FAZ plus ArtikelSlimani über Cancel Culture

Aufruf zum Verbrechen

Von Leïla Slimani
10.09.2021
, 18:04
Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani bei der Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin im September 2021
Die wahre Cancel Culture ist die, die darin besteht, das Kulturerbe Aleppos in Schutt und Asche zu legen oder auf Menschen zu schießen, weil sie in Paris tanzen. Sie löscht Sprachen, Religionen und Gemeinschaften aus.
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Meine Damen, ich möchte Sie dazu ermu­tigen, einen Mord zu begehen. Sie brauchen dafür keine ausgefeilten Waffen. Nehmen Sie, was Sie gerade zur Hand haben. Ihre Tasche, einen spitzen Stift, einen Regenschirm oder ein paar Steine von der Straße. Ein Buch tut es auch. Frauen, die lesen, seien gefährlich, sagt man: höchste Zeit, es zu beweisen. Sie kennen das Opfer gut. Es lebt schon lange mit Ihnen zusammen. Hat Sie in schlaflosen Nächten verfolgt. Keine Angst, meine Herren, Sie sind nicht der Nabel der Welt, und es geht hier ausnahmsweise einmal nicht um Sie. Bleiben Sie bei uns, Sie haben nichts zu befürchten und könnten sogar zu Komplizen dieses Mordes werden.

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Das Opfer kommt zu uns aus grauer Vorzeit. Sie ist ein Gespenst, das umgeht, ein Trugbild, das uns verzehrt, ein Mythos, der uns im Weg steht. Sie ist schön, sie ist liebreizend. Sie hat, wie in jeder Kindergeschichte, eine glockenhelle Stimme und einen Kussmund. Sie ist, um es mit Virginia Woolf zu sagen: „ungeheuer verständnisvoll, absolut bezaubernd, vollkommen selbstlos“; „eine Meisterin in der schwierigen Kunst des Familienlebens“. Meine Damen, ich fordere Sie auf, eine Unschuldige zu töten, einen Engel zu erlegen. Man wird Ihnen keine mildernden Umstände gewähren, denn das Verbrechen, zu dem ich Sie anstifte, ist unrecht und verachtenswert. Wie Germaine de Staël schrieb, findet die Frau als Engel des Hauses ihre Bestimmung, da „die Natur vorsah, dass die Gaben einer Frau dem Glück anderer dienen und ihr selbst wenig nützen sollen“.

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Die marokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani veröffentlichte zuletzt ihren Roman „Das Land der anderen“ (Luchterhand). Der Text ist die leicht gekürzte Eröffnungs­rede des Internationalen Literaturfestivals Berlin, die sie am 8. September 2021 im silent green gehalten hat.

Quelle: F.A.S.
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