FAZ plus ArtikelKultur in der Krise

Diese bigotten Sonntagsredner

Von Gert Heidenreich
27.02.2021
, 14:58
Ohne rot zu werden, begründet die Politik das Recht auf Haarschnitt mit der Würde des Menschen – und vergisst, wo diese Würde seit jeher wachgehalten wird. Gönnerhaft wird die Kultur weggetröstet. Ein Wutausbruch.

Kultur, bemerkte Friedrich Dürrenmatt, sei die Petersilie auf dem Karpfen. Natürlich meinte der klügste Kopf der Schweiz das als ironische Sottise auf das Kulturverständnis seiner Zeitgenossen. Er wusste, dass Kultur etwas anderes ist als Garnitur auf Futter. Kultur ist die Erbmasse der Zivilgesellschaft, sie ist ihre DNA. Ohne sie kann die Barbarei frei wuchern. Dass Kultur derzeit Verschluss-Sache ist, scheint in der politischen Klasse niemanden zu beunruhigen. Aus den Hallen der Entscheider hören wir ebenso ignorante wie bornierte Phrasen, wenn es darum geht, sich als Freund und Wahrer der Kultur zu gerieren.

Kommen Herr Altmaier oder Herr Söder, pars pro toto, am Ausklang ihrer jeweiligen Corona-Suada noch auf den Appendix Kultur zu sprechen, stellt sich reflexartig der gönnerhafte Tonfall ein, mit dem man ein krankes Kind tröstet, ihm das Köpfchen streichelt und verspricht, dass alles wieder gut wird. Man habe die Kultur nicht vergessen, man stehe an ihrer Seite, wirklich, sie sei wichtig, bereichernd, aber ja, wir lassen euch nicht allein.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen.

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

F.A.Z. PLUS:

  Sonntagszeitung plus

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot