Haitis blutige Gegenwart

Karneval des Todes

Von Hans Christoph Buch
28.02.2020
, 14:13
Proteste in Port-au-Prince gegen die hohe Arbeitslosigkeit in Haiti eskalieren immer wieder.
Seit Monaten eskalieren Proteste und Demonstrationen in Haiti. Das Land, das sich weder von der Duvalier-Diktatur in den siebziger und achtziger Jahren noch von dem Erdbeben im Jahr 2010 erholen konnte, steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Ein Gastbeitrag.
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Die Kreuzfahrtschiffe machen einen großen Bogen um Haiti, seit die einstige „Perle der Karibik“ über eine „Albtraum-Republik“ (Graham Greene) zum „shit hole country“ (Donald Trump) degenerierte. Blutiger Karneval ist dort keine gewagte Metapher, sondern Alltagswirklichkeit, weil im Gedränge der Straßenfeste offene Rechnungen beglichen werden – Alkohol, Trommeln und Tanz tragen das Ihrige dazu bei, und ein Messer im Rücken fällt im Tohuwabohu nicht auf. Das war immer schon so, aber was derzeit passiert, übertrifft selbst das Jahr 1964, als der Diktator „Papa Doc“ Duvalier eine von der Organisation Amerikanischer Staaten entsandte Menschenrechtsdelegation brüskierte, indem er das Volk auf blutbesudelten Straßen Karneval feiern und sich zum Präsidenten auf Lebenszeit proklamieren ließ. Schlimmer geht’s wohl nicht. Oder doch?

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Heute steht Haiti am Rand eines Bürgerkriegs. Das Land wird seit Monaten von einer Welle, nein, einem Tsunami eskalierender Proteste und Demonstrationen heimgesucht, begleitet von Plünderungen, Morden, Entführungen und Barrikaden aus brennenden Autoreifen, die das Geschäfts- und Kulturleben lahmlegen, Schulen wie Universitäten zur Schließung zwingen. Ein Ende der Ausschreitungen auf der nach oben offenen Richterskala von Terror und Gegenterror ist nicht in Sicht, im Gegenteil, die Gewaltspirale dreht sich immer schneller, und Haiti geht den Bach herunter.

Dieses Land hat sich bis heute nicht von den Folgen des katastrophalen Erdbebens mit 230.000 Toten vom Januar 2010 und der darauffolgenden Cholera-Epidemie erholt. Es ist ein Land, in dem Tuberkulose und Aids endemisch sind, die Arbeitslosigkeit so hoch ist wie die Analphabetenrate (geschätzte sechzig Prozent), der Mindeststundenlohn von drei Dollar meist unterschritten wird und die Mehrheit der Menschen von einer Mahlzeit am Tag lebt, weil die abgeholzten Berge und das vermüllte Meer die Bewohner des Inselstaats nicht mehr ernähren können.

Was geschah nach der Duvalier-Diktatur?

Was ist hier passiert? Bei seiner Flucht ins vergoldete Exil hinterließ Baby Doc, der Sohn des Despoten Papa Doc, 1986 einen gescheiterten Staat, die kritische Aufarbeitung der Duvalier-Diktatur blieb aus, rechte Militärregimes wirtschafteten Haiti noch weiter herunter, der linke Hoffnungsträger Jean-Bertrand Aristide erwies sich als unfähig oder Scharlatan, und sein Nachfolger René Préval tat sich durch Nichtstun hervor. Der Rocksänger Michel Martelly alias Sweet Mickey öffnete als Präsident der Korruption Tür und Tor, und unter dem von der Opposition nicht anerkannten gegenwärtigen Staatschef Jovenel Moise, genannt „nèg banan“, weil er Bananenexporteur war, wurde die Kleptomanie zur Kleptokratie.

Seitdem geht die Bevölkerung fast täglich gegen die Regierung auf die Straße. Sie verlangt ultimativ Moises Rücktritt und Rechenschaft über den sogenannten Petro-Caribe-Skandal, in dem Millionen von Venezuela gespendeter Petrodollars in dunklen Kanälen versickerten. Dass Milliarden nach dem Erdbeben von Geberländern versprochene Hilfsgelder nicht in den Wiederaufbau flossen und die Bedürftigen nie erreichten, wundert kaum jemanden mehr.

Die Frage aber, ob das Krebsgeschwür der Korruption durch Neuwahlen zu beseitigen sei, stößt auf Kopfschütteln oder Skepsis: Die amtierende Regierung, meinen viele Haitianer, habe sich immerhin die Taschen schon gefüllt, eine neue würde damit nur wieder von vorne anfangen.

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Doch der Volkszorn kochte über, als die für den diesjährigen Karneval aufgebauten Tribünen, Stände und aufwendig geschmückten Wagen am Vorabend des Festzugs in Flammen aufgingen und so das Volk seines letzten Vergnügens beraubten. Streikende Polizisten und Soldaten, die seit Monaten auf die Auszahlung ihrer Löhne warten, reihten sich in einen Protestzug ein und lieferten sich im Zentrum von Port-au-Prince ein stundenlanges Feuergefecht mit Drogengangstern, die, fest etabliert in den Slums, die Brände gelegt hatten und auch hinter zahlreichen Entführungen und Morden stecken sollen. Niemand hat die Toten und Verwundeten gezählt, die dabei vor dem Präsidentenpalast zurückblieben, der nach wie vor in Trümmern liegt – ein Mahnmal für den aus dem Freiheitskampf der Sklaven hervorgegangenen gescheiterten Staat.

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Hans Christoph Buch ist Schriftsteller. Zuletzt publizierte er den Essayband „Tunnel über der Spree“ bei der FVA.

Quelle: F.A.Z.
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