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Landleben

Komm! ins Offene, Freund!

Von Jochen Hieber
 - 13:51
Der Hoherodskopf ist mit 764 Metern (und hinter dem Taufstein, 773 m) die zweithöchste Erhebung im Vogelsberg. An seinen Hängen ziehen Schafherden dahin.

Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Anders lässt es sich nicht erklären, dass alle Leute immer noch am Gegensatz zwischen Stadt und Land, Metropole und Dorf festhalten. Denn dieser Gegensatz existiert gar nicht mehr, jedenfalls in entwickelten Gesellschaften nicht. Dort sind Stadt und Land längst Komplementärformen der Existenz - wofür man sich entscheidet, hängt zuallererst von lebenspraktischen Erwägungen, oft auch von professionellen Notwendigkeiten ab, die durch individuelle oder familiäre Prägung, durch aktuelle Präferenzen oder kulturelle Vorlieben lediglich mitbestimmt werden.

Neu ist der Befund nicht. Bereits in Meyers Konversations-Lexikon von 1897 heißt es im Eintrag zu „Dorf“ gleich zu Beginn: „Jene Unterschiede nämlich, welche früher zwischen Stadt und D. bestanden, sind mit der Befreiung des Bauernstandes und mit der Gewerbefreiheit hinweggefallen (s. Bauer).“ Und weiter: „Die Verschiedenheiten in der Beschäftigung der Dorf- und Stadtbewohner, wo sie überhaupt noch vorhanden sind, sind thatsächlicher, nicht rechtlicher Natur.“ Der Eintrag zu „Stadt“ lautet entsprechend: „Verschiedene Merkmale, welche früher für den Unterschied zwischen S. und Dorf oder zwischen Stadt- und Landgemeinde von Bedeutung waren, sind jetzt nicht mehr.“

„I don't want to be a Landei / Ich bin geboren für die Stadt“

Dass der Gegensatz auch weit mehr als hundert Jahre danach und allen inzwischen weiter gewachsenen Konvergenzen zum Trotz noch virulent ist, muss also sozialpsychologische Gründe haben oder als eine Art ideologisches Gewohnheitsrecht gelten. „I don’t want to be a Landei / Ich bin geboren für die Stadt“ singt und spielt die Augsburger Indie-Pop-Gruppe Anajo seit Jahr und Tag. Das hindert Hunderttausende ähnlich gesinnter Stadtpflanzen Wochenende für Wochenende nicht daran, „im Auto über Land“ zu fahren, wie es Erich Kästner bereits in seiner „Lyrischen Hausapotheke“ von 1936 empfahl. Dort werden dann Wander-, Rad- und Reitwege übervölkert und die Tiere in Wald und Flur aufgeschreckt.

Außer Dauerregen oder Winterwetter hindert die Stadtpflanzen auch nichts daran, mit ihren Motorrädern im ländlichen Raum jene Lärmhölle noch unerträglicher zu machen, als sie es zumindest an jedem Samstag durch die Kettensägen, Rasenmäher, Betonmischer und das übrige Baugerät der dort Eingeborenen oder Angesiedelten eh schon ist.

Umgekehrt fluten wochentags die Pendlermassen in die Stadt, verstopfen dabei morgens wie abends Autobahnen, Landstraßen, Nah- und (längst auch) Fernzüge, S-Bahn, U-Bahn und Bus. Sie verdanken Arbeit wie Einkommen den urbanen Möglichkeiten, zahlen ihre Steuern aber an der Peripherie oder in der tiefen Provinz. Entfernung vom Wohnort und Mobilität im Alltag stellen für Landbewohner kein gravierendes Problem mehr dar. Quantitativ ist die bäuerliche Erwerbstätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten erheblich zurückgegangen - die Erträge der Agrarwirtschaft keineswegs -, in gleichem Maß hat sich das Landleben darüber verbürgerlicht.

Was als macht Landleben heute aus?

In vielen gesellschaftlich wichtigen Bereichen verhalten sich Stadt und Land zueinander nach dem Prinzip kommunizierender Röhren. Die Stadt braucht Energie, das Land liefert sie zunehmend signifikanter durch Windkraft und Stromtrassen. Die tendenzielle Verschandelung der Landschaft, die vielerorts zu höchst konkreten Konflikten führt, wird in etwa kompensiert durch die Jobmaschine Stadt, die den ländlichen Arbeitsmarkt entlastet.

Das Land bietet preiswerteres Wohnen, niedrigere Kriminalitätsraten und auch deshalb eine höhere Zufriedenheit seiner Bewohner. Die Stadt sichert kürzere Wege, niedrigere Mobilitätskosten und ein umfassenderes soziales wie kulturelles Angebot. Demographie- und Integrationsprobleme treffen, unabhängig von der Geographie, ohnehin die ganze Gesellschaft, wenn auch nicht überall in gleicher Weise.

Was also macht Landeleben heute aus? Eine im Vergleich zur Stadt sehr andere Einstellung zum täglich erfahrenen Raum und zur konkreten Zeit. Ein anderes, durch die äußeren Umstände bedingtes Sozialverhalten. Ein von den realen Verhältnissen befördertes Lebensgefühl und, daraus resultierend, ein eben doch sehr grundständig differentes Seinsempfinden.

Der in Freiburg lehrende, im gut dreißig Kilometer nördlich gelegenen Breisgau-Dorf Broggingen lebende Philosoph Andreas Urs Sommer hat es, absichtsvoll untertreibend, jüngst so formuliert: „Die Stadt ist eine Lebensform für Unentschlossene. Sie bietet Tausende von Möglichkeiten. Sie können sich treiben lassen. Auf dem Dorf müssen Sie sich festlegen. Das Netz der möglichen Beziehungen ist beschränkt - und der Zwang, sich zu entscheiden, hat etwas sehr Positives.“

Ein Erfolgsmodell europäischer Vielfalt

So etwas wie der Vernunftprophet des Ländlichen ist gegenwärtig Gerhard Henkel, Geographie-Emeritus der Gesamthochschule Essen und seit eh und je im ostwestfälischen Fürstenberg (2500 Seelen) zu Hause. Sein Haupt- und Lebenswerk heißt: „Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute“ (F.A.Z. vom 25. Juni 2012: Die Rezension steht nicht online). Was das Heute anbelangt, ist Henkel an Euphorie schwer zu übertreffen. Er lobt - die alten Sozialzwänge gibt es nicht mehr - die jetzt eben freiwillige Gemeinschaftlichkeit auf dem Land, die „Anpack-Kultur“ und die wechselseitige Hilfe auf der Basis einstiger Naturalwirtschaft, also „mit Gütern und Dienstleistungen“. Und er promoviert das Dorf schließlich gar „zum Erfolgsmodell europäischer Vielfalt“.

Ein paar Nummern kleiner geht es auch. Die Individualisierung des Dorflebens hat selbstverständlich Schattenseiten - Eigennutz und mangelnde Verlässlichkeit etwa. Die relativ erschwinglichen Eigenheime in den von den Kommunen üppig bereitgestellten Neubaugebieten führen zu zersiedelter Landschaft und lassen alte Ortskerne veröden.

Für junge Leute ist es nicht sonderlich ersprießlich, auf dem Land zu wohnen: kaum was los. Und das Wegziehen in die ungleich agilere Stadt führt dazu, dass gemeinsames Handeln nur zu oft an personelle Grenzen stößt: Nachwuchssorgen also von der freiwilligen Feuerwehr über den Gesangverein bis zu den Kirchenvorständen und den unteren Ligen von Hand- und Fußball.

Bewusst auf dem Land, bewusst im kleinen Dorf zu leben ist gewiss spät-, genauer: restromantisch. Jede Vogelstimmenwanderung belehrt darüber, wie viele gefiederte Herolde der Romantik inzwischen verschwunden oder höchst gefährdet sind: Steinhuhn, Haubenlerche und Kornweihe etwa. Jede Naturschutzgruppe beklagt die Folgen der Agrarindustrie - von Überdüngung bis Massentierhaltung. Die Restromantik findet also auch in der Restnatur statt und damit in der Kulisse eines landschaftlichen Halbidylls.

Friedrich Hölderlins vollendetes Elegie-Fragment „Der Gang aufs Land“ (siehe unten) intoniert mit freudigstem Anruf: „Komm! ins Offene, Freund!“, um dann sogleich das Widerstrebende klagend zu benennen - die Enge des Himmels und den Druck der bleiernen Zeit. Die neuerliche Bewegung hin zur Apotheose der Offenheit, des offenen Blicks und des offenen Geistes lassen sich die Verse dennoch nicht mehr nehmen: Im „sonnigen Duft“ und in den „Feiertagen des Frühlings“ endet, was sich Hölderlin an vorläufig fertiger Handschrift erlaubt. Und die Freude, die sich dabei erlaubt, liegt eben jenseits der Stadt und jenseits der Stube dort.

Friedrich Hölderlin: Der Gang aufs Land

An Landauer


Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht vom Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
Wert der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.


Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
Immer einige noch, ehe der Sommer ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög’ ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch tun,
Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan.


Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
Aufgegangen das Tal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
Freier Autor im Feuilleton.
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