Junge Straftäter

Das Drama der unsichtbaren Eltern

Von Regina Mönch
08.01.2009
, 14:17
Sie führen die Statistik der Jugendkriminalität an: junge Migranten aus den Problemvierteln in Berlin. Eine Richterin versucht, eine Allianz für diese verlorenen Kinder zu schmieden - und wendet sich vor allem an deren Eltern.

Kaan steht nicht zum ersten Mal vor einer Richterin. Immer war es um junge Frauen oder Mädchen gegangen, die er anpöbelte, schlug, verprügelte. Die Anklagen ähnelten sich und folgten in immer kürzeren Abständen. Bei seiner letzten Verhandlung hatte er sogar im Gerichtssaal versucht, eine Zeugin anzugreifen, sprang auf, rannte quer durch den Saal und musste von den Wachleuten auf den Stuhl zurückgezwungen werden, ein ziemlich einmaliger Vorfall in Berlin-Moabit. Als dieses Urteil verkündet war - vier Wochen Jugendarrest für obszöne Beschimpfungen und tätliche Angriffe in einem Bus -, wurde er vor dem Saal verhaftet.

Er hatte in den Monaten seit der im Mai verhandelten Busfahrt noch eine Frau brutal niedergeschlagen, einfach so, mitten auf einer belebten Straße in Berlin-Neukölln. Und er hatte, darum wurde zum ersten Mal Untersuchungshaft angeordnet, wenig später einem Mädchen mit Wucht sein Messer durchs Gesicht gezogen. Das Mädchen war auf dem Weg von der Schule nach Hause gewesen. Der neunzehnjährige Kaan kreuzte es zufällig, aber missgelaunt, weil er sich mit dem älteren Bruder wieder einmal um Geld gestritten hatte. Sein letztes Opfer, jedenfalls das in Freiheit gesuchte, hat den Albtraum noch nicht verwunden, als die Untat zur Verhandlung kommt. Und es scheint weder die Schülerin noch ihren Vater, der den Prozess aufgeregt verfolgt, zu beruhigen, dass der Messerheld dieses Mal hinter Sicherheitsglas auf der Anklagebank sitzt. Zwischen Verhaftung und Verhandlung kommen noch einmal drei Anzeigen hinzu: Kaan misshandelte zwei Mitgefangene und fiel schließlich eine junge Wärterin an, als diese ihn in seine Zelle bringen wollte.

Die Schule vor Jahren verlassen

Kaan ist ein schmaler Junge, der jünger wirkt, als er ist; mal gleichmütig, mal zappelig verfolgt er das Defilee der Zeugen, Gutachter und Polizisten. Er braucht lange, um auf Fragen zu antworten, selten in ganzen Sätzen, meist nur mit zwei, drei Worten. „Würden Sie denn eine Ausbildung machen wollen?“ fragt ihn der Staatsanwalt. „Ja, bin sicher“, sagt Kaan. „Wieso?“ Lange Pause. „Na, so.“ Es ist nicht flapsig gemeint, es ist nur eben alles, was ihm dazu einfällt. Kaan hat die Schule schon vor Jahren verlassen, auch einfach so, als Schlusspunkt unter eine Serie von geschwänzten Schulstunden, Prügeleien und fruchtlosen Gesprächen mit seinen Lehrern, wenn er denn mal da war. Seitdem, so gibt er an, sei er „in Maßnahmen“. Er streiche manchmal anderer Leute Wohnungen, weil er Geld brauche.

Wie viele türkische und arabische Jungen, die im Kriminalgericht Moabit immer öfter verurteilt werden, ist er allein im Gerichtssaal. Die Eltern unerreichbar, abwesend wie immer, genauso wie ein in Berlin lebender älterer Bruder, von dem manchmal die Rede ist. Ein anderer Bruder wurde getötet, bei „einer Auseinandersetzung“, ein weiterer, ein gesuchter Verbrecher, ist seit Jahren verschwunden. Kaan, so stellt sich heraus, lebt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr allein in einer großen Wohnung in Neukölln. Die Eltern, heißt es, sind mit einem Sohn, der nach schwerer Drogensucht chronisch krank ist, in die Türkei zurückgegangen. Wer die Miete zahlt und den Strom, ist nicht Gegenstand der Verhandlung, wahrscheinlich das Sozialamt. Kaan sagt, er bekomme das staatliche Kindergeld. Alle paar Monate tauchten die Eltern auf, um Geschäfte zu erledigen und Behördengänge zu machen. Jedenfalls nicht, um ihren Sohn zu erziehen. Der soll nur die Stellung halten in Berlin.

Er muss „nacherzogen“ werden

Der Gutachter bescheinigt Kaan volle Schuldfähigkeit und keine pathologische Haltung zu Frauen. Kaan sei ein vernachlässigtes Kind, das ohne Liebe aufgewachsen sei, dafür mit viel Prügel und Gewalt, unter der auch die Mutter zu leiden hatte. Kaan müsse „nacherzogen“ werden und sozialtherapeutisch betreut. Doch will er das? Bisher hat er Hilfen dieser Art immer ignoriert.

Von den Akten her hätte alles bestens laufen können: Guter Kindergarten, eine vielfach ausgezeichnete Grundschule, dann scheitert er an der Realschule, kommt an eine Hauptschule, die nicht nur hochengagierte Lehrer hat und Sozialarbeiter, sondern auch Nachhilfe anbietet und sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Nur wollen muss man und hingehen. Und Eltern haben, die sich dafür interessieren. Dass der Junge allein auf sich gestellt ist, war niemandem bekannt. Obwohl sich alle möglichen Behörden immer wieder mit dieser Familie befassten. Behörden, die erst jetzt beginnen, ihre Kenntnisse auszutauschen.

Eine Gefahr für die Allgemeinheit

Kaan wird zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Eine sozialtherapeutische Wohngruppe helfe hier nicht mehr. Die Richterin sagt auch, er mache auf sie den Eindruck, als habe er immer noch nicht begriffen, dass er für seine Taten verantwortlich sei. Kaan, daran lässt das Urteil keinen Zweifel, ist eine Gefahr für die Allgemeinheit. Wenn er sich nicht helfen lässt, darüber sind sich im Landgericht alle einig, wird das Gefängnis daran wenig ändern. In seiner früheren Schule war Kaan kein Einzelfall. Der Schulleiter will daran zuweilen verzweifeln. Aber man kann Eltern nicht ersetzen. Warum aber kann man unsichtbare Eltern wie diese nicht bestrafen? Weil es niemand gewagt hat, weil sich das nicht gehört.

In Berlin-Neukölln soll sich das ändern. Dorthin hat sich eine Jugendrichterin aufgemacht, um den Teufelskreis von überbordender Gewalt und Informationsverlusten zwischen Ämtern zu durchbrechen. Kirsten Heisig hat nur wenige an ihrer Seite, die sich offen zu ihrem vernünftigen Modell bekennen. Ihre Klarheit stört viele, die das Desaster lieber schönreden und gewohnt sind, jede eindeutige Diagnose unter Rassismusverdacht zu stellen. Richterin Gnadenlos hat man sie gerade erst wieder in einer Zeitung genannt. Weil sie Eltern von Schulschwänzern nicht nur Bußgeld androht, sondern sogar sechs Wochen Haft, wenn sie dieses nicht bezahlen. Doch dann zahlen sie zumindest. Die Richterin ist in die Hauptschulen gegangen, wo zuweilen ein Viertel der Schüler schwänzt. Sie wirbt dafür, Schwänzer und ihre Eltern anzuzeigen, weil sich das herumspricht. Und vielleicht eines Tages etwas ändert, denn die brutalen Jungkriminellen jetzt haben fast immer auch eine gescheiterte Schulkarriere hinter sich.

Die geltenden Gesetze durchsetzen

Das „Neuköllner Modell“ peilt nicht schärfere Gesetze an, sondern will zuallererst die geltenden durchsetzen. Die Schulpflicht, das Prügelverbot für Eltern. Weil die Richterin viele Arrest-Verfahren beschleunigt - damit die sehr jungen Prügler und Räuber sich noch erinnern können, was sie in den Gerichtssaal brachte -, ist sie von den Berliner Grünen und der SPD scharf attackiert worden. Die Polizeigewerkschaft unterstützt sie, immerhin, und warnt vor den muslimischen Friedensrichtern, die längst mit eigenen Gesetzen regeln, was eigentlich Sache des Staates ist.

Es sind überwiegend Buben aus türkischen und arabischen Familien, die nicht nur die Berliner Statistik der Intensivtäter, sondern auch die der Schwänzer, der Schulabbrecher überdeutlich anführen. Trotzdem unterstellen manche Kirsten Heisig „ethnische Vorbehalte“. Sie aber möchte vor allem die Eltern aufrütteln, mehr zu tun, um ihre Söhne vor einer kriminellen Karriere zu retten. Auf Elternabenden schildert sie die überbordende Gewalt der Jungenbanden, die Demütigungen, die man neuerdings Opfern zufügt, und die grenzenlose Verachtung für alle, die als anders oder schwächer gelten. Schwule, Frauen auf der Straße, Lehrer, Busfahrer, Deutsche aus anderen Vierteln. „Es sind zu viele gewesen, seit ich Richterin bin, und es werden immer mehr. Ich will mit Ihnen versuchen, dass sich das in dieser Generation noch ändert“, appelliert sie immer wieder.

Elternabend mit Dolmetscher

„Sie sperrt eure Söhne ein“, titelte kürzlich eine Zeitung. Die Funktionäre der arabischen Verbände riefen darum zum Boykott auf, als Kirsten Heisig wieder einmal, nach einem langen Tag im Gericht, zu einem Elternabend mit Dolmetscher lud. Eine Woche zuvor hatte sie vor türkischen Eltern gesprochen. Da war der große Rathaussaal in Neukölln voll, und nachdem erst mal hin und her übersetzt worden war, was die Deutschen alles falsch, zu wenig oder überhaupt nicht machen, standen vor allem die Mütter Schlange, um mit Frau Heisig zu reden.

Bei den arabischen Familien blieb der Saal halb leer, und die meisten Gäste waren Funktionäre. Einige sollen zuvor von der Richterin eine Entschuldigung gefordert haben, weil sie ihre Kinder einsperre. Wieder ging es um das, was die Deutschen sollen, was fehlt: Lehrer, deutsche Kinder, Sprachkurse, ein Betreuer für jede Familie, Jugendeinrichtungen. Die sodann von Amts wegen vorgetragene lange Liste von vorhandenen Freizeit- und Sporteinrichtungen und ungenutzten Sprachkursen beeindruckte wenig. Ein Vater von elf Kindern (von zweien wusste er, in welche Schule sie gehen) schwadronierte lange über den Segen, den so große Familien bedeuten. Die Richterin nickte freundlich. „Sie sind unsere Zukunft, aber Sie müssen helfen, dass Ihre Kinder etwas lernen!“ Die arabischen Frauen nickten, blieben still, doch hörten sie der Dolmetscherin aufmerksam zu.

Kirsten Heisigs Ziel ist ein Risikokonzept. Vom Kindergarten über die Schulen, die Jugendämter, die Polizei bis zu den Juristen sollen alle endlich gemeinsam und rechtzeitig handeln, dem Kindeswohl Priorität einräumen, statt endlos über Geld, Datenschutz und eifersüchtig gehütete Zuständigkeitsgrenzen zu räsonieren. Denn wenn diese Jungen bei ihr landeten, versichert sie ihren zahlreichen Kritikern, so oft es nur geht, sei es fast schon zu spät. Wie bei Kaan, der kein Einzelfall ist.

Quelle: F.A.Z.
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Regina Mönch
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