FAZ plus Artikel#MeTwo-Debatte

Deutschland ist kein Einwanderungsland

Von Patrick Bahners
12.08.2018
, 10:27
Eröffnung der 2015 fertiggestellten Bait-ul-Wahid-Moschee der Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamad in Hanau
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#MeTwo hat gezeigt: Die führenden Politiker in diesem Land haben keine Vorstellung davon, wie Einwanderer leben. Die Regierenden flüchten sich in eine Dauerdebatte, die von Empirie und Selbstkritik nichts hören will.
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Das Plakat war eine der allerbesten Sachen von Klaus Staeck. Bundestagswahlkampf 1972. „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.“ Unten giftgelb ein brutalistisches Villenmonster, die Terrasse herrschaftlich vorkragend. Darüber der strahlende Azur mit dem Spruch. Die Anrede der deutschen Arbeiter in altdeutsch anmutender Druckschrift, die Warnung darunter kleiner und modern gesetzt.

Der typographische Einfall gab dem Witz den Schliff. Bündig aktualisierte Staeck einen Gemeinplatz linker politischer Soziologie. Die Parteien des Kapitals wollen mit ihrer Propaganda erreichen, dass die Arbeiter ihre Wahlentscheidung gegen ihr Klasseninteresse treffen. Als besonders wirkungsvoll erwies sich in der Vergangenheit der Appell an den Patriotismus, die Aufforderung, der fiktiven nationalen Solidarität vor der tatsächlichen Interessengemeinschaft gleicher materieller Verhältnisse den Vorzug zu geben. Sollte das Plakat den Zorn von Rentenbeitragszahlern, bei denen es nur zu einem Reihenhaus in Duisburg gereicht hatte, auf die wirklichen Besitzer von Zweitwohnsitzen im Tessin umlenken und die mobilen Reichen als die wahren vaterlandslosen Gesellen entlarven? Diese Lesart ist nicht zwingend. In der optimistischen Stimmung der frühen siebziger Jahre lag wohl eher ein utopisches Moment im Gedankenspiel einer deutschen Arbeiterkolonie im Tessin, ein Wörtlichnehmen des CDU-Wahlversprechens vom Wohlstand für alle.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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