhaltlich betrachtet ist dies jedoch nicht klar, weil von der Atmosphäre im Gerichtssaal über die Zeugenaussagen und den Ablauf des Verfahrens alles auf die Schuldfrage einwirken kann.

Die meisten Menschen vermuten, dass die Medien andere Menschen stärker negativ beeinflussen als sie selbst - weil sie die Wirkung auf andere über- und auf sich unterschätzen. Der sogenannte „Andere-Leute-Effekt“ zeigt sich auch in der vorliegenden Befragung. So sind über zwei Drittel der Richter und Staatsanwälte davon überzeugt, dass negative Prozessberichte einen Einfluss auf die Opfer (Richter 86 Prozent, Staatsanwälte 89 Prozent) und Angeklagten (Richter 74 Prozent, Staatsanwälte 75 Prozent) besitzen. Dagegen berichtet weniger als ein Zehntel, sie hätten einen Einfluss auf sie selbst (Richter sechs Prozent, Staatsanwälte neun Prozent). Die „Andere-Leute-Effekte“ müssen von den „reziproken Effekten“ unterschieden werden - dem Einfluss der Medien auf diejenigen, über die sie berichten. Aufgrund der intensiven Mediennutzung der Richter und Staatsanwälte muss man davon ausgehen, dass die Berichterstattung über „ihre“ Fälle einen starken Einfluss auf sie besitzen dürfte.

Diese Annahme wird von den Aussagen der Befragten bestätigt, die „schon einmal Gegenstand von Medienkritik geworden“ sind (Richter sechzig Prozent, Staatsanwälte 54 Prozent). Auf die Frage, wie sie darauf spontan reagierten, sagen die meisten, sie hätten sich „damit abgefunden“ (Richter 65 Prozent, Staatsanwälte 62 Prozent). Doch berichten viele, sie hätten „sich geärgert“ (Richter 46 Prozent, Staatsanwälte 55 Prozent) und das Gefühl gehabt, sich „nicht richtig wehren zu können“ (Richter 45 Prozent, Staatsanwälte 38 Prozent).

Die Menge der Beiträge wirkt

Der Einfluss der Medienberichterstattung auf die Richter und Staatsanwälte bleibt nicht auf ihre subjektive Sicht beschränkt. Er erstreckt sich auf ihr Auftreten im Verfahren. Etwa jeder zehnte Richter (12 Prozent) erklärt, dass die „Berichterstattung in den Beratungen des Gerichtes gelegentlich eine Rolle spielt“. Ein Drittel der Staatsanwälte (33 Prozent) sagt, sie hätten im Verlauf von Verfahren, die in den Medien umstritten gewesen sind, bei ihren Befragungen und Strafanträgen „ein wenig“ an das „Echo in der Öffentlichkeit gedacht“, weitere drei Prozent bekennen, sie hätten „intensiv“ daran gedacht. Diese Überlegung scheint bei den Richtern eine noch größere Rolle zu spielen: 43 Prozent sagen, sie hätten „ein wenig“ an die „Akzeptanz ihres Urteils in der Öffentlichkeit gedacht“, weitere neun Prozent bekennen, sie hätten „intensiv“ daran gedacht.

Wovon hängt „der Einfluss von Medienberichten auf Prozessbeteiligte ab“? Die meisten Befragten erklären, die Medien hätten vor allem „einen starken Einfluss“ auf die Prozessbeteiligten, „wenn das Fernsehen“ (Richter und Staatsanwälte 67 Prozent) und wenn „reichweitenstarke Blätter wie ,Bild'“ berichten (Richter 53 Prozent; Staatsanwälte 58 Prozent). Ähnlich viele konstatieren einen starken Einfluss der „Medien am Sitz des Gerichtes“ (Richter 53 Prozent, Staatsanwälte 54 Prozent) sowie der „überregionalen Zeitungen“ (Richter 43 Prozent, Staatsanwälte 50 Prozent).

Freude über Zustimmung

Zusammenfassend zeigt sich ein komplexes Wechselspiel zwischen der intensiven Beachtung der Berichte über „ihren“ Prozess durch die Richter und Staatsanwälte, der relativ starken direkten Wirkung der großen Menge der Beiträge und der teilweise übertriebenen Vermutung über die Wirkung der Berichte auf andere. Dies alles schlägt sich im Verhalten der Richter und Staatsanwälte vor Gericht nieder und kann sich durch die Atmosphäre im Gerichtssaal auf die Strafhöhe sowie die erschwerenden oder erleichternden Begleitfolgen auswirken.

Bleibt die Frage: Wie unabhängig ist die Justiz vom Medienklima? Fern der wissenschaftlichen Auswertung lässt sich vielleicht eine Antwort in der Bemerkung eines Befragten finden: „Wir Richter sind doch auch Menschen“, sagte er, „Menschen, die Kritik verkraften und sich ganz gewiss auch über Zustimmung freuen“. Allerdings ist eine Szene, wie Erich Mühsam sie in seinem Buch „Unpolitische Erinnerungen“ schildert, in neuerer Zeit nicht bekannt geworden. Er hatte in einer Zeitung über einen Strafprozess geschrieben und wurde kurz darauf vom Richter im Gerichtsgebäude mit dem Satz begrüßt: „Richtig, Herr Mühsam, ich hab mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt. Sie haben jüngst so freundlich über mich geschrieben.“

Rudolf Gerhardt ist Professor für Journalistik, Hans Mathias Kepplinger ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung, Thomas Zerback wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Universität Mainz.

Quelle: F.A.Z., 11.01.2008, Nr. 9 / Seite 38
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