Keine rechte Erinnerung

Wem gehört Walter Benjamin?

Von Simon Strauss
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 12:47
Der linke Benjamin: 1934 beim Schachspielen mit Bertolt Brecht
In Frankreich bezieht sich ein rechtspopulistischer Bürgermeister positiv auf Walter Benjamin. Die Berliner Akademie der Künste sieht darin eine zweite Schändung seines Namens.

Die Akademie der Künste in Berlin muss aufpassen, dass sie nicht zu einer geschlossenen Anstalt des oberflächlich dahinmeinenden Zeitgeistes wird. Schon vor einigen Monaten wurde dort mit fadenscheiniger Begründung eine Veranstaltung zum Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und dem jüdischen Historiker Joseph Wulf abgesagt. Man fürchtete sich wohl zu sehr vor dem Karma des deutschen Reizschriftstellers, als dass man daran gedacht hätte, dass man auch den Mann an Jüngers Seite, einen zu Lebzeiten von der akademischen Welt missachteten Auschwitz-Überlebenden, der sich 1974 aus seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg in den Tod stürzte, zur Unperson erklärte.

Jetzt ist die Akademie mit einem Schreiben an die Öffentlichkeit gegangen, in dem sie gegen die Vereinnahmung von Walter Benjamin durch die französische Rechte protestiert. Hintergrund ist ein memorialpolitischer Streit, der in Frankreich entbrannt war, nachdem der rechtspopulistische Politiker Louis Aliot, ehemaliger Lebensgefährte von Marine Le Pen, nach seiner Wahl zum Bürgermeister in Perpignan angekündigt hatte, das brachliegende „Centre d’Art Contemporain Walter Benjamin“ als Erinnerungsort für Flucht und Vertreibung neu zu eröffnen und sich damit positiv auf jenen Philosophen zu beziehen, der sich im nahen Grenzort Portbou in der Nacht auf den 27.September 1940 beim Versuch, über die Pyrenäen nach Spanien zu gelangen, das Leben nahm.

Einen Moment bitte

Namhafte französische Intellektuelle wie Étienne Balibar und Jean-Luc Nancy plädierten daraufhin mit dem landesüblichen Pathos dafür, Benjamin „vor den Händen all jener zu schützen, welche die Geschichte noch einmal mit der Tinte der Unterdrücker von gestern umschreiben, während sie heute Ausländer und Migranten mit allen Mitteln stigmatisieren“. Daran schließt die Berliner Akademie, in deren Obhut ein Großteil von Benjamins Nachlass liegt, jetzt an und setzt rhetorisch noch eins drauf: „Wir können nicht zulassen, dass das Gedächtnis an Walter Benjamin nachträglich instrumentalisiert wird, um rechte Politik zu legitimieren“, so die Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel, „das kommt einer neuen Schändung und Verfolgung seiner Person gleich.“ Einen Moment bitte, wie war das? „Das kommt einer neuen Schändung und Verfolgung seiner Person gleich.“ Dass ein wahrscheinlich sehr unangenehmer, aber eben demokratisch gewählter Politiker neurechter Gesinnung den Namen Walter Benjamin für ehrenwert hält, ist also vergleichbar mit der grausamen Vernichtungspolitik, vor der Benjamin floh.

Geht’s noch? Würde sich eine Akademie-Präsidentin in anderem Zusammenhang so eine Geschmacklosigkeit leisten, würde ihr Rücktritt gefordert. Hier aber werden die meisten Empfänger des Schreibens die Sache überfliegend abtun und davon überzeugt sein, es diene ja einer guten Sache, sei irgendwie gegen rechts und damit sowieso gerechtfertigt. Ist es aber nicht. Wer hat denn welches Recht, sich an wen wie zu erinnern? Bei Carl Schmitt zum Beispiel ist die Lage unübersichtlich geworden, links wie rechts bezieht man sich inzwischen affirmativ auf ihn. Gramsci, ehemals Symbolfigur der kritischen Linken, wird wegen seines Hegemoniebegriffs seit längerem auch gern auf gegenüberliegender Seite zitiert. Ebenso wie Chantal Mouffe, die belgische Politikwissenschaftlerin, deren Aufruf zum antagonistischen Widerspruch auch immer mehr Neurechte folgen können.

Kein sanfter Fortschritts-Sturm

Es zeichnet, so könnte man eben auch sagen, Denker gerade aus, dass man sie nicht eindeutig politisch zurechnen kann, sondern ihnen eine im besten Sinne integrative Kraft zugesteht, die politisches Denken aus unterschiedlichen Lagern an sich bindet. So übrigens auch im Falle des „linken“ Walter Benjamin, dessen Rezension von Max Kommerells „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“ oder Essay zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ weit in konservative Geisteszirkel hinein Anerkennung genießen. Und auch, dass der Fortschritts-sturm, von dem er in der neunten These des berühmten Aufsatzes über den Begriff der Geschichte spricht, ein rundweg sanfter wäre, wird man nicht ohne weiteres sagen können. Dass die Akademie einen Absatz nach dem Schändungsvergleich auf ihre eigenen Archiv-Meriten und eine Gesamtausgabe verweist, die sie ermöglicht, wirkt wie Schleichwerbung. Den politischen Kampf sollte man dort führen, wo die Schlacht geschlagen wird, nämlich bei der Frage, was in dem Zentrum in Perpignan eigentlich stattfinden soll. Nicht, dass ein nach Benjamin benanntes Haus vom politischen Gegner neu eröffnet wird, sondern was der dort in seinem Namen veranstaltet, muss unter Beobachtung stehen.

Quelle: F.A.Z.
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