Kolumne „Echtzeit“

Beim Zahnarzt

Von Karen Krüger
06.08.2022
, 16:23
Raum für Bilder im Kopf: Beim Zahnarzt schaut man früher oder später immer an die Decke – jeder sieht dort etwas anderes.
In einem Haus, in dem früher Gastarbeiter unter schwierigen Bedingungen lebten, ist jetzt die selbstbewusste Praxis eines syrischen Zahnarztes. Ein Besuch mit Erinnerungen.
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Das Dorf, in dem meine Mutter lebt, liegt am Rhein, der hier die Grenze zur Schweiz markiert. Es gibt dort einen syrischen Zahnarzt. Zu ihm gehen Schweizer, Dorfbewohner und manchmal auch ich. Die Praxis ist in einem schönen klassizistischen Gebäude untergebracht, das Altes Zollhaus genannt wird. Als ich ein Kind war, war die Zollstelle längst woanders, das Gebäude verrottet, der Putz kaputt, viele Fenster vernagelt. Zwischen den hübschen Eigenheimen und Vorgärten war es ein Schandfleck, von dem die Dorfbewohner den Blick abwandten. Sie schauten rüber zur Post, wo der Postbeamte, Mitglied in mehreren Vereinen, Pakete annahm und Briefmarken verkaufte. Daneben war eine Niederlassung von Quelle und der Gasthof Zum Ochsen – nur ihn gibt es dort noch. Im Dorf blieb man gerne unter sich. Allein nicht dessen Dialekt zu sprechen genügte, um nicht ohne Weiteres akzeptiert zu werden. Noch schwieriger war es für die sogenannten Gastarbeiter, die im Zollhaus lebten. Für die sei der alte Schuppen gerade gut genug, sagten manche. Kaum jemand hatte zu den Bewohnern Kontakt.

Unter ihnen war auch Mariella. Sie wohnte nicht genau dort, wo jetzt die Praxis ist, sondern im linken Flügel im zweiten Stock. Ich lernte sie kennen, weil ihre Eltern oberhalb unseres Hauses ein Stück Wiese gepachtet hatten. Im Frühsommer waren sie plötzlich da, mit Auto, Hacke und Spaten und hatten in Windeseile einen kleinen Garten angelegt: Herr Chiarelli, ein agiler Mann mit schwarzem Haarkranz, der meistens T-Shirts mit Knopfleiste und Kragen trug, und seine Frau, eine Süditalienerin mit starken Oberarmen. Mariella war sieben Jahre alt und trug Goldohrringe mit roten Herzchen, die bei jeder Bewegung hin und her schaukelten. Herr Chiarelli arbeitete im Chemiewerk. Er hatte gerade seine Familie nachgeholt. Mariella sprach noch kein Deutsch und blieb lange stumm. Wenn ihre Eltern im Garten waren, spielten wir miteinander. Wenn sie später bei uns klingelten, um Mariella abzuholen, schenkten sie uns oft einen Salat.

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Der Zoo aus Wasserflecken an der Decke

Nach den Ferien kam Mariella in meine Klasse. Als sie Geburtstag feierte, betrat ich erstmals das Zollhaus. Die Treppe war schlecht ausgebessert. Mariella öffnete im Rüschenkleid einer Prinzessin, das gar nicht zu diesem kaputten Schloss passte. Oder vielleicht gerade. Chiarellis hatten ihre Bleibe, so gut es geht, hergerichtet, wie bei einer alten Puppe die Arme und Beine eingerenkt, die zerrauften Haare frisiert, Vorhänge vor die Fenster gehängt, durch die man laut die Durchgangsstraße hörte, Bilder an die Wände genagelt und Möbel aufgestellt, die nicht zueinander passten und offenbar von anderen weggeworfen worden waren. Am Tisch saßen schon andere Kinder aus dem Dorf. Frau Chiarelli hatte gebacken; wundervolle, dick mit Sahne gefüllte Windbeutel. Wir Kinder saßen da, aßen und warfen uns Blicke zu. Ein solches Zuhause hatten wir noch nie gesehen. Als ich zur Toilette musste, traute ich mich erst nicht. Das fensterlose Klo im Treppenhaus wurde von allen Bewohnern des Flügels benutzt.

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Nach dem Kuchenessen spielten wir. Wir legten uns auf den Boden, schauten an die Decke und stellten uns die Umrisse der Flecken und Risse als Tiere vor. Mariella hatte das offenbar schon oft gespielt – sie entwarf einen ganzen Zoo für uns, und immer wenn ich jetzt im Zollhaus bin, kommt er mir wieder in den Sinn. Ich liege im Behandlungsstuhl und schaue wieder an die Decke. Vierzig Jahre später ist sie weiß und glatt, nirgendwo ein Tier zu sehen.

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Verseuchte Erde im Garten

Ich habe meinen Zahnarzt nie gefragt, ob er die Geschichte seiner schicken und hellen Praxisräume kennt. Er eröffnete sie 2016. Das Zollhaus war da schon lange saniert und viel passiert in den Jahren davor. Der Nachbar, auf dessen Wiese die Chiarellis Tomaten und Salat angebaut hatten, wollte die Italiener dort nicht mehr. Herr Chiarelli fand Ersatz direkt gegenüber seiner Arbeitsstelle, dem Chemiewerk. Die Zollhausbewohner mussten ausziehen, ein Investor hatte das Gebäude gekauft. Schon ein Jahr später war es kaum wiederzuerkennen. Im Erdgeschoss eröffnete ein Supermarkt, später eine mexikanische Tapas-Bar. Was danach geschah, weiß ich nicht, da ich von dort wegging. Später hörte ich, auch Mariella lebe jetzt woanders und sei Friseurin geworden. Ihre Mutter starb an Krebs. Es wurde gemutmaßt, der Auslöser sei der stark belastete Boden ihres Gartens vor der Fabrik gewesen. Das Gemüse hätte die Schadstoffe in sich aufgenommen und Frau Chiarelli vergiftet. Womöglich stimmte das sogar. Als das Chemiewerk stillgelegt wurde, musste erst verseuchtes Erdreich abgetragen werden, bevor dort ein sogenannter Dienstleistungspark entstand. Ein Freund erzählte, alle Kollegen aus der Schicht seines Vaters, der wie Herr Chiarelli in der Fabrik gearbeitet hatte, starben an Krebs.

„So, alles wieder sauber.“ Der Behandlungsstuhl surrt, richtet meinen Rücken wieder auf, und die Decke entschwindet dem Blick. Die Zahnarzthelferin spricht Deutsch und Kurdisch. Auch Türkisch, Arabisch, Hebräisch; Spanisch, Griechisch und Italienisch hört man im Praxisteam. Es besteht eigentlich nur aus Zugewanderten. Sie retten Zähne an einem Ort, der früher der „Unort“ des Dorfes war, den man Ausländern aber zumutete. Ich frage mich, ob jene, die das damals geschehen ließen und jetzt ins Zollhaus kommen, damit ihr Lächeln verschönert wird, manchmal darüber nachdenken. So oder so sorgt die selbstbewusste Praxis des syrischen Zahnarztes im Dorf für gute Veränderungen.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
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