Literatur und Wetter

Wenn die Erde kein sicherer Ort mehr ist

Von Novina Göhlsdorf
22.10.2021
, 08:38
Diagramm der Meteorologie von 1846, gezeichnet und gestochen von John Emslie, mit verschiedenen atmosphärischen Erscheinungen und deren Auswirkungen.
Smalltalkthema und Stimmungsrequisite: Was weiß die Literatur vom Wetter, was die Meteorologie nicht weiß? Ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Michael Gamper.
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Mark Twain kündigt am Anfang von „The American Claimant“ von 1892 an, dies werde der erste Roman überhaupt sein ohne Wetterdarstellung – was dann doch nicht gelingt. Gibt es erzählende Literatur ohne mindestens eine Erwähnung des Wetters?

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Denkbar wäre das schon. Aber tatsächlich ist es für Literatur, die im weitesten Sinne einer realistischen Tradition angehört, schwierig, das Wetter ganz auszulassen. Denn wir glauben, ihm immer ausgesetzt zu sein, und es ist ein zunehmend trivialisiertes Gesprächsthema geworden. Über das Wetter zu reden steht ja für die nichtssagende Alltagsunterhaltung schlechthin. Wetter ist allgegenwärtig in unserer Welt und unseren Gesprächen. Das macht es zu einem der prominentesten Gegenstände der Literatur – und zu einem der unbedeutendsten zugleich.

Unbedeutend inwiefern?

Protagonist oder bedeutungstragendes Element ist das Wetter ja eher selten. Gängig ist, es als Teil von Schauplatzschilderungen, als Hintergrundmotiv, Stimmungsrequisite oder belanglosen Gesprächsgegenstand auftreten zu lassen. Damit bildet es meist bloß den Umstand des sonstigen Geschehens. Doch Wetter kann auch unscheinbar bedeutsame erzählerische Funktionen übernehmen, etwa als Spiegel der Seele, wie es seit der Romantik üblich geworden ist. Oder sehr offensichtlich, wenn ein Gewitter die Handlung in neue Bahnen lenkt.

Wie kamen Sie als Literaturwissenschaftler aufs Wetter?

Länger schon interessiere ich mich dafür, wie Literatur mit Lücken im wissenschaftlichen Wissen umgeht, mit unsicherem Wissen, Nichtwissen. Dabei stieß ich auf eine Fülle literarischer Texte, die ein Wissen vom Wetter zum Thema machen. Natürlich gibt es auch literarische Wetterdarstellungen, die unabhängig sind von Entwicklungen der Meteorologie – bei Shakespeare etwa ist das Wetter oft ein Motiv von großer Symbolkraft. Mich aber hat vor allem fasziniert, wie Literatur sich, seitdem die Meteorologie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine wichtige Naturwissenschaft wurde, zunehmend auf sie bezogen hat. Ich wollte herausfinden, wie Literatur auf die Wissenschaft vom Wetter reagiert, was sie dieser auch entgegensetzt.

Was setzt sie ihr denn entgegen?

Sie kann ein eigenes Wissen vom Wetter hervorbringen, indem sie Bezug auf – wissenschaftliches und nichtwissenschaftliches – Wetterwissen außerhalb der Literatur nimmt. Oder indem sie anspricht, was anderswo nicht erfasst wird, beispielsweise soziale und individuelle Effekte des Wetters. Das nenne ich „literarische Meteorologie“. Die findet sich bereits eher unauffällig in Gedichten von Friedrich Gottlieb Klopstock oder dann sehr prominent bei Goethe, der sich seit seinen frühen Hymnen mit dem Wetter auseinandergesetzt hat, später ja auch selbst me­teorologisch geforscht und publiziert hat und als Minister ein Messnetzwerk für Wetterdaten in Sachsen-Weimar-Ei­senach hat ausbauen lassen.

Michael Gamper ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2016 „Der große Mann. Geschichte eines politischen Phantasmas“ im Wallstein Verlag. 2021 hat er zusammen mit Urs Büttner „Verfahren literarischer Wetterdarstellung. Meteopoetik – literarische Meteorologie – Meteopoetologie“ im De Gruyter Verlag herausgegeben.
Michael Gamper ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2016 „Der große Mann. Geschichte eines politischen Phantasmas“ im Wallstein Verlag. 2021 hat er zusammen mit Urs Büttner „Verfahren literarischer Wetterdarstellung. Meteopoetik – literarische Meteorologie – Meteopoetologie“ im De Gruyter Verlag herausgegeben. Bild: privat

Wie sieht literarische Meteorologie in Texten aus?

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In Adalbert Stifters „Das Heidedorf“ von 1840 etwa fällt ganz unerklärlich der Regen aus, droht die Ernte zu verderben, obwohl es in der Erzählung nach damals gültigen meteorologischen Annahmen sichere Zeichen für Regen gibt. Stifter entwickelt seine Geschichten, indem er unwahrscheinliches Wetter eintreten lässt und zeitgenössisches meteorologisches Wissen unterläuft. In „Katzensilber“ von 1853, einer Art frühen ökologischen Erzählung, inszeniert er ein schweres Hagelgewitter im Spätherbst entgegen jeder Wetterregel und spielt dessen gesellschaftliche und persönliche Folgen durch. In „Bergkristall“ (1845/53) schneit es heftig, obwohl die scheinbar wetterkundigen Figuren sich gewiss sind, dass kein Schnee kommen wird.

Was weiß die Literatur hier vom Wetter, was sonst nicht gewusst werden kann?

Sie weiß zunächst, dass in Wetterdingen nie alles gewusst werden kann. Und sie holt die Erfahrung der sinnlichen Materialität des Wetters zurück: Der Schnee deckt die Landschaft zu und verunmöglicht jede Orientierung. Und wenn die darin sich verirrenden Kinder fast erfrieren, verhandelt das eine Gesellschaft, die sich schon eingerichtet hat in der vermeintlichen Gewissheit, Wetterregeln zu kennen und die Härten des Wetters umgehen zu können – und darin scheitert. Stifter entwirft soziale Szenarien und zeigt, dass Wetterstörungen Gemeinschaften erschüttern und nachhaltig zu verändern vermögen. Und er verweist darauf, wie das menschliche Verhältnis zur Natur pro­blematisch geworden ist oder – Mitte des 19. Jahrhunderts – gerade problematisch wird.

Tiefgreifende Störungen, die gesellschaftliche Sollbruchstellen offenlegen: „Sturm und Regen an der norwegischen Küste“ von Sixt Thon, 1849.
Tiefgreifende Störungen, die gesellschaftliche Sollbruchstellen offenlegen: „Sturm und Regen an der norwegischen Küste“ von Sixt Thon, 1849. Bild: picture alliance / akg-images

Die Literatur legt also offen, wie ex­treme Störungen des Wetters extreme gesellschaftliche Störungen verursachen können?

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Das ist das vielleicht Interessanteste an der literarischen Meteorologie: Sie beschreibt nicht nur sogenannte Sollbruchstörungen, also das, was immer mal wieder passiert und uns beeinträchtigt. Wetterstörung ist ja heute ein alltäglicher Begriff, und einen „normalen“ Regen können wir gut verkraften, ihn dank Wetter-Apps fast auf die Minute vorhersehen. Es gibt aber auch Wetterstörungen – man kann sie Anpassungsstörungen nennen –, die sich zwar verarbeiten lassen, das Soziale dabei aber verändern, weil dessen Infrastruktur und Routine angegriffen werden und neu aufgestellt werden müssen. Das gilt etwa für den Starkregen dieses Jahr in Westdeutschland. Literatur kann solche tiefgreifenden Störungen reflektieren. Darüber hinaus kann das Wetter auch die literarische Sprache selbst irritieren oder formen. Das wäre eine weitere Funktion des Wetters in der Literatur.

Wird dann der Text selbst betroffen vom Wetter?

In gewisser Weise ja. Das Wetter wird formbildend für das Schreiben, und mit ihm entstehen neue Darstellungsweisen. Klopstock etwa hat versucht, die feinen Abstufungen des Luftzugs sprachlich zu realisieren, was seine Poetik der freien Rhythmen bestimmt hat. Baudelaire schreibt davon, wie er schreibend in seinem Zimmer eine eigene Atmosphäre erschafft, vergleichbar der Witterung draußen – eine Schreibszene autonomer Dichtung. Ein jüngeres Beispiel wäre Jenny Offills Roman „Wetter“. Ben Lerner hat ja gesagt, ihr Buch versetze uns in die Lage, das emotionale und politische Wetter unserer Gegenwart zu beschreiben.

Damit wäre das Wetter dann wieder Sinnbild für anderes?

Da wird es jedenfalls zu einem Modell dafür, wie anscheinend unfassbare Stimmungen und kleine Ereignisse unsere Gesellschaft prägen. Offill hat den Roman aber zugleich auf sehr besondere Weise verfasst, ich bezeichne das als Felderprosa: kurze Textstücke, bei denen nicht immer klar ist, in welchem Zusammenhang sie stehen. Damit nimmt sie die Entstehungs- und Erscheinungsweise des Wetters auf. Das besteht ja aus sehr vielen einzelnen Elementen, die nur im komplexen Zusammenwirken als Wettergeschehen verständlich werden, doch oft auch unverstanden bleiben. Es wird zur Aufgabe der Leser, dieses Zusammenwirken wahrzunehmen – und die Felder als „Wetter“ zu begreifen.

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Und Offill findet eine Form für die Unbeständigkeit des Wetters.

Ja, schon bei Klopstocks Gedichten oder in Goethes Wolkentagebüchern geht es wesentlich um die Darstellbarkeit des Flüchtigen. Wetterbeschreibungen sind bis in die Gegenwartslyrik eine große Herausforderung, weil eine Sprache für das gefunden werden muss, für das wir zunächst keine haben.

Was weiß die Wissenschaft vom Wetter – die Meteorologie – nicht vom Wetter?

Die Meteorologie war immer eine Wissenschaft, die ihre Lücken, ihr eigenes Nichtwissen, sehr offen eingestanden hat. Schon in der Antike galt sie als Wissen, für das mathematische Exaktheit unmöglich ist, weil die Bewegungen meteorologischer Elemente unregelmäßig seien. Diese Haltung hat die Beschäftigung mit dem Wetter lang dominiert. Im 17. Jahrhundert begann man dann, Wetter empirisch und experimentalwissenschaftlich zu untersuchen. Das intensivierte sich Ende des 18. Jahrhunderts mit Versuchen, Wetterzusammenhänge zu modellieren. Doch auch die hier entstehende moderne Meteorologie wird immer wieder darauf zurückgeworfen, dass diese Zusammenhänge nicht lokal beobachtbar oder experimentell überprüfbar sind. Im 19. Jahrhundert erkennt man: Die Verschiebungen und Interaktionen, die das Wetter bestimmen, erstrecken sich über den ganzen Erdball. Meteorologie ist daher die erste globalisierte Wissenschaft, für die eine weltumspannende Betrachtung nötig ist. Aber sie bleibt von der Einsicht begleitet, wie weit sie anderen Naturwissenschaften in der Sicherheit ihrer Erkenntnisse unterliegt.

Die Darstellbarkeit des Flüchtigen: Goethe zeichnet einen Sturm im Gebirge über Nocera, 1787.
Die Darstellbarkeit des Flüchtigen: Goethe zeichnet einen Sturm im Gebirge über Nocera, 1787. Bild: picture-alliance

Dafür konnte sie aber ziemlich erfolgreich werden.

Ja, doch musste sie zwangsläufig auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Statistik ausweichen. Bis heute lassen sich nur wahrscheinliche, keine exakten Kenntnisse über das Wetter erringen. Natürlich haben sich Wahrscheinlichkeitskalküle und Modellierungsverfahren verbessert. In der Nachkriegszeit nahmen die Mengen an Messdaten und die Rechenkapazitäten zu, was relativ verlässliche Wetterprognosen und damit den Erfolg der Meteorologie ermöglicht hat.

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Die brisanten Spannungen der Meteorologie liegen also wesentlich in der Kluft zwischen dem Lokalen und dem Globalen?

Ja. Einerseits lässt sich Wissen vom Wetter nur durch möglichst weltweite Messungen erzeugen, was mit der Gründung meteorologischer Institute Mitte des 19. Jahrhunderts zur Sammlung verschiedenster Daten leichter wurde. Andererseits standen dahinter meist nationalstaatliche Interessen, der Nutzen für Schifffahrt oder Kriegsführung etwa. Dieses Spannungsverhältnis wirkt heute noch, auch im Wissen vom Klima. Klimawissenschaften, zu denen die Meteorologie ja aktuell auch gehört, sind angewiesen auf transnationale Zusammenarbeit. Doch werden da ja bekanntlich zahlreiche nationale und nationalistische Sonderwege gegangen.

In den letzten zwanzig Jahren wird der Klimawandel verstärkt literarisch verarbeitet. Was heißt das für Wetterdarstellungen?

Die sogenannte Climate Fiction – Cli-Fi – hat das Wetter wieder zu einem wichtigen literarischen Gegenstand gemacht. Historisch gesehen, würde ich behaupten, das Wetter wurde im 20. Jahrhundert mit den immer besseren Wetterprognosen als Thema undramatischer und auch für die Literatur uninteressanter. In der Nachkriegszeit erschienen viele Lyrikbände, die Wetter zwar im Titel tragen, es aber in den Texten kaum aufnehmen. Sie setzen sich mit Alltagserfahrungen auseinander, und Wetter steht dabei für eine solche und nicht für deren Unterbrechung. Das hat sich mit der Climate Fiction verändert, parallel zu den Erfahrungen der letzten Jahre. Wir lesen Wetterereignisse oft mit Blick auf die Klimaveränderung.

Und so lesen wir dann auch die Wetterereignisse in der Climate Fiction?

In der Tat. Während klimatische Veränderungen sinnlich kaum spürbar sind, sondern vor allem ein Phänomen der Statistik bleiben – etwa der Niederschlagsmengen und Temperaturschwankungen –, sind Extremwetter konkret erfahrbare Ereignisse. Im außerordentlichen Wetterereignis wird das Klima plötzlich manifest, also greift die Literatur darauf zurück, wie das Kino. Climate Fiction ist ja auch ein filmisches Genre, zumal Cli-Fi-Bücher häufig verfilmt werden. Wetter erhält hier neues Gewicht als Veranschaulichung eines Wandels, der eben bedeutet, dass wir es nicht mehr mit Schwankungen im Normalbereich zu tun haben.

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Gibt das der Literatur neuartiges politisches und gesellschaftliches Gewicht?

Ich glaube schon, dass Literatur hier auf neue Weise gesellschaftlich relevant wird, gerade auch weil sie durch verdichtete Erzählungen die Spannung zwischen dem Lokalen und dem Globalen überbrücken kann. Und weil sie verdeutlicht: Wetterkatastrophen und Klimakatastrophen sind keine Katastrophen für Wetter oder Klima, sondern für den Menschen und die Gesellschaft.

Was jedenfalls literarisch an Anziehung verloren hat: die Fantasie des allmächtig wettermachenden Menschen ebenso wie der ästhetische Genuss schauerlich-schrecklichen Wetters, wie er um 1800 möglich wurde, sobald das Wetter wissenschaftlich-technisch eingehegter schien.

Gerade in der Darstellung von Katastrophen reflektiert die Literatur schon seit geraumer Zeit die wachsende Macht des Menschen über die Natur, die er aber selbst nicht mehr kontrollieren kann. Der Mensch greift ins Wettergeschehen ein, doch die Veränderungen in der Atmosphäre sind Sekundärfolgen seiner Lebensweise, nichtbeabsichtigte Kollateralschäden, die in Wahrheit keine bloßen Kollateralschäden sind. Aktuell dominiert wieder das Bewusstsein, dass Wetter für uns unbeherrschbar ist. Kontrollerzählungen sind daher nicht attraktiv. Stattdessen zeigt Climate Fiction die menschliche Ohnmacht auf, den Entzug des sicheren Orts, der die Erde einmal gewesen war.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Göhlsdorf, Novina
Novina Göhlsdorf
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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