RAF-Tondokumente aus Stammheim

Signale, die damals niemand verstand

Von Lorenz Jäger
01.08.2007
, 06:13
Am Ende stand sie allein: Ulrike Meinhof auf einem frühen Fahndungsfoto
Der Bruch in der RAF datiert auf den 4. Mai 1976: Vier Tage vor dem Tod Ulrike Meinhofs zeigen neu entdeckte Prozessmitschnitte den Graben zwischen ihr und den Mithäftlingen Baader und Ensslin. Von Lorenz Jäger.
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Otto Schily hatte am 4. Mai 1976 als Verteidiger von Gudrun Ensslin die Ladung eines prominenten Zeugen beantragt. Nach Stuttgart-Stammheim kommen sollte der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Richard Nixon. Und nicht nur er, sondern auch der frühere Verteidigungsminister Melvin Laird und der frühere Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Vietnam, General Abrams.

„Diese Zeugen“, so hieß es in dem Antrag, „werden bekunden, dass sie, in der Absicht, das vietnamesische Volk ganz oder zumindest teilweise zu zerstören, vorsätzlich Vietnamesen in großer Zahl getötet haben.“ Ein anderer der RAF-Anwälte erklärte ergänzend, die Aussagen dieser Zeugen seien von zentraler Bedeutung: „Ihre Würdigung wird ergeben, dass danach die Rechtsfrage entscheidungserheblich sein kann, ob seinerzeitige Gewaltanwendungen gegen bestimmte militärische Einrichtungen der USA auf dem Territorium der Bundesrepublik, so Bombenanschläge auf die US-Stützpunkte in Frankfurt und Heidelberg, berechtigt waren.“

Der SWR legt eine ganz falsche Spur

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Denn, so die Verteidigung weiter, die militärischen Operationen in Vietnam seien unter anderem von amerikanischen Militäreinrichtungen in Deutschland geplant worden. Zu diesem Antrag spricht Andreas Baader noch am gleichen Tag. Der Prozess war in ein Stadium getreten, in dem die Angeklagten sich erstmals zu ihrer „Verantwortung und Verantwortlichkeit“, wie Baader sagt, äußerten. Aber: „Sie haben ignoriert, was wir hier zwei Tage lang vorgetragen haben.“ Es folgt eine kurze Provokation an die Adresse des Vorsitzenden Richters Prinzing: „Hören Sie doch mal auf zu grinsen.“

Dann spricht Baader zu den Anträgen der Verteidigung. Diese seien zwar in sich „hilflos“ angesichts des, wie die RAF glaubte, schon feststehenden Prozessverlaufs, dennoch aber sinnvoll – und deshalb legt der SWR-Titel des Tondokuments „Baader gegen Ladung Nixons als Zeuge“, das neben anderen als „Tondokumente von den RAF-Prozessen” auf SWR2.de im Internet erreichbar ist, eine ganz falsche Spur, die das Verständnis der Sache erschwert. Denn was am 4. Mai auf dem Spiel stand, das war die künftige Linie der Verteidigung und damit, wie sich zeigte, der Bruch mit Ulrike Meinhof.

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Damit war Ulrike Meinhof desavouiert

Auch Gudrun Ensslin sprach am 4. Mai 1976 über die Verantwortung der RAF. Sie bedauerte einzig das „Missverhältnis zwischen unserem Kopf und unseren Händen und den B 52“ – also den gegen Nordvietnam eingesetzten Bombenflugzeugen. Sie bekannte sich zur Gesamtverantwortung der Angeklagten für die Attentate auf das Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte in Frankfurt und auf die Kaserne in Heidelberg – aber sie distanzierte sich von einem anderen Anschlag: dem auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlags in Hamburg. Verantwortlich für diesen hatte das „Kommando 2. Juni“ gezeichnet, und das bestand aus Ulrike Meinhof und deren näherem Umfeld. Siebzehn Verlagsmitarbeiter waren dabei verletzt worden.

Das war nun – auch – ein erheblicher Schaden für das Selbstbild der Terroristen, und so erklärte Gudrun Ensslin, man sei, als Gesamt-RAF, „sicher auch verantwortlich für Aktionen von Kommandos, deren Konzeption wir nicht zustimmen und deren Ablauf wir ablehnen“. Damit war Ulrike Meinhof desavouiert. Denn dieser Anschlag war in der gerade vorgetragenen Verteidigungsstrategie nicht unterzubringen, ja er sabotierte diese Linie noch nachträglich. Meinhofs Aktion war zur Gefahr für die Stammheimer geworden, wenn sie sich, mit Otto Schily, „politisch“ verteidigen wollten.

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In der RAF war kein Platz mehr für sie

Nicht auf der Internetseite des SWR zu hören ist die Erklärung von Ulrike Meinhof, die sie kurz vor ihrem Tod in Stammheim abgab. Am Montag brachten sie die „Tagesthemen“. Und da vernahm man auch das Eingeständnis eines Zerwürfnisses in der RAF, ja offenbar einen Hilferuf, den das Gericht indes nicht verstand. Sie definierte die immer wieder in der linksradikalen Propaganda angesprochene „Folter“, der sie ausgesetzt sei, nun neu und ganz anders als bisher.

„Folter“ sei es, dass einem Menschen, der sich von seinen früheren Positionen gelöst habe, nur der Ausweg des Verrats bleibe, der – das hört man zwischen den Zeilen – für sie ungangbar war. Erkennbar sprach hier eine Verzweifelte, und man wundert sich, wie wenig die Psychologen, über die der Verfassungsschutz doch verfügen musste, die Signale zu deuten verstanden. Wenige Tage später fand man Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle, und die RAF begann mit der Propagandathese vom „staatlichen Mord“. Die antifaschistische Legende ließ ebenfalls nicht auf sich warten: Die Tote war am Morgen des 9. Mai gefunden worden, der Tod war aber vor Mitternacht, am schicksalhaften 8. Mai eingetreten. Die schlichte Wahrheit indes ist, dass in der RAF kein Platz mehr für Ulrike Meinhof war.

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Freier Autor im Feuilleton.
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