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FAZ plus ArtikelDebatte um Historienfilm

Eine Geschichte von zwei Schlachten

Von Gina Thomas, London
 - 06:19

Mike Leighs Spielfilm über das sogenannte „Massaker von Peterloo“, uraufgeführt beim Festival in Venedig, gibt seinem Thema einen epischen Rahmen. Der Film beginnt auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Im Getümmel des endenden Gefechts fixiert die Kamera einen jungen Trompeter, der zwischen donnernden Hufschlägen, Pulverdampf und Geschrei noch einige verzweifelte Signale bläst, ohne zu begreifen, was um ihn herum geschieht. Die Kamera folgt dem traumatisierten Joshua, wie er mit einer Handvoll ähnlich zerschlissener Kameraden durch alle Wetter wandert, bis er endlich das heimische Manchester erreicht. In seinem kümmerlichen Elternhaus bricht er in den Armen der Mutter zusammen. Während der Soldat wie eine lebende Leiche über Stock und Stein strauchelt, kontrastiert Leigh Szenen aus dem Elendsviertel von Manchester mit Einblicken in das Zentrum der politischen Macht, wo die feinen Pinkel des Oberhauses den Sieger von Waterloo zum Zeichen der Dankbarkeit der Nation mit einer Schenkung von 750.000 Pfund bedenken – rund 65 Millionen Pfund nach heutigem Wert.

Ganz so wie hier dargestellt ist die Sache freilich nicht über die Bühne gegangen. Das Parlament hatte den als Arthur Wellesley in Dublin geborenen, 1809 zum Baron erhobenen General bereits im Jahr vor Waterloo mit dem Herzog-Titel und einer halben Million Pfund für den erfolgreichen Feldzug auf der Iberischen Halbinsel belohnt. Fünf Tage nach der endgültigen Niederlage Napoleons am 18. Juni 1815 stockte die Regierung Wellingtons Apanage um weitere 200.000 Pfund auf. Mit seinem Anteil am „Preisgeld“ von Waterloo, dem vier Jahre später unter den Heeren der Siegermächte verteilten Erlös aus dem Verkauf französischen Militärbesitzes, kommen die Vergütungen für den Herzog in etwa auf die genannten 750.000 Pfund. Auf der Leinwand werden die Beträge gebündelt in einem einzigen Antrag, den der Premierminister Lord Liverpool mit extravaganter adeliger Anmaßung einbringt. Es soll ja keinem Zuschauer die Enormität der Großzügigkeit der Granden für die Granden entgehen, gemessen an deren Gleichgültigkeit gegenüber der armseligen Arbeiterschaft.

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Quelle: F.A.Z.
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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