Kriminalität und Hirnforschung

Raus aus dem Richter-, rein in den Neuro-Staat!

Von Christian Geyer
08.01.2008
, 17:50
Einsperren allein aufgrund einer Hirndiagnose? So ließe sich der Diskurs auf die Spitze treiben
Hirnforscher behaupten, kriminelles Potential diagnostisch erkennen zu können. Eine interessante Position in der aktuellen Standortdebatte: Wo soll Deutschlands Zukunft verteidigt werden - am Hindukusch, in der U-Bahn oder unter der Schädeldecke?
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Möge bitte niemand glauben, der unerschrockene Gedankenaustausch über die Jugendkriminalität käme auf Dauer ohne die Hirnforschung aus! Verknüpft man den jederzeit ausbaufähigen Gedanken der Prävention mit der neurowissenschaftlichen These vom „geborenen Verbrecher“, dann kommt man zu überraschend sauberen Schlussfolgerungen.

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Axel Boetticher, Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, macht darauf in der neuen Ausgabe von „Psychologie heute“ aufmerksam. Er stellt sich probeweise den Forderungen namhafter Hirnforscher, die die Abschaffung des Schuldstrafrechts fordern zugunsten einer präventiven Sicherheitsverwahrung für Menschen mit kriminologisch auffälligem Hirn. Was ist mit einem kriminologisch auffälligen Gehirn gemeint? Wie soll man es erkennen können? Und vor allem: Was soll aus einem solchen Hirn, das man für kriminologisch auffällig hält, rechtstechnisch folgen?

Warum nicht einen Neuro-Wahlkampf führen?

Richter Boetticher erklärt, worum es geht. „Einige Neurowissenschaftler behaupten, sie wüssten aufgrund der von ,neuroimaging' sichtbar gemachten Hirnanomalien, dass es anlagebedingt chronische Gewalttäter gebe. Deren körperliche Bedingungen seien bereits vorgeburtlich so schlecht, dass schon deshalb von ihnen eine Kriminalitätsgefahr ausgehe und sie eventuell auf Dauer verwahrt werden müssten.“ Gut vorstellbar, dass sich hier für Wahlkämpfer eine attraktive Position auftut. Warum nicht zur Eliminierung der menschlichen Bosheit einen Neuro-Wahlkampf führen, welcher sich als besonders wirklichkeitsnah und mutig ausgeben könnte?

Gerade jetzt, da die Wahlkämpfer von den Praktikern aus Richterbund und Anwaltsverein mit nüchternen empirischen Erkenntnissen blamiert und bloßgestellt werden (siehe auch: Richter und Anwälte: Strafrecht ausreichend), könnten die Politiker als ultima ratio Beistand bei der Hirnforschung suchen. So ließen sich all die lästigen Fachleute aus Justiz und Polizei vom Halse halten, welche versichern, eine Verschärfung des Strafrechts sei überflüssig, sofern man das bestehende nur anwende und, vor allem, für die entsprechende personelle Ausstattung sorge. Warum nicht beispielsweise den Bielefelder Hirnforscher Hans Markowitsch zu einer Wahlkampfparty nach Wiesbaden oder Hannover einladen? Er könnte dort auf einer Bühne Jugendliche unterm Hirnscanner untersuchen und, je nachdem, wie der bunte Bildbefund ausfällt, aus wissenschaftlichen Gründen die einen in die Freiheit entlassen, die anderen der präventiven Maßregel übergeben. Feixen auf dem Marktplatz.

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Ein Hirnforscher warb schon für die Abschaffung des Richterstands

Richter Boetticher verweist auf die Geschlossenheit dieses Denkansatzes, eine Geschlossenheit, die den Gedanken der Besserung von Straftätern naturgemäß ausschließe: „Sollten die Hirnforscher recht haben mit ihrer Annahme, dass menschliche Handlungen vom limbischen System gesteuerte Naturgeschehen sind, deren Abläufe bereits vor der Geburt determiniert sind, und sich bei Gewalttätern die Veränderungen im Gehirn schon früh herausbilden, dann ist das ein solch geschlossenes System, an das man mit therapeutischen Mitteln von außen kaum herankommen kann.“ Im politischen Diskurs der Härte könnte nächstens eine Vision heranschweben, die Boetticher so beschreibt: „Es ist eine unglaubliche Vorstellung, aus präventiven Gründen flächendeckend die Gehirne von Kindern und Jugendlichen zu scannen, so wie manche Neurowissenschaftler sich das ausmalen.“

Kein Problem mit solchen Vorstellungen hat etwa der erwähnte Hirnforscher Markowitsch. In einem Streitgespräch mit Jan Philipp Reemtsma warb er letztes Jahr im „Spiegel“ für die Abschaffung des Richterstands. „In der Praxis“, so Markowitsch, „erlebe ich häufig, dass Richter dem Gutachter folgen. Wenn man das weiterdenkt, könnte herauskommen, dass man das Gericht eigentlich nicht mehr braucht. Gutachter würden auch reichen. Noch sind es Richter, die entscheiden. Aber muss das zwangsläufig für die Ewigkeit so sein?“ Raus aus dem Richterstaat, rein in den Neuro-Staat! Wenn man das weiterdenkt, ließen sich Kriminelle allein aufgrund einer Hirndiagnose einsperren - noch dazu, bevor sie straffällig werden. Ein Traum würde wahr: Deutschland wäre sicher! Markowitsch weist den Weg: „Die Hirnforschung könnte das Rechtssystem insgesamt auf ein objektiveres Fundament stellen. Ein wissenschaftlich fundiertes Maßnahmerecht wäre das Ziel.“

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Wir wollen den demokratietheoretischen Fragenkomplex hier nicht übergehen. Wir fragen: Warum wird Markowitsch in den Talk-Runden zum Jugendstrafrecht totgeschwiegen? Ist der mutige Hirnforscher aus Bielefeld nicht eingeladen worden? Oder hat er gar Redeverbot von seinem Chef erhalten? Darf man in Deutschland seine Meinung nicht mehr sagen? Ist unsere Demokratie in Gefahr? Wie es aussieht, stecken wir mitten in einer Standortdebatte: Wo soll Deutschlands Zukunft verteidigt werden - am Hindukusch, in der U-Bahn oder unter der Schädeldecke?

Quelle: F.A.Z., 09.01.2008, Nr. 7 / Seite 29
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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