Serie „Mensch Merkel“

Von der Sehnsucht, lächeln zu dürfen

Von Moritz Rinke
04.12.2021
, 15:23
Ein Lächeln für ein Lachen: Angela Merkel und Bastian Schweinsteiger am 6. Juni 2008 im Wiener Stadion.
Es begann mit weggeräumten Biergläsern und einem Lächeln: Wie ein Schriftsteller zum unautorisierten Ghostwriter der Kanzlerin wurde.
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Den nahenden Merkel-Tross sah ich schon aus den Augenwinkeln. Ich stand auf einem Fest in Berlin, im Januar 2007, mit Mario Adorf, der mein Hagen von Tronje bei den Nibelungenfestspielen gewesen war. Adorf war gerade dabei, mir eine Hagen-Szene so vorzuspielen, wie er sie inszeniert hätte, als der Merkel-Tross direkt hinter ihm zu stehen kam. „Siegfried, Siegfried, hör ich immer nur Siegfried?!“, deklamierte er, adorfhaft. „Die Bundeskanzlerin steht hinter dir!“, sagte ich, aber Adorf hörte schlecht, er deklamierte einfach weiter, bis Merkel ihm von hinten zart auf die Schulter tippte: „Guten Abend, Herr Adorf. Dürften wir ein Foto machen?“

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Adorf drehte sich um und erschrak. Der Stehtisch, an dem wir lehnten, war zugestellt mit Biergläsern und Currywurstschalen. Dieser Saustall, dachte ich, und steckte schnell die Finger in mehrere Biergläser, um sie wegzutragen. Adorf nahm schon routiniert die Fotoposition am Tisch ein, doch die Bundeskanzlerin sah mir die ganze Zeit aufmerksam dabei zu, wie ich die Wurstschalen stapelte und auch noch aus dem Bild trug. Als schließlich das Foto gemacht war, sagte sie zu Adorf irgendwie ganz sachlich: „Noch eine schöne Veranstaltung“, dann wandte sie sich zu mir: „Danke fürs Wegräumen, sehr aufmerksam.“ Mir schien, sie lächelte, sie strahlte sogar.

Bisher kannte ich nur Gerhard Schröder als Bundeskanzler, der wäre wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, sich fürs Wegräumen von unschön aussehenden Currywurstschalen zu bedanken. Sie hatte zwar Kohl, Schäuble, Merz, Koch oder Stoiber aus dem Weg geräumt, aber Merkel bedankte sich für die ganz kleinen Dinge – das beeindruckte mich.

Ein Lächeln und Strahlen

Einige Jahre später war ich dann nicht mehr ihr Kellner, sondern ihr Ghostwriter. Die Geschichte begann so: Ich beobachtete sie bei einem Fußball-EM-Spiel im Ernst-Happel-Stadion, wie sie sich auf der Tribüne angeregt mit dem rotgesperrten Bastian Schweinsteiger unterhielt, damals mit wasserstoffblond gefärbten Haaren. Und wieder sah ich dieses Lächeln und Strahlen. Merkel und Schweinsteiger unterhielten sich für die ganze Fernsehnation so inniglich, dass das Bundeskanzleramt sich am nächsten Tag offenbar genötigt fühlte, eine Erklärung zu verbreiten, „wie sehr die Bundeskanzlerin die offene und frische Art von Herrn Schweinsteiger schätzt“.

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Diese Erklärung war die Geburt für meine Serie von „Merkels Liebesbriefen an Schweinsteiger“. Da es ohnehin so schwer war, den Menschen Merkel durch seine politischen Reden und Äußerungen zu erkennen, dachte ich, man käme Angela Merkel vielleicht näher, wenn man sie sich als Briefeschreiberin vorstellen würde. Und ich stellte sie mir dabei als einen lächelnden Menschen vor.

Während der WM 2010 in Südafrika schrieb sie Schweinsteiger zu jedem Spiel, fachsimpelte über den Begriff des „Emotional Leaders“, verglich ihre Kanzlerschaft mit Schweinsteigers Spiel auf der zentralen Doppelsechs und das überlebenswichtige Spiel gegen Ghana mit der Bundesversammlung und möglichen Neuwahlen. Sie berichtete Schweinsteiger, wie sie mit dem Amt des Bundespräsidenten herumtrickste, um schließlich Christian Wulff, damals noch als ihr möglicher Nachfolger gehandelt, an Gauck vorbei ins Bellevue zu schieben und gleichzeitig noch der ambitionierten Ursula von der Leyen eins auszuwischen. Sie las auf dem G 20 in Toronto von Schweinsteigers muskulären Problemen, empfahl Hausmittelchen und legte ihrer Post einen „Migrationsbrief“ an Mesut Özil bei. Nach dem sensationellen Sieg gegen Argentinien, den sie live in Kapstadt miterlebt hatte, lief sie tatsächlich in die Umkleidekabine der Mannschaft, ohne Ankündigung, es gab damals sogar Ärger mit dem DFB, weil Merkel ihre unangekündigten Kabinenbesuche wiederholte, einige Spieler konnten sich beim zweiten Mal gerade noch mit einem Handtuch bedecken.

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Welterklärung mit Anstupsen

In meinen Briefen versuchte ich, das Bild einer natürlich durchsetzungsstarken Frau zu zeichnen, die zwar die zu Guttenbergs und Seehofers aus dem Weg räumt, bis nur noch Peter Altmaier übrig bleibt, die aber trotzdem dieses Hinwendungsvolle hat und den Blick für die kleinen, zarteren Details – wie zum Beispiel ihre Beobachtung, dass Schweinsteiger gegen Serbien offensichtlich mit einem bläulichen Preisschild am Trikot spielte. Irgendwann verglich sie ihn und sich mit Günter Netzer und Willy Brandt. Merkel war in meinen Briefen immer diese ambivalente Frau aus Macht und Durchsetzungskraft und einer Verspieltheit sowie Sehnsucht, auch einmal wie ein kleines Mädchen schwärmen und lächeln zu dürfen.

Einige Jahre später lernte ich sie in der Kantine des Deutschen Theaters etwas näher kennen. Es standen drei Rotweinflaschen auf dem Tisch. Sie erklärte mir einerseits die Welt und stieß mich immer wieder an den Arm, wie ein Anstupsen, so als wollte sie darauf hinweisen, dass auch eine Bundeskanzlerin höchstlebendig sei.

Später ließ ich sie hier in der F.A.Z. Briefe an Jogi Löw schreiben, das war zur EM im vergangenen Sommer. Es waren schon Abschiedsbriefe, für beide. Nach dem verlorenen Spiel gegen England schrieb sie: „Ich habe Fußball immer so geliebt, weil man gemeinsam stark ist. Weil man gemeinsam etwas will. Und weil man gemeinsam die Welt bewegt, anders als bei uns in der Politik, wo jeder nur die Welt für sich selbst bewegen will.“

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Moritz Rinke ist Dramatiker und Romancier, er lebt in Berlin.

Die bisherigen Folgen der Serie finden Sie unter www.faz.net/menschmerkel.

Quelle: F.A.Z.
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