Weibliche Vorbilder

Älterwerden kann man nicht mit jedem

Von Tobias Rüther
03.01.2018
, 13:50
Steffi Graf statt Boris Becker, Joni Mitchell statt Morrissey: Wie es ist, als Mann nur noch weibliche Vorbilder zu haben. Und was das mit dem Älterwerden zu tun hat.

So wird man groß und sucht sich seinen Weg: indem man sich, zum Beispiel, Bilder an die Wand hängt. Wie Markierungen, die einem die Richtung anzeigen. Bilder von Leuten, die man bewundert oder anhimmelt, denen man nacheifert, die jedenfalls irgendwie repräsentativ sind für das Bild, das man selbst eines Tages von sich abgeben will. Man schneidet sich da etwas aus der großen Welt heraus und hängt es in seine kleine hinein, damit es sich zu einer einzigen Welt zusammenfügt, hoffentlich.

Im Laufe der Jahre tauscht man diese Bilder dann aus. Manche bleiben, andere verschwinden, ernstere Gesichter kommen dazu, auch die von älteren, von Schriftstellern, Künstlern, von Leuten, die sich was gedacht haben, nicht mehr nur von Typen, die Umhängekeyboards tragen oder Frisuren auf dem Kopf, die man sich selbst nie trauen würde.

So wird man groß und löst sich irgendwann vielleicht vom Anhimmeln, wird systematischer und analytischer in der Bewunderung, lässt sich weniger hinreißen, achtet mehr auf Stil. Aber diese Bewunderung für das Talent und die Erfolge anderer Leute, welche man früh gespürt hat, ist solch eine Lebenskraft – ganz auf sie zu verzichten würde bedeuten, einen Teil von sich selbst aufzugeben.

Hier hängen: ein schwarzweißes Bild von Joan Didion, barfuß vor Schreibmaschine in einem weichen Kleid. Und eine stilisierte Illustration von Joni Mitchell an der Gitarre, unverkennbar ihr langes Haar. Und ein Magazin-Foto von Steffi Graf, strahlend, in Turnschuhen und T-Shirt auf einem Longboard. Hier hängen zwar immer noch auch Steve McQueen und Tintin, aber das ist mehr historisch, Erinnerungen an eine Überidentifikation. Die drei Frauen jedoch wurden, jede für sich, wichtiger, je weniger wichtig die anderen Männer wurden, die da auch mal hingen: der Popkünstler Morrissey zum Beispiel. Oder der Tennisspieler Boris Becker.

Beide Retter einer Jugend, die ohne sie ganz anders verlaufen wäre. Beide zeigten es der Welt, und das ist extrem inspirierend für pubertierende ungeküsste Jungs: zu erkennen, dass man Erfolg haben kann, auch wenn man nicht nach den Regeln der anderen spielt – weil man zu schlau und empfindsam ist oder zu jung für das, was man will. Der eine kultivierte Rebellion, der andere Unverstandensein, beide machten alles anders. Sie waren antiautoritär, der eine mit Worten, der andere mit seinem Körper. Der eine warf sich singend in die Brust oder mit Gladiolen um sich, der andere sich selbst mit dem Schläger auf den Platz. Vorgesehen war dieser Style in beiden Welten nicht, in denen sie Karriere machten: Pop war bis Morrissey ziemlich chauvinistisch, Tennis bis Becker ziemlich elitär. Das war elektrisierend. Und Außenseitertum ist immer verführerisch, gerade für männliche Teenager.

Vielleicht muss man an dieser Stelle kurz Folgendes festhalten: Selbst der pickligste pubertierende Junge wird im Reservoir der Weltkulturgeschichte Vorbilder finden für seine Außenseiterrolle. Ob in Büchern, in Filmen, in Liedern, auf Bildern: Den einsamen, unverstandenen, aufrechten jungen Mann als Held der Geschichte gibt es so oft, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Es war deswegen immer leicht für einen pubertierenden Jungen, Vorbilder zu finden, an denen er sich aufrichten kann. Dass aber auch das ein Privileg ist, welches seine gleichaltrigen Klassenkameradinnen nicht in dem Ausmaß genießen können, weil Emilia Galotti eben nicht Don Karlos ist, fällt dem pubertierenden Jungen erst mal nicht auf. Weil er sich für das unprivilegierteste Wesen der Welt hält.

Dass hier kein Becker und kein Morrissey mehr hängen, aber Mitchell und Graf, muss mit dem Älterwerden zu tun haben. Also mit dem Älterwerden von Morrissey und Becker einerseits und andererseits auch mit dem eigenen. Denn die Bewunderung für große Leute verändert sich, sobald man auf eigenen Füßen steht. Weil man irgendwann beginnt, die Erfolge dieser Leute auch ins Verhältnis zu setzen zu der Haltung, mit der sie diese Erfolge erzielt haben. Waren sie integer? Leidenschaftlich? Genau? Was haben sie nicht geopfert, was schon? War die Rebellion nur Pose?

Und die Antworten darauf dann daran misst, wie man sich selbst so schlägt, in dieser Welt der Erwachsenen mit ihren Regeln und Konflikten und den Wettbewerben um Status und Bedeutsamkeit und Ruhm. Die Idee eines reinen Kunst- oder Sportgenusses ist ja gut und schön, aber letztlich eine Illusion, weil man sich ja doch immer mit den Leuten hinter den Liedern oder den Fünf-Satz-Siegen beschäftigt. Und identifiziert. Und sich fragt, wie sie werden konnten, was sie wurden, und was man davon lernen kann. Wenn man älter wird, interessiert man sich automatisch für das Älterwerden anderer Leute.

Und da hatte dann Becker irgendwann einfach verloren. Auch wenn man alles verstehen will und seine privaten Eskapaden gegen das Glück seiner Heldentaten rechnen mochte: das eine Spiel gegen McEnroe 1987, das andere gegen Agassi 1995. Auch wenn er einem leid tut, diese Geldgeschichten jetzt, sein geschundener Körper, die verdammte „Bild“ immer im Nacken. Beckers Selbstbeschreibung, er sei der siebzehnjährigste Leimener aller Zeiten gewesen, umschreibt perfekt das Verhältnis dieses Jungen zu der Öffentlichkeit, vor deren Augen er groß wurde und die nie lockerließ. Aber auch Steffi Graf war mal die siebzehnjährigste Brühlerin aller Zeiten, 1987, als sie ihr erstes Grand-Slam-Turnier gewann. Das war in Paris, wo sie 1999 dann auch das letzte gewann, gegen Martina Hingis, nur Tage vor ihrem dreißigsten Geburtstag. Und wo sie sich freute und herumhüpfte wie eine Teenagerin – wenn Steffi Graf sich als Teenagerin denn so ausgelassen gefreut hätte.

Damals hatte sie das aber nicht, im Gegenteil, Steffi Graf wirkte immer ernst. Den Druck jener Jahre und der immensen Erfolge, auch die Erfahrungen des Steuerskandals um ihren Vater hat sie auf staunenswerte Weise in Würde verwandeln können. Sie ist, wie Becker, von den Boulevardmedien niemals verschont worden. Aber anders als Becker sucht sie den Boulevard heute nicht selbst. Oder tritt in beknackten Gameshows auf. Auch die Avancen, als Trainerin wieder ins Business zurückzukehren, hat sie bislang ausgeschlagen. Wenn Steffi Graf sich heute in Deutschland zeigt, und das ist selten genug, stecken meistens Sponsorentermine dahinter. Und wenn sie sich mal äußert, über ihre jungen Kolleginnen wie Angelique Kerber zum Beispiel, tut sie das mit Respekt und zurückhaltender Intelligenz. Sportler verlieren unweigerlich an Bedeutung, wenn sie nicht mehr auf den Platz gehen und siegen – Steffi Graf dagegen hat sich rar gemacht und damit ihre Bedeutung nur noch steigern können. Es wirkt, als ruhe sie seit langem in sich, nach Jahren, in denen sie gehetzt wurde, sicherlich auch von dem eigenen Ehrgeiz, und kaum zur Ruhe kam.

Diese Souveränität aber ist kein Zufall. Es ist die Souveränität der skeptischen Selbstreflexion und der Skrupel. Und diese Selbstreflexion und der Skrupel sind zwar keine weiblichen Charaktereigenschaften, aber man findet sie oft gerade bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und die es geschafft haben, dort weiter stehen bleiben zu dürfen und nicht abgeschoben zu werden, sobald sie älter wurden. Frauen wie Meryl Streep, Senta Berger, Joni Mitchell – oder wie Joan Didion, die ihre ganze Karriere auf skrupulöse Selbstreflexion aufgebaut hat: Alles, was sie in ihren Texten und Büchern beschrieb, hatte immer mit ihr zu tun, die Verhältnisse spiegelten sich immer im Verhältnis, das sie selbst zu diesen Verhältnissen hatte, und immer ging es um Verlust und Mangel und Abschied von etwas, das andere, Vorfahren, zum Beispiel, oder Männer, in vollen Zügen genießen konnten und können.

Vielleicht ist das mit der Souveränität der Selbstreflexion unter Frauen deswegen so, weil all diese Frauen früh gelernt haben, sich selbst von außen zu betrachten. Und das mussten sie lernen, weil die Blicke der Öffentlichkeit anders auf ihnen ruhen als auf Männern, die älter werden. (Wer dazu Empirie will, soll das Alter von Moderatorinnen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zählen und es dann mit dem ihrer männlichen Kollegen vergleichen.)

Die Sängerin Joni Mitchell begann ihre Karriere in den sechziger Jahren, als junge Frauen im Pop entweder Musen waren oder Staffage – mit einer Künstlerin wie ihr hatte keiner gerechnet, die ihr Privatleben dem Werk unterordnete (und ihr Baby zur Adoption freigab), was zwar ungefähr jeder halbdebile Rockgitarrist seit 1967 gemacht hat, bei Mitchell aber auffiel, weil Frauen, Mütter, so was ja eben nicht tun. Hier die Rollenerwartung, dort der Drang nach künstlerischer Verwirklichung: Da war immer ein Riss in der Selbstgewissheit, die Mitchell errang und die aus ihren Liedern spricht.

Es gibt eine Szene im Managerroman „Johann Holtrop“ von Rainald Goetz, wo ein betagter Seniorchef auf einer Veranstaltung seiner Firma irritiert-beleidigt um sich schaut, weil keiner auf das reagiert hat, was er soeben gesagt hatte, der Seniorchef aber von Alters her gewohnt ist, dass alle immer gleich springen, sobald er nur den Mund auftut.

Die Erschütterung jener Selbstgewissheit, die einem Privilegien wie Chefsein oder Mannsein verleihen, schlägt häufig in Beleidigtsein um, man kann das gut bei Morrissey beobachten, dem offensichtlich missfällt, dass ihn die Leute (und dieser Autor hier) nicht mehr wie früher für das Orakel von Manchester halten – eine Skepsis, auf die Morrissey seit langem mit immer schrilleren Tönen reagiert, Töne, die ihm dann aber genau jene Aufmerksamkeit schenken, an die er sich seit seiner Wunderkindjugend gewöhnt hatte. Worauf Morrissey sich aber trotzdem wieder beschwert, weil er sich missverstanden fühlt. Es ist also die falsche Aufmerksamkeit. Und so geht das immer weiter und dreht sich – um gar nichts.

Man konnte wirklich hervorragend jung sein mit Morrissey, weil dessen wehleidiger Trotz gut zum eigenen von damals passte. Älterwerden aber geht nur schwer mit ihm, weil im Verhältnis von Fan und Star immer nur einer der Star ist, der andere muss halt seine Affekte im Alltag kontrollieren und kann nicht in der Schlange beim Metzger herumbrüllen, warum er nicht als Erstes bedient wird.

Vielleicht liegt es auch daran, dass man, je älter man wird, keine Vorbilder mehr sucht, sondern eher Gesprächspartner, jedenfalls einen anderen Ernst. Und außerdem gehört zum Älterwerden auch dazu, dass man weiß, dass man nicht mehr Peter Parker (oder Morrissey oder Boris Becker) wird, aber vielleicht ein ganz vernünftiger Mensch, der sich selbst anschaut und an den Grenzen misst, die ihm gesetzt werden. Frauen wie Joan Didion, Joni Mitchell und Steffi Graf haben früh gelernt, mit Grenzen zu leben, die sie nicht selbst gesetzt haben. Umso dringender will man dann hören, wie sie sich über sie hinweggesetzt haben. Man könnte ja noch was lernen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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