Serie „Mensch Merkel“

Ein hartes Stück, auch für den Zuhörer

Von Franz Welser-Möst
26.11.2021
, 13:35
Gern gesehene Gäste: Angela Merkel und Joachim Sauer kommen zur Bayreuther Eröffnung.
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Verschmitzt, schnell und klug: Angela Merkel interessiert sich nicht nur für klassische Musik, sie kennt sich wirklich aus. Für die Kunst war sie eine echte Schutzherrin.
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Angela Merkel besuchte in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin nicht nur die Bayreuther, sondern auch die Salzburger Festspiele, sooft sie nur konnte. Im Restaurant „Pfefferschiff“ in Salzburg traf ich sie zum ersten Mal, wenn man so sagen darf, privat. Clemens Hellsberg, der Vorstand der Wiener Philharmoniker, war dabei und weitere Kollegen aus dem Orchester waren es auch, insgesamt etwa zwölf Leute.

Wir haben sehr nett, doch eher oberflächlich miteinander geplaudert. Allerdings kam sie dann 2015 in Salzburg während der Pause vor dem dritten Akt des „Rosenkavaliers“ ins Zimmer der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, um mit mir recht detailliert über das Stück und die Besetzung zu reden. Sie befragte mich ganz gezielt zu einigen Sängern und überholte mich – wahnsinnig schnell, wie sie ist – während meines Nachdenkens noch mit ihren Antworten.

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Angela Merkel verblüffte mich mit Urteilen zu Sängerinnen und Sängern, zu deren Qualitätsverhältnis untereinander und deren Angemessenheit zur jeweiligen Rolle. Einschätzungen, die weit über bloße Geschmacksurteile hinausgingen. Sie wusste ziemlich genau, was die Partien fordern und was die Singenden im Einzelnen leisteten.

Vor drei Jahren traf ich sie dann erneut im Anschluss eines Konzerts, in dem das Vorspiel zu Richard Wagners „Parsifal“ ohne Unterbrechung in „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss übergegangen war, was weniger informierte Hörer zu Beschwerden verleiten sollte, es sei in der ersten Hälfte nur ein Stück gespielt worden. Nach der Pause hatte es die vierzehnte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch gegeben. Helga Rabl-Stadler hatte in ihrem Büro ein privates Abendessen organisiert.

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Der Bariton nuschelt

Angela Merkel saß mir gegenüber und unterhielt sich ausführlich mit mir über die vierzehnte Symphonie von Schostakowitsch, ein spätes Stück von ihm, das Dichtungen aus ganz Europa und verschiedensten Zeiten zum Thema Tod versammelt: sämtlich in russischer Sprache, auch bei den Versen von Federico García Lorca oder Rainer Maria Rilke. Ohne Herablassung oder Anmaßung merkte sie mit einem verschmitzten Lächeln, äußerst nett sogar, an, dass das Russisch des Baritons „etwas vernuschelt“ gewesen sei. Da wurde mir klar, dass sie weiß, wie diese Sprache zu sprechen sei, und dass sie sie offenbar auch sehr gut versteht. Dass ich, nach Absprache mit Markus Hinterhäuser, Wagners „Parsifal“-Vorspiel direkt in „Tod und Verklärung“ von Strauss hatte übergehen lassen (weil ich einen Applaus nach Wagner vermeiden wollte und die Stücke ohnehin das gleiche Tempo haben), war ihr nicht entgangen. Sie hatte alles genau bemerkt.

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Ich spüre als Dirigent schnell, was die Fragen, die mir jemand nach dem Konzert stellt, über das Verhältnis zur Musik bei den Fragenden verraten. Die Art, wie Angela Merkel mich fragte, ließ durchblicken, dass sie nicht nur Interesse für die Musik hat, sondern sich darin auskennt. Ihre Vorlieben liegen, meiner Vermutung nach, im romantischen Repertoire. Bei Wagner und Strauss ist sie wirklich zu Hause. Über die vierzehnte Symphonie von Schostakowitsch, die nicht allzu oft gespielt wird und von den Wiener Philharmonikern zuvor noch nie gespielt worden war (man steht bei der kleinen Besetzung recht schnell nackt und bloß da), meinte sie nur: „Das ist schon ein hartes Stück. Auch für den Zuhörer.“

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Musik ist für Angela Merkel offenbar so etwas wie ein Notausgang aus dem Alltag. Ich hatte bei dem Essen nach der Schostakowitsch-Symphonie völlig vermieden, mit ihr über Politik zu reden, weil mir klar war: Diese Frau will doch endlich einmal Ruhe davon haben. Doch irgendwer aus der Runde konnte sich nicht zurückhalten und fragte, wie es denn sei, wenn man auf Leute wie Trump, Erdogan und Putin treffe. Sie wischte schon das Aufkeimen eines solchen Gesprächsinteresses mit einer ebenso souveränen wie humorvollen Bemerkung vom Tisch, sodass wir wieder über Musik reden konnten.

Wenn Angela Merkel jetzt abtritt, gehen der Weltpolitik ein Ruhepol und ein echter Stabilitätsanker verloren. Ob man ihre Politik schätzt oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Man findet unter den Spitzenpolitikern niemanden, der so sehr bei sich und zugleich bei der Sache ist, wie sie es stets war. Den Künsten geht eine Schutzherrin verloren. Ich komme aus dem „Musikland Österreich“. Sebastian Kurz, der ohne Frage ein sehr begabter Politiker ist, hat sich für Musik nie wirklich interessiert, ganz anders als Wolfgang Schüssel. Bei Werner Faymann habe ich ein tieferes Interesse auch nicht bemerkt. Wenn aber von der Regierungsspitze nur Gleichgültigkeit oder ein großes Desinteresse ausgehen, dann verkommt Kunst zu einem bloßen Aufputz für Staatsbesuche. Das darf nicht sein.

Kunst muss Teil der gelebten Kultur eines Landes, in der Gesellschaft verankert sein. Wenn wir aber umgekehrt nur noch mit dem Alltag zu kämpfen haben und diese Zuflucht in die Gegenwelt der Kunst – wie ich das glaube, bei Angela Merkel bemerkt zu haben – nicht mehr kennen, dann wird das Leben ziemlich trostlos. Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“, dass Kunst nicht Gegenstand von Diskursen, sondern ein Freiraum zum Assoziieren und Durchatmen sei. Angela Merkel war eine Schutzherrin für die Kunst als ebendiesen Freiraum vor der dauerhaften Zumutung politischer Diskurse.

Franz Welser-Möst ist Chefdirigent des Cleveland Orchestra und regelmäßiger Gastdirigent bei den Salzburger Festspielen.

Quelle: F.A.Z.
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